Duett in der Zwischenwelt

Auf einen Drink in der Zwischenwelt: Falco (Axel Herrig) und Freddie Mercury (Sascha Lien).

Auf einen Drink in der Zwischenwelt: Falco (Axel Herrig) und Freddie Mercury (Sascha Lien).

Am Abend des 26.03. kommt es im Essener Colosseum zu einer unmöglichen Begegnung: Nach seinem tödlichen Autounfall trifft der doch noch recht vital wirkende Falco im Reich der Rock Goddess auf Freddie Mercury, der seit dem eigenen Ableben dort sein Dasein fristet. Zum großen Vergnügen des gut gefüllten Saales, schwelgen sie fortan gemeinsam in lautstarken Erinnerungen an ihre Hits – mitunter sogar im gleichzeitigen Queen-Falco-Mix.

Die platinblonde Lady-Gaga-Doppelgängerin trägt Ledermontur. Während im Hintergrund die Flammen züngeln, gibt sie ihrer dunkel gekleideten, tanzenden Entourage mit der Gerte den Takt zu Falcos „Dance Mephisto“ an: „Wir wollen das unendlich Böse“, singt sie und man glaubt es ihr: Sie ist die Rock Goddess, Königin der Zwischenwelt, Kerkermeisterin sowie Gastgeberin zweier Musiklegenden: Falco und Freddie Mercury nehmen es mit Humor und erleben hier, unter der Kontrolle der Göttin, eine Bekanntschaft, die ihnen im Leben nicht vergönnt war.

Surrender your ego, be free to yourself“

Die beiden untoten Musiker verstehen sich auf Anhieb und verbringen ihre Zeit in der Zwischenwelt mit Musik und Drogen, den Rätseln des Lebens, den Schmerzen der Liebe und den Fragen der Zeit. Wenn zwei Legenden aufeinanderprallen, ist ein Wettstreit sozusagen vorprogrammiert. Soli, Duette, Mash-Ups – ungeniert bedienen sie sich auch gerne mal im Repertoire des jeweils anderen und die Rock Goddess stimmt mit ein.

Gespannte Erwartung im Foyer des Essener Colosseums (Foto: sel).

Gespannte Erwartung im Foyer des Essener Colosseums (Foto: sel).

Für musikalische Grundstimmung sorgt die Bohemian Band, meist aus dem Hintergrund manchmal, in bester Rockermanier, vom Zentrum der Bühne. Ihren akustischen Klangteppich ziehen die Musiker dem Publikum gekonnt unter den Füßen weg, um ihn dann zu zerlegen und seine Fetzen durch den Saal zu jagen. Wie schon im Vorgänger des Muscials „Falco meets Amadeus“, ist es auch hier Axel Herrig, der in die Rolle des Falco schlüpft. Es ist eine gelungene Besetzung: Man muss zweimal hinhören um nicht einer akustischen Täuschung zu erliegen; oft scheint tatsächlich Falco wiederauferstanden zu sein.

Auch die Rock Goddess ist mit Aino Laos bestens besetzt. Ihre meist klare, mitunter auch ruppige Stimme lässt die Zwischenwelt durch den Saal schwappen und allzu gerne würde man sie das „Don’t stop me now“ einmal gegen „Black Velvet“ von Alannah Myles tauschen hören. Sascha Lien, der zuvor die Hauptrolle im Musical „We will rock you“ spielte, singt die Rolle des Freddie Mercury hier ebenfalls souverän und seine Stimme ist selbst den mercuryischen Höhen gewachsen. Er ist jedoch sowohl äußerlich, als auch stimmlich überraschend weit vom Original entfernt, was eingefleischte Queen-Fans, die auf eine Revival hoffen, enttäuschen könnte.

Insanity laughs, under pressure we’re cracking“

Choreographie und Kostüme fallen vor allem durch ihre Verspieltheit auf: Das siebenköpfige Tanzensemble ist mal in Schlafmontur auf der Bühne, dann als Seeleute und Piraten, die mit weißen Fluglotsenstäbchen wirbeln. Dabei tragen sie alle meist unterschiedliche Aufmachungen, was es hin und wieder erschwert, den Überblick zu behalten.

Ein anderes Mal meint man, einem Kinderfasching gegenüber zu sitzen, so bunt sind die Clowns, die über die Bühne tollen. Die vier männlichen Tänzer werden mit Vorliebe ganz oder teilweise oben-ohne präsentiert, und das so oft, dass sie fast zum Bühnenbild zu gehören scheinen.

Bemerkenswert ist die tänzerische Leistung, mit der ein Paar in Modern Contemporary imponiert und mit Drehungen, Hebefiguren und viel Körpergefühl die Bühne für sich einnimmt. Darüber hinaus beschränkt die Choreographie die Tänzer*innen größtenteils auf wenig fordernde Hiphop-Schritte und ist sich auch für links-ran-rechts-ran-Tänzchen mit zugehörigen Armschwenkern in der Luft nicht zu schade. Bei dieser Art von Tanz sind die Abweichungen in der Synchronizität der Schritte sehr auffällig. Musik und Choreographie divergieren hin und wieder; besonders, als Falco das doch recht traurige „Emotional“ anstimmt. Die verschmitzten Tänzer*innen, die vergnügt miteinander kabbeln, sich neckend die Zungen entgegenstrecken und lachend um Alkohol rangeln, wollen nicht so recht zu seinem verletzten „Watch me break down and cry, tears in my eyes, I’ve got to cry“ passen.

There’s no place for us“

Für das Bühnenbild könnte das Musikvideo zu „Emotional“ Model gestanden haben: Im Hintergrund der Bühne ist eine zweistöckige Metallkonstruktion aufgebaut, die den Raum links wie rechts vom Mittelgang in je ein Quadrat aus vier offenen Blöcken unterteilt. Im unteren Stockwerk sind auf beiden Seiten die Musiker aufgebaut, die oberen vier Fächer stehen meistens leer, was allerdings kaum ins Gewicht fällt – die Bühne wird gekonnt bespielt und die Aufmerksamkeit des Publikums folgt den Hauptdarsteller*innen auf Schritt und Tritt.

Beleuchtung und Effekte der Show reichen vom Funkenregen im Mittelgang bis zur Nebelmaschine, deren wabernder Atem die am Boden liegende Tänzerin während Falcos „Jeanny“ zu verschlucken scheint. Leider wurde bei der Einstellung der Beleuchtung nicht bedacht, dass es einen Rang gibt, so dass das hier ansässige Publikum regelmäßig die Augen zusammenkneift, wenn die Strahler mal wieder hochziehen.

Does anybody know what we are looking for?“

Falco meets Mercury“ ist lauschige Abendunterhaltung. Die beiden Musiker begegnen sich, von der christlichen Warte gesehen, im Fegefeuer, wo sie eine Kartasis erfahren – mithilfe ihrer Lieder und freundlicher Unterstützung der Rock Godess lernen sie das Loslassen, um so schlussendlich der Zwischenwelt zu entkommen. Die Geschichte mag ihre Lücken haben, doch im Mittelpunkt der Show steht die Musik und eben darauf beruht das Konzept dieser Produktion. Bei einem Ticketpreis von 50 bis 80 Euro lohnt sich das Erlebnis am ehesten für treue Falco-Fans und alle, die nicht leben können, ohne den Mash-Up aus „We will rock you“ und „Amadeus“ live gehört zu haben.

Zu den zukünftigen Terminen von Freddie meets Mercury.