Hochprozentiges Dunkel

Hochprozentiges Dunkel

Was passiert, wenn der Tag zur Nacht wird? Die astronomischen Vorgänge bei einer Sonnenfinsternis sind mit heutigem Wissensstand schnell erklärt, doch früheren Kulturen warfen sie Rätsel auf und so entwickelten sie ihre eigenen Geschichten über die Bedeutung des Himmelsphänomens. Eine Sonnenfinsternis wie die, die am 20. März über Deutschland zu sehen sein wird, zeigt vor allem eines eindrucksvoll – wie sehr die Menschen ihren Vorfahren im Geiste doch noch verbunden sind.

Als die dunkle Scheibe sich bedrohlich über den Himmel schiebt, versiegt das Tageslicht. Und während der schauerliche Schatten die Sonne zu verschlucken scheint, decken die Menschen in Japan hektisch sämtliche Brunnen ab, um die Finsternis daran zu hindern, ihr Wasser zu vergiften. In China beäugt man, den Kopf in den Nacken gelegt, misstrauisch den Drachen, der sich da anschickt, die Sonne zu verspeisen und die nordischen Völker meinen fast, das Heulen des Wolfes zu hören, der dem Wagen der Sonnengöttin Sol hinterherjagt und ihm so nahe kommt, dass er ihr Licht verdeckt.

Währenddessen fliegt in Brasilien ein riesiger Vogel in den hohen Gefilden, dessen mächtige Schwingen die Sonne verdunkeln und in Nordamerika sehen Arapaho-Indianer, wie Sonne und Mond ihre Geschlechter tauschen, und der Tag zur Nacht wird, während die Chippawa-Indianer in Panik brennende Pfeile gen Himmel jagen, um die verlöschende Sonne wieder anzuzünden.

Hochmut kommt vor dem Knall

Wenn Sonne und Mond das Geschlecht tauschen, entsteht ein himmlischer Pacman (Foto: SteFou!, CC BY 2.0, https://creativecommons.org/licenses/by/2.0/legalcode)

Wenn Sonne und Mond das Geschlecht tauschen, entsteht ein himmlischer Pacman (Foto: SteFou!, CC BY 2.0, https://creativecommons.org/licenses/by/2.0/legalcode)

Um die Sonnen-Eklipse ranken sich unzählige weitere Mythen und Legenden. Sogar in der Odyssee finden sich mögliche Verweise auf das Himmelsereignis: Als Odysseus endlich nach Hause zurückkehrt, kündigt eine Finsternis das drohende Unheil an, das über den Freiern schwebt, die es sich in seinem Palast, mit seiner Frau, allzu gemütlich gemacht haben: „Aber die Sonne ist vom Himmel getilgt, und böse Finsternis steigt auf“ – ob Homer sich hier auf eine tatsächliche Sonnenfinsternis bezieht, ist unter einschlägigen Experten bis heute ein Streitpunkt, doch an der letztlichen Botschaft ändert sich wenig: Finsternis bedeutet Gefahr, Sonnenfinsternis eine Katastrophe.

Es irrt jedoch, wer sich nun, ob solch abstrakt anmutender Interpretationen allzu simpler astronomischer Abläufe, überlegen schmatzend den Bauch reibt. Denn der menschliche Instinkt, in Situationen gefühlter Unterlegenheit fehlerhafte kausale Zusammenhänge herzustellen, sitzt tief: Die letzte totale Sonnenfinsternis über Deutschland, die sich 1999 ereignete, war als Vorbote der nahenden Apokalypse im Jahr 2000 verschrien und auch jetzt, im fortschrittlichen 2015, mitten im schönsten Informationszeitalter, tendiert der Homo nonnumquam stultus zur Schwarzseherei: Nicht einmal für drei Stunden kann sich die Sonne verabschieden, ohne dass das Märchen von drohenden europaweiten Stromausfällen um die Welt geht.

Der Teufel trägt Solarzellen

Trotzdem eine Studie der Hochschule für Technik und Wirtschaft Berlin das Szenario des Netzzusammenbruchs bereits im Oktober 2014 ausschloss, hält sich das Gerücht vom Ausfall nicht nur hartnäckig, es ist bis in die USA expandiert – so bezeichnet das Fortune Magazine die Sonnenfinsternis als einen Stresstest für die europäische Infrastruktur im Zusammenhang mit den hiesigen hochtrabenden Umweltzielen. Und auch SpiegelOnline sammelt Klicks mit seiner Angstfabrik: Noch am 18. März erschien dort der Artikel „Großstörfall Sonnenfinsternis“, in dem es wundervoll plakativ bereits in der Einleitung heißt: „Die Sonnenfinsternis wird heftige Schwankungen im Stromnetz verursachen, Fahrstühle und Skilifte könnten stehen bleiben. Die Energieversorger haben sich ein Jahr lang auf den Tag der Extreme vorbereitet – und sind trotzdem nervös.“ Fakten, Referenzen zur Studie oder wenigstens der gutbewährte könnte-Konjunktiv? Fehlanzeigte – hauptsache, die Views stimmen!

Ciao, Luna!

Und dabei hat eine Sonnenfinsternis streng genommen gar nichts mit der Verdunklung der Sonne zu tun. Der brennende Stern zeigt sich gänzlichst unbeeindruckt vom erdnahen Treiben: Vielmehr ist es der Mondschatten, der auf die Erde geworfen wird, und den Effekt der Eklipse in jenen Teilen erzeugt, die er verdunkelt. Es ist alles eine Frage der Perspektive: Der Mond kreist um die Erde, die ihrerseits die Sonne umrundet – dabei ist das lodernde Gestirn etwa 400 Mal so weit entfernt vom blauen Planeten entfernt, wie von seinem grauen Begleiter. Der Durchmesser des Mondes ist jedoch circa 400 Mal kleiner als der Durchmesser der Sonne und so entsteht bei Neumond mitunter die Wirkung der Verdeckung. Das Ende des Phänomens halten Forscher für absehbar: Pro Jahr bewegt sich das kleine Nachtgestirn ungefähr 3,8 Zentimeter von der Erde weg – in schätzungsweise 600 Millionen Jahren ist die totale Sonnenfinsternis, bei der nur noch die sonst unsichtbare Gashülle der Sonne hinter dem Mond hervorblinzelt, im naturwissenschaftlichen Sinne Geschichte.

Partiell total im hochprozentigen Dunkel

Die Sonnenfinsternis in Zahlen (Grafik: Martin Mißfeldt, sternenforscher.de, CC-BY-SA)

Die Sonnenfinsternis in Zahlen (Grafik: Martin Mißfeldt, sternenforscher.de, CC-BY-SA)

Es ist eine sogenannte „hochprozentige“ partielle Finsternis, die den bebrillten Schaulustigen am Freitag die Anschaffung drolliger Nasenfahrräder aus Pappe und Plastik hoffentlich wert gewesen sein wird. Das „hochprozentig“ ließe sich hier auch übersetzen mit „nicht-total“: Je nach Standort werden nicht etwa 100 Prozent der Sonne verdunkelt sein, sondern zwischen 70 und 85 Prozent. Genauer bezifferte es Susanne Hüttemeister vom Bochumer Planetarium gegenüber dem WDR: „In NRW wird die Sonne zu 78 Prozent bedeckt sein.“ Ab etwa halb zehn Uhr vormittags scheint es dann, als würde der Mond die Sonne verhüllen – die maximale Bedeckung wird gegen halb elf erreicht und bereits um zwölf ist der Zauber wieder vorbei. In anderen Gegenden, wie beispielsweise den Färöer-Inseln, wird eine totale Finsternis zu sehen sein.

Brille, was?

Wesentlich für die Beobachtung der Eklipse ist vor allem die geeignete Ausrüstung: Auf den Einsatz von Sonnenbrillen, CDs, Filmstreifen, Alufolie oder auch die indirekte Reflektion über den Handybildschirm sollten alle verzichten, die gerne etwas sehen, wenn sie die Augen öffnen. Die offiziellen SoFi-Brillen vom Optiker sind mit einer Folie beschichtet, die höchstens 0,001 Prozent des Sonnenlichts durchlassen. Und die ist essentiell: Auch unter tagtäglichen Umständen ist stetiges Starren in die Sonne nicht empfehlenswert, doch bei einer Eklipse endet es leicht fatal. Denn die Linse, die normalerweise den Lichteinfall auf die Netzhaut reguliert, wird durch die fehlende Blendung in dieser Funktion massiv gestört. Infolgedessen trifft das Licht mit so hoher Energie auf den Punkt des scharfen Sehens, dass es zu schmerzlosen Verbrennungen kommt, die größtenteils unwiderrufliche Schäden hinterlassen – in diesem Zusammenhang kam es bereits zu Vorfällen einer dauerhaften Reduktion der Sehkraft auf 10 Prozent oder weniger.

Wer aufgrund der akuten Knappheit keine der begehrten Spezialbrillen mehr ergattern konnte, findet im Blog Bonner Sterne eine Bastelanleitung für alternativen sicheren Genuss: Notwendig sind dafür unter anderem ein kleiner Taschenspiegel und ein dunkler Raum. Wer keine Lust auf Basteln hat, muss auf das Vergnügen ebenso wenig verzichten. Unter diesem Artikel befindet sich eine Zusammenstellung von Links zu Livestreams aus unterschiedlichen Gegenden, auch den Färöer-Inseln.

„Lass regnen, wenn es regnen will, dem Wetter seinen Lauf;
denn wenn es nicht mehr regnen will, so hört’s von selber auf!“

Vom Kaiserberg gesehen, gleicht Duisburg am 19. März einer Nebelküche. Wenn es so bleibt, wird das Naturschauspiel am 20. März unbeobachtet stattfinden (Foto: sel)

Vom Kaiserberg gesehen, gleicht Duisburg am 19. März einer Nebelküche. Wenn es so bleibt, wird das Naturschauspiel am 20. März unbeobachtet stattfinden (Foto: sel)

Sowohl für Duisburg, als auch für Essen rechnen Wetterdienste für den 20. März derzeit mit starker Bewölkung. Doch wessen buntes Guckgerät mangels Sicht seinen Einsatz verpassen sollte, kann aufatmen: Die nächste Chance, hierzulande ins Angesicht einer partiellen Sonnenfinsternis zu zwinkern, wartet bereits am 12. August 2026. Und für die wirklich Geduldigen: Nur noch 24.272 Mal schlafen, bis zum Morgen des 03. Septembers 2081 – vor der Tür wartet dann die erste totale Sonnenfinsternis über Deutschland seit 1999.

Livestreams:

Aus Färöer (totale SoFi)

Aus Bayern

Aus Niedersachsen

Aus dem Saarland

Aus Italien