Mehr Ohnmacht als Wut

"Gegen den Massenmord im Mittelmeer - Nieder mit der Festung Europa" - Unter diesem Motto ging es durch Düsseldorf Foto: aGro)

„Gegen den Massenmord im Mittelmeer – Nieder mit der Festung Europa“ – Unter diesem Motto ging es durch Düsseldorf. (Foto: aGro)

Am vergangenen Samstag demonstrierten knapp 200 Personen in Düsseldorf gegen die sogenannte „Festung Europa“, an deren Grenzen in den vergangenen Wochen ungefähr 1.000 Menschen ums Leben kamen. Die Veranstalter*innen, vorwiegend antifaschistische und studentische Gruppen aus dem Ruhrgebiet, kritisierten das Desinteresse der politisch Verantwortlichen und sprachen sich für globale Bewegungsfreiheit aus. Auch in der kommenden Woche wird es in Düsseldorf Protest gegen die EU-Grenzpolitik geben: Die Essener Künstlerin Anabel Jujol organisiert mit weiteren Träger*innen einen Trauermarsch, bei dem nicht der politische Appell im Zentrum steht, sondern Ohnmacht und Mitgefühl.

Es war erstaunlich ruhig in Düsseldorf. Eine überschaubare Gruppe vorwiegend junger Menschen mit Immatrikulationshintergrund zog am Samstag recht unauffällig vom Hauptbahnhof zur CDU-Landeszentrale und zurück zur Königsallee. Parteifahnen waren verboten, Parolen kaum zu hören und die schlechte Qualität der Lautsprecher trug ebenfalls ihren Teil dazu bei, dass Analysen und Appelle weitgehend ungehört blieben. „Die deutsche Bevölkerung reagiert auf die Politik der Bundesregierung und das Massensterben im Mittelmeer vor allem mit Desinteresse“, heißt es im Aufruf, „Nicht unwesentliche Teile der Deutschen fordern sogar ein noch brutaleres Vorgehen gegen Flüchtende. Derartige Reaktionen sind Ausdruck von Kälte und Brutalität, von Rassismus und Nationalismus.“ Dementsprechend resigniert ist das Fazit: „Die Forderung nach Menschlichkeit, die Forderung nach Mitgefühl, die Forderung nach globaler Freiheit können solange nur ins Leere laufen, wie sie nicht die Forderung nach der Umstürzung der bestehenden Verhältnisse beinhalten“.

Die Emanzipatorische Antifa Duisburg zeigte sich in ihrem Redebeitrag nicht weniger revolutionär, betonte aber, dass die Mitschuld der EU sich hierbei nicht auf eine kapitalistische Verwertungslogik reduzieren lasse: „Bei jedem einzelnen Ertrunkenen oder am Grenzzaun gescheiterten Geflüchteten handelt es sich nicht um eine `Katastrophe´, sondern schlichtweg um fahrlässige Tötung seitens der politischen Akteure.“ Durch Umschreibungen wie Unglück, Tragödie oder Katastrophe werde dies zu einer schicksalhaften Begebenheit uminterpretiert und die Schuld relativiert.

Trauermarsch mit Leichensäcken

Anabel Jujol organisierte bereits 2013 einen Trauermarsch für verstorbene Geflüchtete Foto: A. Jujol)

Anabel Jujol organisierte bereits 2013 einen Trauermarsch für im Mittelmeer verstorbene Geflüchtete (Foto: A. Jujol)

Am Samstag, den neunten Mai, wird in Düsseldorf ein weiteres Mal gegen die europäische Grenzpolitik protestiert. Hierbei steht allerdings weniger die Kritik der Täter*innenseite im Mittelpunkt, sondern die Trauer um die Opfer. Veranstalter*innen sind das Psychosoziale Zentrum für Flüchtlinge Düsseldorf (PSZ), Amnesty International, Occupy Düsseldorf und die Künstlerinnen Mizgina Rengin und Anabel Jujol. Am Martin LutherPlatz startet der Marsch um 12 Uhr. In Trauerkleidung und mit Leichensäcken geht es dann zum Rheinufer. „Es ist vielleicht schwer auszuhalten“, warnen die Veranstalter*innen, „aber immer noch leichter als zwischen Verdrängung, Ohnmacht und Gleichgültigkeit zur Tagesordnung überzugehen, als wäre und würde nichts geschehen.“

Gemeinsam mit Annette Windgasse vom PSZ hatte Jujol bereits 2013 einen vergeichbaren Trauermarsch veranstaltet. Damals sei die Idee spontan in sozialen Netzwerken entstanden. „Wir waren knapp 50 Personen und haben dann improvisiert: Müllsäcke mitgebracht, die irgendwie ausgestopft und mit weißen Kreuzen sichtbar gemacht“, erkärt die Künstlerin, die für die PARTEI-Piraten-Fraktion im Essener Stadtrat sitzt. Diesmal seien die Anmeldezahlen viel höher. Um den Marsch optisch noch realistischer zu gestalten, wurden professionelle Bodybags bestellt. Während des Marsches soll klassische und nordafrikanische Trauermusik gespielt werden. Die Künstlerin erzählt: „Das war 2013 sehr emotional und noch dazu kam, dass wir stumm und für eine Demonstration extrem langsam waren.“

Wut und Mitgefühl

Jujol will aus dem Mitgefühl heraus Energien für den Protest aktivieren, anstatt sich nur an den politischen Gegner*innen abzuarbeiten. Kämpferische Demonstrationen lehnt sie aber nicht ab: „Das ist kein Entweder-Oder, sondern zwei Varianten, die beide ihre Berechtigung haben.“ In Politik und Protest würden aber generell zu wenig Emotionen reflektiert. „Wir versuchen immer Emotion auszuklammern“, beklagt die Künstlerin, „Wut ist ok, Freude oder Trauer sind aber schwieriger.“ Durch das Öffentlichmachen der eigenen Trauer könne diese einen authentischen Ausdruck gewinnen, sagt Jujol: „Man wird sich klar, wie man da wirkt und das macht etwas mit einem. Dann kann man durchatmen: Jetzt habe ich getrauert und jetzt kann ich kämpfen, aber eben auch in der Reihenfolge.

Dieses Video dokumentiert den Trauermarsch von 2013: