Kuba weint

Soy de Cuba mit Tanz, Musik und Che Guevara (Foto: Philippe Fretault)

Das Ensemble von Soy de Cuba im Konzerthaus Dortmund (Foto: Philippe Fretault)

Am Abend des 25. März feiert das Tanzmusical „Soy de Cuba“ Deutschlandpremiere im Konzerthaus Dortmund. Wer hier ist, erwartet das, was angepriesen wurde; die „vielfältigen Rhythmen und feurigen Tänze Kubas, gefühlvolle Gesangseinlagen und eine bewegende Liebesgeschichte vor der Kulisse brillanter Aufnahmen Havannas“. Und wie das so ist mit Erwartungen – besser man hat keine.

Der Aufbau der Show ist simpel: Die Geschichte wird getragen von Stummfilmen sowie von den bruchstückhaft eingestreuten Erläuterungen des Erzählers Olivier Andrys. Ohne die zugehörige Infobroschüre, für die ein Extraobolus anfällt, ist das Geschehen auf der Bühne eher ein schemenhaftes Gebilde. Es freut sich, wer von der Presse ist und das Heft gratis zugesteckt bekommt. Es freut sich noch mehr, wer besagtes Heft ignoriert, und die Vorführung somit unvoreingenommen genießt.

Ayalas großer Traum

Im Verlauf der Show wird immer deutlicher, dass die Handlung hier sowieso eher als peripherer Hinweisreiz fungiert. Ayala, getanzt von Yanetsy Ayala Morejon, wächst auf einer Tabakfarm auf und geht nach Havanna, um Tänzerin zu werden. Dort lernt sie Mario (Dieser Serranon) kennen, in den sie sich verliebt, um dessen Gunst sie jedoch zunächst mit der schönen Diva Lola (Cheyla Castellon Jimenez) konkurriert. In der Pause beantwortet ein Zuschauer die Frage nach seinen Eindrücken recht verschmitzt: „Sie will halt Tänzerin werden. Und sie ist auf einem guten Weg dahin. Aber ich bin mir noch nicht ganz so sicher, ob sie das schafft.“ Und eine Dame gesteht: „Das mit der Romanze habe ich noch nicht so ganz verstanden. Entweder sie ist zwischen der Hauptperson und irgendwem oder zwischen der Diva und ihrem Rattenschwänzchenfreund [Mario, Anm. d. Red.].“ Wer während der Show versucht, die Handlung logisch nachzuvollziehen, scheitert – besser ist es, das Denken auszuschalten, und sich auf die Tänze zu konzentrieren. Im Nachhinein drängt sich die Frage auf, ob eine inkonsistente, unvollständig vermittelte Handlung wirklich besser ist als gar keine.

Wippenden Fußes

(Foto: Philippe Fretault)

Die Band, Sängerin Danais Menendez und Rembert Egues am Piano (Foto: Philippe Fretault)

Musikalisch ist der Abend ein Genuss: Insgesamt sieben Musiker*innen, einschließlich des Musikalischen Leiters Rembert Egues, füllen den Dortmunder Saal mit kubanischem Flair. Mal sind es sorglose Töne, leicht und beschwingt, nur um dann in bebenden Impulsen hochzukochen, die Stillsitzen zur Prüfung werden lassen. Als die Sängerin Danais Menendez vortritt, lauscht und starrt man gebannt. Ihr Lächeln ist authentisch, der Hüftschwung ernst gemeint, das Solo souverän. Überhaupt sind die Soli der Bandmitglieder gelungen und gemeinsam entfesseln sie die lateinamerikanischen Rhythmen, die das Publikum nicht selten zu berauschtem Klatschen verführen.

Ganz schön kahl

Beim Bühnenbild setzt die Show auf Minimalismus: An einer rustikal angemalten Theke lehnen zwei Säcke mit der Aufschrift „Cuba Caffee“, im Schrank dahinter findet das suchende Auge Rum, Marke Havanna. Außer eines kleinen, runden Cafétisches am vorderen Rand der Bühne, war es das fast schon wieder. Bei einem Ortswechsel im Verlauf des Stücks wird kurzerhand eine Spanplatte vor die Theke geschoben, auf der ein Graffiti von der „Calle Esperanza“, Straße der Hoffnung, kündet. Wenn nicht gerade eines der Filmchen läuft, blickt meist Che Guevara von der Leinwand hinab. Nun muss eine Tanzaufführung weder durch extravagante Bühnenbilder noch mit audiovisuellem Material brillieren. Doch es ist problematisch, wenn sich ein Ticketpreis von 25 bis zu 70 Euro allzu oft mit der Atmosphäre einer Schulaufführung paart.

Zu viel der Freude

(Foto: Philippe Fretault)

Sie fliegen, sie strecken und biegen sich (Foto: Philippe Fretault)

Das Tanzensemble aus insgesamt dreizehn Tänzer*innen glänzt in Taktgefühl und Körperbeherrschung. Jeder Schritt der Choreographie sitzt, die Bewegungen sind synchron, nur die Hebefiguren wackeln mitunter recht instabil, während den stemmenden Männern fremde Beine im Gesicht baumeln. Leider überzeugt die Choreographie von Luis Alberto Moro Ronda nicht. Zu oft wirkt es angestrengt, die Chemie zwischen den Darsteller*innen glänzt durch Abwesenheit, vielleicht auch aufgrund des eingebrannten Lächelns, das sie alle wie eine Maske auf dem Gesicht tragen.

Das Defizit an wahrgenommener Leidenschaft geht jedoch vor allem auf die allgegenwärtige Überspitzung zurück: Soy de Cuba greift tief in die Klischeekiste, am Niveau vorbei und nimmt nur das Beste aus dem Bodensatz. Kubanische Kultur, das sind hier Tänzerinnen, die ihren Fuß im Stand über den Kopf heben und dann den Knöchel kreisen lassen können. Als einer der Herren sich offenkundige Messerattrappen in die Innenseite seiner Ellenbogen klemmt und beginnt, wild damit herumzufuchteln, fürchtet man um seine geistige Gesundheit. Als Mario die Verfolgung seiner geliebten Ayala antritt und zur Verdeutlichung auf der Stelle rennt, geht Ungläubigkeit in amüsierte Faszination über.

Standing Ovations

Angeregte Unterhaltungen im Foyer des Konzerthauses (Foto: sel)

Angeregte Unterhaltungen im Foyer des Konzerthauses (Foto: sel)

Einige Stimmen aus dem Publikum kritisieren, nackte Haut und flache Bäuche hätten die Säulen des Abends gebildet. „Schade, dass sie es so übertrieben haben“, findet eine ältere Dame. Ein junger Mann, der enttäuscht wirkt, wird deutlicher: „Die Filme sahen doch aus wie die Werbevideos von einem Reisebüro. Und am Ende hat man knappe Röcke satt und mehr gespreizte Beine gesehen als in einem Porno. Wenn das kubanische Kultur ist, dann weiß ich auch nicht.“

Die meisten wirken jedoch begeistert: Die Tänze seien „Super“, „Zunehmend rasant“ und „Was für’s Auge“ – am Ende der Show steht der Großteil des Saales, während donnernder Applaus und Rufe nach Zugaben erschallen. Jubel oder Grusel; Meinungen gehen eben auseinander.

Zu den zukünftige Terminen von Soy de Cuba in Deutschland.