Im Zweifel sicher

Im Zweifel sicher

Die Neuerkrankungen an Syphilis nehmen bundesweit seit Jahren zu. In Essen hingegen geht der Trend seit 2013 in die entgegengesetzte Richtung, nicht zuletzt dank der Bemühungen der Beratungsstelle für sexuell übertragbare Krankheiten im Gesundheitsamt Essen. Dass die Stelle kostenlos und anonym Syphilis- sowie HIV-Tests anbietet, ist jedoch, trotz der umfangreichen Aufklärungsarbeit der Berater*innen, vielen noch unbekannt.

Des Gesundheitsamt an der Ecke Hindenburg- und Hoffnungsstraße Essen (Foto: sel)

Des Gesundheitsamt an der Ecke Hindenburg- und Hoffnungsstraße Essen (Foto: sel)

Ein leichter Hauch von Desinfektionsmitteln schwebt in der Luft des Behandlungszimmers. Zögernd tritt Larissa ein, ihr Hals-Nasen-Ohren-Arzt grüßt freundlich und bedeutet ihr, sich zu setzen. Nach kurzem Begrüßungsplausch fragt er nach dem Grund ihres Kommens. Die junge Frau streicht sich eine blonde Haarsträhne hinter das Ohr, sie sagt, sie hätte Halsschmerzen. Ihr HNO erkundigt sich nach möglichen Ursachen, es folgen diverse Untersuchungen, für die Larissa den Mund sehr weit öffnen muss. Keine von ihnen ist angenehm, jede fruchtlos: Der Arzt, so gewissenhaft er auch suchen mag, wird die korrekte Diagnose höchstwahrscheinlich nicht stellen. Dafür fehlt ihm die entscheidende Information, dieser halbe Satz, den Larissa ihm verschweigt. Vielleicht hat sie sogar kurz überlegt, es zu sagen; anfangs, als sie noch zögerte und sich an ihrer Strähne festhielt. „Ich habe ständig Halsschmerzen – und regelmäßig Oralverkehr.“ Wer sagt das schon so offen zum HNO?

Larissa ist eine fiktive Person, doch ihr Problem ist real. Wenn konsultierende Ärzte nicht über alle relevanten Informationen verfügen, rückt die korrekte Diagnose in weite Ferne. Das ist ein Problem, in erster Linie für die Erkrankten. Der HNO könnte Larissa behandeln, aber über ihre sexuellen Gewohnheiten möchte sie mit ihm nicht sprechen. „Manchmal traut man sich nicht, sich seinem Hausarzt anzuvertrauen“, sagt Sabine Wentzky dazu. Sie arbeitet im Gesundheitsamt Essen, in der Beratungsstelle für sexuell übertragbare Krankheiten. Und eventuell wäre sie diejenige, der Larissa gegenübersäße, wenn diese denn von der Beratungsstelle wüsste.

Die Beraterin Sabine Wentzky vor dem Eingang des Essener Gesundheitsamtes (Foto: sel)

Die Beraterin Sabine Wentzky vor dem Eingang des Essener Gesundheitsamtes (Foto: sel)

Das Wort Amt wird mit vielem assoziiert; der Gedankengang zur medizinischen Hilfe ist mitunter jedoch zu lang. Dabei verfügt die Beratungsstelle in Essen über ein breites Angebot und bemüht sich, es bekannter werden zu lassen. „Ich bin immer ganz erstaunt, wie viele nicht wissen, dass man bei uns kostenlos einen HIV- und Syphilis-Test machen kann“, erzählt Wentzky. Zu ihr zu kommen, anstatt zum eigenen Arzt, hat vor allem den Vorteil der Anonymität. Ein Prinzip, von dem die hier Beschäftigten überzeugt sind: „Das ist sehr wichtig. Man spricht über sehr intime Sachen. Um eine gute und adäquate Untersuchung anbieten zu können, muss ich natürlich wissen, was passiert ist“, so Wentzky, „Viele empfinden auch hier Scham, wenn sie erzählen, aber das ist etwas anderes. Sie wissen, wir sind mit solchen Themen befasst, und es ist anonym und vertraulich.“

Gratis, aber nicht umsonst

Die Berater*innen sind viel unterwegs, klären auf und bieten Beratung sowie Tests an. Ein Blick auf die Zahlen bestätigt das Konzept: Seit 2009 verzeichnet das Robert-Koch-Institut in Berlin einen konstanten Anstieg der jährlichen Neuerkrankungen an Syphilis. 2010 waren es bundesweit 3.033, 2013 bereits 5.015. Für das Jahr 2014 rechnet man mit einem weiteren Anstieg. In Essen hingegen ist der Trend seit einigen Jahren rückläufig: Von 111 Fällen im Jahr 2012 auf 82 im Jahr 2013, und nur noch 80 im Jahr 2014. Dass die Zahlen exakt bekannt sind, liegt an der Meldepflicht. Für HIV- und Syphilis besteht sie nicht-namentlich, steht der anonymen Arbeit des Essener Stelle also nicht entgegen.

syphilis_poster_E.H.Krause_wikicommons - Besser vorsorgen!Die Kosten für die HIV- und Syphilis-Tests trägt das Land NRW. Andere Leistungen finanziert das Gesundheitsamt im Einzelfall aus eigenen Mitteln. Diese werden dem Amt von der Stadt Essen zugeteilt, das genaue Budget ist nicht-öffentlich. „Wir sind ein öffentlicher Gesundheitsdienst, kein Parallelangebot zum niedergelassenen Arzt“, erklärt Wentzky. „Unser Angebot sind Leistungen für Menschen, die gar nicht über eine Versicherung verfügen und aus den sozialen Netzen herausfallen – oder aus anderen Gründen die Angebote der niedergelassenen Ärzt*innen nicht wahrnehmen können.“ Sie fügt hinzu: „Wir können nicht alles für alle machen, aber was wir können, bieten wir an.“

Bei Unsicherheit, ob man sich mit einer sexuell übertragbaren Infektion angesteckt hat, solle man den Gang nicht scheuen. Zumal sie zunächst mitunter ohne Symptome verlaufen. Vieles ist noch nicht weithin bekannt, so ist es bei Verdacht auf HIV nötig, einen Zeitraum von zwölf Wochen zwischen möglicher Infektion und Diagnose vergehen zu lassen, damit Letztere völlig sicher ist. „Wenn wir dann Blut abnehmen und keine Antikörper finden, wissen wir, da ist nichts und da wird auch nichts mehr gebildet“, erläutert Wentzky. „Machen wir das nach vier Wochen, haben wir ein negatives Ergebnis unter Umständen nur, weil noch nicht ausreichend Antikörper gebildet wurden, um eine Infektion festzustellen.“ Wenn der oder die Partner*in etwas hat, solle man sich immer untersuchen lassen. Wentzky hat da schon einiges erlebt: „Wir haben hier bei solchen Kontrolluntersuchungen zu Syphilis auch Zufallsbefunde. Dann sagt jemand: ‚Damit hätte ich im Leben nicht gerechnet, da habe ich nichts von gemerkt.‘“

Fotos: Yale Rosen@flickr, CCBYSA2.0; E.H.Krause, wikicommons.