Neue Expertise zur Habibi-Debatte

1-HabibiEine Doktorandin hängt zwei Poster einer studentischen Präsentation in der Essener Unibibliothek ab und zerschneidet eine der Darstellungen. Ihre Begründung: Sie fühlte sich in ihren religiösen Gefühlen verletzt. In den Medien wird das Thema zum bundesweiten Aufreger, als die Uni sich unsicher zeigt und sicherheitshalber die ganze Ausstellung schließt. Rechte Gruppen machen gegen die Uni mobil. Auch in den großen Zeitungen finden sich rassistische Zuspitzungen. Welche Auswirkungen das Verhalten der Universität und der Medien hatte, das hat jetzt das Duisburger Institut für Sprach- und Sozialforschung (DISS) im Auftrag des AStA untersucht. Am 9. Dezember wird die Expertise auf dem Essener Campus vorgestellt.

Der von Medien als „Religions- Streit“ und „Eklat“ bezeichnete Vorfall fand im Juni 2013 statt. Im Rahmen eines Seminars hatten Anglistik-Studierende eine Ausstellung mit dem Titel „What Comics can do – Recent Trends in Graphic Fiction“ im Vorraum der Bibliothek organisiert. Auf einem Poster war eine Collage mit Bildern aus Craig Thompsons Werk „Habibi“ zu sehen. Die Studierenden hatten allerdings neben der Darstellung einer Vergewaltigung das Wort „Allah“ in arabischer Kalligraphie montiert. Einige Studierende beschwerten sich bei Bibliotheksmitarbeiter*innen, bis eine Doktorandin das Poster schließlich abhängte. Eine Woche später hängte sie außerdem ein Poster zu Rutu Modans Graphic Novel „Exit Wounds“ ab und zerschnitt Teile des Bildes.

Verteidigung westlicher Werte?

Danach überschlug sich die Presse in ihren Deutungen zum Vorfall. Von regionalen Medien wie WAZ und RTL West bis zu überregionalen Medien wie der FAZ, dem ZDF und der Welt: Das Thema bekam eine breite Aufmerksamkeit. Statt um den Vorfall auf dem Essener Campus ging es nun in Print, Funk und Fernsehen um die Verteidigung „westlicher Werte“ und „unserer Kultur“. „In unserer Expertise weisen wir nach, dass sich die Debatte vom eigentlichen Vorfall abgelöst hat und auch durch rassistische und kulturalistische Vorstellungen überformt wurde“, sagt DISS-Mitarbeiter und ehemaliger akduell-Redakteur Rolf van Raden. So sagt zum Beispiel RTL West-Chef Jörg Zajonc in einem über 5.000 mal auf Facebook geteilten Kommentar: „Mehrere hundert Jahre kämpften Menschen in ganz Europa für die Freiheit – Freiheit des Denkens, Freiheit des Glaubens, Freiheit der Presse und eben auch Freiheit der Kunst. Aufklärung nennen wir das.“

Außerdem propagierte Zajonc „Vernunft vor Glaube, Verständigung vor Extremismus“ und polterte gegen „Political Correctness“. Damit sprach er der Doktorandin nicht nur aufgeklärtes Denken ab, sondern grenzte ganze Bevölkerungsteile aus der seiner Meinung nach aufgeklärten Gesellschaft aus.

Vordergründig dialogbereit

Und die Universität? „In allen Stellungnahmen von offiziellen Stellen der Uni ist zu lesen, wie unglaublich reflektiert und gesprächsbereit hier alle sind“, sagt Rolf van Raden. „In unserer Analyse wird aber sichtbar, dass das nur bedingt stimmt. Zwar gab es einige Versuche, die Debatte herunter zu kochen und falsche Darstellungen in den Medien richtig zu stellen. Was aber die Deutungsebene angeht, hat die Uni rechten Instrumentalisierungen nicht deutlich widersprochen, die einen angeblichen Kampf der Kulturen – Aufklärung versus Islam – herbeikonstruiert haben.“ Die Entscheidung, die Ausstellung zu schließen, habe die Uni selbstverantwortlich getroffen, so van Raden. „Da herrschte kein Notstand. Indem die Uni trotzdem so tat, als sei sie durch Sachzwänge dazu gezwungen worden, hat sie antimuslimischen Verschwörungsmythen das Wort geredet.“

Es ist nicht das erste Mal, dass der Vorfall an der UDE diskutiert wird. Im März 2014 hatte die Universität das Kolloquium „Universität im Spannungsfeld zwischen Wissenschaftsfreiheit, religiöser Vielfalt und medialer Darstellung“ organisiert. „Für die Aufarbeitung der Uni war die Eskalation der Medienberichterstattung nur der Anlass, aber selbst nicht Thema“, sagt die AStA-Vorsitzende Julia Wenzel. „Das Kolloquium hat keine Antworten darauf geliefert, wie die Uni und wir als Studierendenvertretung in Zukunft besser intervenieren können. Deswegen haben wir diese zusätzliche Untersuchung in Auftrag gegeben, in der auch konkrete Vorschläge gemacht werden, wie die Institutionen besser mit so einem Konflikt und den sich anschließenden Diskussionen umgehen können.“

Zur Vorstellung wurden auch das Rektorat, die Pressestelle sowie die Bibliotheksleitung eingeladen.