Würde im Würgegriff

Raif Badawi: "1000 Peitschenhiebe: Weil ich sage, was ich denke" aus dem Arabischen von Sandra Hetzl. 64 Seiten, 4,99 Euro. Ullstein, Berlin. Foto: sel

Raif Badawi: „1000 Peitschenhiebe: Weil ich sage, was ich denke“ aus dem Arabischen von Sandra Hetzl. 64 Seiten, 4,99 Euro. Ullstein, Berlin. Foto: sel

Das Seltsamste am menschlichen Verhalten ist, dass der Mensch sich seine Hindernisse selbst baut. Er denkt sich Mythen aus – und verehrt sie dann als etwas Heiliges.“ Für Sätze wie diesen wurde der saudische Blogger Raif Badawi 2012 verhaftet. Im Mai 2014 lautete das endgültige Urteil eines ansässigen Gerichts: zehn Jahre Haft, 1000 Peitschenhiebe und ein Bußgeld von etwa 194.000 Euro. Nun ist eine Auswahl seiner Texte auf Deutsch erschienen.

Das Büchlein ist 64 Seiten schmal, nur 40 davon nehmen die Online-Texte des Bloggers ein. Was macht eine Aneinanderreihung von Buchstaben so explosiv, dass sie einen Mann ins Gefängnis bringt und seine Familie zur Flucht aus der Heimat zwingt? Mit seinen Blogeinträgen setzt Badawi sich für die „Würdigung des Individuums“ ein: Seine zentralen Forderungen sind Glaubens- und Meinungsfreiheit sowie die Gleichberechtigung der Frauen. Das sind gefährliche Bekenntnisse in einem Land, in dem auf die Abkehr vom wahabitischen Glauben die Todesstrafe steht und Frauen nicht Auto fahren dürfen mit der Begründung, es würde ihre Eierstöcke beschädigen. Sogar das deutsche Außenministerium hatte laut Spiegel noch vor der Veröffentlichung der nun erschienen Sammlung gewarnt.

Eine Heimat für alle

Badawi prangert nicht nur die Theokratie Saudi-Arabiens an, sondern jegliche dominante Ideologie in einem politischen System, auch im Westen. Eine solche verhindere das Entstehen einer Zivilgesellschaft, in dem sie die Bevölkerung indoktriniere und die Kultur unterdrücke. „Die Hauptmission einer jeden Theokratie ist es, jegliche Vernunft zu töten“, so urteilt er und kritisiert speziell Islamisten, womit er offensichtlich auch die eigene Regierung meint. Für eine Gesellschaft, in der jedes freie Denken einem Abfall vom Glauben gleichkommt, sieht er keine Zukunft und schreckt nicht davor zurück, intellektuelle Größen zu zitieren, die im Laufe der Jahre Opfer theokratischer Verfolgung geworden sind. Stillschweigende Akzeptanz ist für ihn glatte Ignoranz, auf der ein Volk zwangsläufig ausrutschen wird und ein solches Leben als abgestumpfter, willenloser Untertan lehnt er entschieden ab. Seine Kommentare zum Sturz Hosni Mubaraks in Ägypten, die Hoffnung, die Revolution möge sich auf andere arabischen Länder ausweiten, ist mehr als nur latent subversiv.

Besonders brisant ist Badawis Beharren auf einer Gleichberechtigung der religiösen Überzeugungen. Indem sie ganze Gruppen von Menschen mindestens aus Teilen des öffentlichen Lebens ausschließt, untergräbt die saudische Gesellschaft in seinen Augen das Grundprinzip der Nationenidee, nämlich „dass die Heimat für alle da ist, ohne Ausnahmen“. In Saudi-Arabien ist es zwar erst seit 2014 strafbar, andere Glaubensrichtungen als gleichberechtigt neben dem wahabitischen Islam zu bezeichnen, das hinderte das Gericht jedoch nicht daran, Badawi aufgrund seiner Äußerungen in den Jahren zuvor auf dieser Grundlage schuldig zu sprechen. Dass er außerdem die saudische Rechtsprechung als „ganz persönliche Scharia-Gerichte“ bezeichnet und somit ihre religiös fundierte Existenzberechtigung negiert, hat gewiss sein Übriges getan.

Mills Bruder im Geiste

Eine erstrebenswerte Gesellschaftsform sieht Badawi nur im Liberalismus, den er als „leben und leben lassen“ definiert. Ob er die Werke des Philosophen John Stuart Mill gelesen hat, lässt sich nicht erfragen, doch erinnert vieles bei der Lektüre an den liberalen Utilitaristen. Wie dieser sieht Badawi die Freiheit als Bedingung für Fortschritt, lehnt jegliche Einmischung in die privaten Angelegenheiten anderer ab, beschwört, die Meinungen der Individuen zu respektieren und bezieht dies auch explizit auf die Rechte der Frauen. „Die Phobie vor ‚Vermischung‘ […] haben wir erst vor ungefähr 30 Jahren erfunden“, kündet er und scheut sich nicht zu spotteln: „Wir mit unserer Frauenbesessenheit“.

Dass Unterdrückung und Benachteiligung auch wirtschaftlich nachteilig sind, zeigen andere Quellen: In einer Studie der Thomas Reuters Stiftung zur Situation der Frauen steht Saudi-Arabien nur zwei Nummern vor dem letztplatzierten Ägypten. Und das könnte laut Third Billion Index sein BIP um 34 Prozent netto steigern, wenn Frauen die gleichen Rechte und Chancen bekämen wie Männer. Saudi-Arabien konnte aufgrund der hohen Anteile natürlicher Ressourcen am Export nicht eingeschätzt werden, doch die Verhältnisse deuten darauf hin, dass auch die dortige Wirtschaft von Gleichberechtigung profitieren würde.

Je suis hypocrite

Trotz zahlreicher internationaler Proteste ist nicht davon auszugehen, dass Badawi in der nächsten Zeit begnadigt wird. Nach den ersten 50 Schlägen wurde die Vollstreckung der Prügelstrafe zwar vorerst pausiert, doch für wie lange, das bleibt offen. Dass sich Vertreter der saudischen Regierung nach den Anschlägen auf Charlie Hebdo beim Pariser Trauermarsch einreihten, ist an Heuchelei kaum zu überbieten.

Das Engagement der deutschen Regierung grenzt an eine Farce: Hier ein Anruf von Bundeskanzlerin Merkel, dort ein Gespräch durch Vizekanzler Gabriel, der laut der Zeit (16/2015) gesagt haben soll, Menschenrechtsverletzungen schlügen auf die unternehmerische Stimmung. Doch nicht erst seit diesem Jahr verstößt Saudi-Arabien mit der Prügelstrafe gegen die Antifolterkonvention der Vereinten Nationen, sondern bereits seit es diese 1997 unterzeichnet hat. Dem bilateralen Handelsvolumen von 11 Milliarden Euro hat das bisher keinen Abbruch getan, im Gegenteil, die Tendenz ist steigend.

Horst Seehofer (CSU) ist am 18. April zu einer Delegationsreise nach Saudi-Arabien und Katar aufgebrochen. Bereits im Vorfeld machte er deutlich, den Fall Badawi nicht nur nicht thematisieren zu wollen, sondern verwies laut Zeit auch für seine Begleiter auf die „Einhaltung der Verhaltensregeln“. Auf Facebook schreibt er zwar „Die Presse- und Meinungsfreiheit ist unverzichtbar für eine freie Gesellschaft“, doch wie die Taz berichtete, zeigte er sich noch 2012 einer Verschärfung des sogenannten Blasphemie-Paragraphen §166 im StGB nicht abgeneigt: „Wenn das vorhandene Recht solche Provokationen nicht beherrscht, dann muss man überlegen, wie man es beherrschbar macht.“ Dass er nun davon absieht, wenigstens symbolisch einen Gefängnisbesuch zu beantragen, ist vor diesem Hintergrund geradezu konsequent.

Einigkeit und Recht und Freiheit

Badawi, der inzwischen für den Friedensnobelpreis 2015 vorgeschlagen wurde, schreibt: „Wir müssen da anfangen, wo wir anfangen müssen: nämlich von neuem.“ Er sieht sich selbst als Teil des Systems, das er anprangert und zu verbessern sucht; aus seinen Texten spricht der millsche Optimismus. Obwohl es ein offensichtlicher Makel ist, dass „aus Sicherheitsgründen“ jegliche Koranzitate zensiert wurden, ist dem Journalisten Constantin Schreiber für die Herausgabe dieses Buches zu danken. Es ist die fünf Euro, die vollständig Badawi zugute kommen, allemal wert. Zu wünschen wäre, dass sich auch die hiesigen Politiker*innen der Lektüre widmen und sich erinnern, dass Werte nicht vom Himmel fallen. Individualismus ist eine humane Errungenschaft, die Idee der universellen, bedingungslosen und unveräußerlichen Menschenrechte ist ein langerkämpftes, kulturelles Erbe. Wer sich ihnen verpflichtet, muss sich daran messen lassen. Auch im Bezug auf wirtschaftliche Entscheidungen.