Verschollene Jahrhunderte

Die Bundeslade? Beinahe. Es handelt sich um einen Tragealtar, dessen Schnitzereien auch auf dem Plakat zur Ausstellung zu sehen sind. (Foto: sel)

Die Bundeslade? Beinahe. Es handelt sich um einen Tragealtar, dessen Schnitzereien auch auf dem Plakat zur Ausstellung zu sehen sind. (Foto: sel)

Es ist nur wenig bekannt über die sogenannten Dark Ages: Die Ausstellung „Werdendes Ruhrgebiet“ im Essener Ruhrmuseum bringt nun etwas Licht ins Dunkel der Jahrhunderte zwischen Spätantike und Mittelalter. Mit zeitgenössischen Alltagsgegenständen, Kunstwerken und Grabungsfunden erhellt sie die schriftlose Zeit. Dabei analysiert sie auch kulturelle wie religiöse Entwicklungen und den nicht zu unterschätzenden Einfluss der jeweiligen Gegenwart auf die Deutung der Vergangenheit.

Goldglasnuppe, Balsamarium und Pyxis. Ohrlöffelchen, Riemenzunge und Spinnwirtel, Zwiebelknopffibel und Orakelstäbchen: Wenn Gegenstände aus dem Alltag verdrängt werden, nehmen sie ihre Namen oft mit. Es ist also wenig verwunderlich, wenn in einer Ausstellung über das erste Jahrtausend unserer Zeitrechnung ein Wort mitunter fremder anmutet als das Objekt, das es bezeichnet. Über 800 Ausstellungsstücke haben die Kurator*innen von „Werdendes Ruhrgebiet“ zusammengetragen, um mit ihnen die dunklen Zeiten zu erhellen. In der alten Kohlenwäsche der Zeche Zollverein sind zur einen Hälfte Alltagsgegenstände, zur anderen zeitgenössischen Kunstwerke exponiert, wobei die Grenzen zwischen beiden Kategorien fließend verlaufen. Das Leben im ersten Jahrtausend steht zur Anschauung bereit und kaum ein Aspekt wird ausgespart. Das Repertoire reicht von kostbaren Schmuckstücken, Schriften und Grabsteinen, über Waffen, Gerippe, Geschirr und kosmetische Gerätschaften bis hin zu landwirtschaftlichen Abfällen.

Die düstere Halle, mit ihren fensterlosen, rußgeschwärzten Betonwänden, den massigen Säulen und verwinkelten Seitenkammern, ist von den Relikten ausgefüllt. Fast meint man, sich in einer Kirche zu befinden, so alt und ehrwürdig ist die Atmosphäre zwischen glänzenden Fibeln und dunklen Mauern. Der Mittelgang zwischen den Säulenreihen liegt im Dunkeln, denn um die ausliegenden Originale nicht zu gefährden, verzichtet die Ausstellung an vielen Stellen auf Strahler. Die indirekte Beleuchtung durch LED-Bänder schont nicht nur die kostbaren Funde, sondern auch die Augen der Besucher*innen und ihr zurückhaltender Schein erhellt die umgebende Dunkelheit, ohne sie ihrer Wirkung zu berauben. Die Gestaltung ist inspiriert von einem der Ziele der Ausstellung; die sogenannten „Dunklen
Jahrhunderte“ zu beleuchten, die quellenarme, weil beinahe schriftlose, Übergangszeit zwischen Antike und Mittelalter.

Verstrickte Konflikte

Das Weltbild einer Epoche zeigt sich in ihren Dokumenten; hier die Karte des Gebiets um Gallia. (Foto: sel)

Das Weltbild einer Epoche zeigt sich in ihren Dokumenten; hier die Karte des Gebiets um Gallia. (Foto: sel)

Doch warum rückt ausgerechnet dieser Zeitraum zwischen viertem und zwölftem Jahrhundert in den Fokus? Und wozu das Ruhrgebiet im Titel, das sich doch erst im Zuge der Industrialisierung im 19. Jahrhundert zu formen begann? Die Ausstellung verortet das Ruhrgebiet großzügig: Es reicht hier von Aachen bis Paderborn, von Münster bis Köln. Im ersten Jahrtausend war die Region zerrissen von zahlreichen Konflikten: Den römischen Siedlungen, die zunächst noch westlich des Rheins lagen, standen am östlichen Ufer germanische Stämme gegenüber. Einige germanische Truppen zogen schließlich als fränkische Armee über den Fluss und entrissen dem römischen Imperium Gebiet für Gebiet, bis sie dann im achten Jahrhundert unter Karl dem Großen zurück nach Osten drängten, um auch noch die sächsischen Stämme zu besiegen. Neben Landgewinn und Prestige ging es bei den Kämpfen auch um die Verbreitung des zunehmend dominanten Christentums, das sich im Laufe der Jahrhunderte gegen römische wie einheimische Religionen durchsetzte.

Im Kreis durch die Zeit

Den zeitlichen und kulturellen Rahmen der Ausstellung stecken drei kleine Figuren bereits am Eingang ab: Der römische Gott Mars, ein Kruzifixanhänger und ein kleines Männchen, das dem Stutenkerl verdächtig ähnlich sieht, obwohl ihm seine Pfeife fehlt. Von der anderen Seite der Halle funkelt die wuchtige Reichskrone Karls des Großen herüber, wenn auch als Replik, denn das Original ist leider in der Wiener Schatzkammer geblieben. Gegen den Uhrzeigersinn geht es nun durch die Ausstellung, die in fünf Abschnitte unterteilt ist und in zahlreichen Seitenschiffchen mit zusätzlichen Exkursen aufwartet. Der Schwerpunkt liegt nicht auf streng chronologischer, sondern thematischer Präsentation: Das Kapitel „Leben“ gibt Einblicke in den Alltag, „Streiten“ präsentiert Waffen und andere Zeugnisse kriegerischer Auseinandersetzungen, und die Konflikte der Religionen finden sich im Kapitel „Glauben“. Der vierte Abschnitt nimmt direkten Bezug auf die Entwicklungen des Klosters in Essen-Werden und das Frauenstift Essen, an deren Gründung die Ausstellung den Beginn des christlichen Mittelalters im späteren Ruhrgebiet festmacht. Im Abschnitt „Werden“ befindet sich auch der Tragealtar, dessen geschnitzte Motive auf den Flyern und Plakaten der Ausstellung zu sehen sind. Mit der eindeutigen Vermischung christlicher und naturreligiöser Symbolik ist er eines der zahlreichen Indizien dafür, dass die Christianisierung schrittweise vonstatten ging. Elemente anderer Glaubensrichtungen wurden im Verlauf nicht ausschließlich verdrängt, sondern auch aufgenommen und integriert. In „Deuten“, dem letzten Kapitel, bietet die Ausstellung unterschiedliche Interpretationen der Frühzeit durch die Nachwelt und betrachtet in diesem Rahmen auch ihre eigene Vorgeschichte kritisch. Die Entwicklungen des ersten Jahrtausends wirken bis in das dritte hinein. Schon die geografischen Konsequenzen der damaligen Ereignisse sind kaum zu übersehen: Bonn (Bonna) und Köln (Colonia) sind ehemalige römische Siedlungen westlich des Rhein. Der Hellweg im Osten, den Karl der Große auf seinen Sachsenkriegen beschritt, beginnt bei Duisburg und zieht sich, unter anderem über Essen, Bochum und Dortmund, bis Paderborn. Viele der heutigen Städte sind ehemalige Streckenstationen. Ein geübter Reiter konnte an einem Tag circa 50 Kilometer zurücklegen, Reisende zu Fuß 16 bis 18 Kilometer. Diese Zahlen entsprechen in etwa den Entfernungen zwischen den heutigen Städten auf dem ehemaligen Hellweg.

Die Krone der Deutungshoheit

Die Reichskrone Karls des Großen hat eine Doppelgängerin im Ruhrmuseum. Foto: sel)

Die Reichskrone Karls des Großen hat eine Doppelgängerin im Ruhrmuseum. (Foto: sel)

Auch das ideologische Verhältnis von Gegenwart und Vergangenheit tritt inmitten der dunklen Kohlenwäsche ans Licht: Wie es bis heute gängig ist, wurden Geschichte und Mythologie durch die jeweiligen Machthaber mehrfach politisch instrumentalisiert. Mit der Hermannsschlacht und den verlorenen Legionen des Varus, dem Nibelungenlied und den Verbindungen zur Troja-Sage sowie Karl dem Großen mit seinen mythologischen Beziehungen zu Dornröschen, Barbarossa und Barbablanca wurzeln gleich drei große Mythenbäume im Bereich des späteren Ruhrgebiets. Thematisiert wird auch, wie die Nationalsozialist*innen die Vergangenheit zu ihren Zwecken bogen, bis sie brach: So bezeichneten sie Karl den Großen, immerhin Begründer des deutschen Kaisertums im Mittelalter, als „rassefremden Franzmann“ und ernannten den besiegten Sachsen Widukind zum Helden. Mit ihren Propagandafilmen, von denen drei – leider unkommentiert – in der Ausstellung zu sehen sind, propagierten sie germanische Traditionen, die es so nie gegeben hat.

In „Werdendes Ruhrgebiet“ wird die Macht der Vergangenheit greifbar. Die Sammlung veranschaulicht die Entwicklung von einer republikanisch begründeten Stadtkultur zu einer Feudalstruktur mit Gotteskult. Sie skizziert Glaubenskriege, die erst mit dem Monotheismus aufkamen und zieht den roten Faden menschlicher Entwicklung von der Antike bis in die heutige Zeit. Zu besichtigen ist die Ausstellung noch bis zum 23. August im Ruhrmuseum auf dem Gelände der Zeche Zollverein. Ein reguläres Ticket kostet sieben Euro, ermäßigt nur vier. Studierendengruppen bekommen für 50 Euro eine Führung und Eintritt inklusive.