#walrusyes

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Im Film „Tusk“ vom amerikanischen Regisseur und Drehbuchautor Kevin Smith werden die ganz großen Fragen des Lebens gestellt: „Ist der Mensch letzten Endes nicht doch ein Walross?“ Das ist nur einer der hochphilosophischen Denkanreize, denen Freund*innen des gepflegten Trash-Films nachgehen können. Schräg, absurd und leicht verstörend. Ein Film der echten Hochkultur eben.

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Foto: smodcast films – tuskthemovie.com

Wallace Ryton arbeitet als Moderator des erfolgreichen Podcasts „The Not-See Party“. Gemeinsam mit seinem Kollegen Teddy zeigt und kommentiert er dort stumpfsinnige Internetvideos. So beschließt er, nach Kanadazu fahren und „Kill Bill Kid“ zu interviewen, der sich vor laufender Kamera mit einem Samurai- Schwert das Bein abtrennte. Eine Frechheit, dass sich dieses „selbstsüchtige Arschloch“ aber noch vor dem Interview erhängt hat, findet Wallace. Enttäuscht sitzt er in einer Bar und findet einen Aushang: Ein älterer Mann namens Howard Howe sucht einen Mitbewohner und hat einige Geschichten zu erzählen, die Wallace natürlich eher interessieren als im „langweiligen“ Kanada zu leben. Einige Stunden später empfängt Howard den Amerikaner in seinem riesigen, für einen Horrorfilm selbstverständlich fernab der Zivilisation gelegenen Anwesen, das den klangvollen Namen Pippy Hill trägt.

„Trauerst du wirklich um den Verlust deiner Menschlichkeit?“

Dann geht alles ziemlich schnell: Wallace und Howard führen während einer Tasse Tee ein kurzes Gespräch, bis der ältere Mann eine skurrile Geschichte erzählt. Vor etwa fünfzig Jahren arbeitete er als Koch auf einem Schiff im sibirischen Meer. Als es kenterte, fand er sich in der endlosen Leere der See wieder und rechnete nicht mehr damit, zu überleben. Doch dann rettete ihn etwas „Wunderschönes“: Ein Walross, dem er den Namen Mr. Tusk gab. Ein halbes Jahr lebte Howard mit ihm zusammen, bis er seinen Retter in einem Anflug von Völlerei tötete und aß. Wallace, sichtlich amüsiert über Howards Leidenschaft für das Walross, fällt letztlich unter Betäubung gesetzt in Ohnmacht. Howard hat scheinbar etwas in den Tee gekippt. Spätestens jetzt beginnt der Film an Absurdität kaum übertreffbar zu sein. Denn was macht man, wenn man sein Walross vermisst? Genau, man verwandelt seinen Besuch in ein hübsches übergewichtiges Robbentier. Dann kann Howard endlich wieder Zeit mit seinem geliebten Mr. Tusk verbringen. Ist ja halb so wild, meint Howard. Wer will schon ein Mensch sein? Gut, die Bewegungsfähigkeit wird stark eingeschränkt und die Laute klingen eher wie Chewbacca auf Ecstasy, aber was soll’s? Dafür darf Wallace fortan ein kleines Zoogehege, ausgestattet mit einem Wasserbecken und Gummiball, in Howards Anwesen sein Zuhause nennen. Während Howard seine chirurgischen Fähigkeiten unter Beweis stellt und sein Versuchsobjekt mittels operativer Eingriffe immer weiter zum Ebenbild seines tierischen Retters verwandelt, suchen dessen Freundin Ally und Kumpel Teddy mit Hilfe vom Kriminalbeamten Guy LaPointe nach ihm. Letzterer wird übrigens von Johnny Depp gespielt. Die Meldungen über sein Alkoholproblem scheinen nicht aus der Luft gegriffen zu sein.

Natürlich hat der Film nicht den Anspruch, wirklich für voll genommen zu werden. Das merkt man nicht nur an der völlig banalen Story, sondern auch an den Dialogen. Eine gefühlt fünfminütige Diskussion über das Wohlbefinden nach einem Toilettengang ist schließlich äußerst interessant. Sämtliche Szenen mit Johnny Depp veranschaulichen ebenfalls die vorgespielte Ernsthaftigkeit, die den Witz des Filmes ausmacht. Smith ist dafür bekannt, mit seinen Werken Gefühlslagen zwischen ekstatischem Lachen und Fremdschämen auszulösen.

Kenner*innen des niveaumäßig eher im Keller angesiedelten Horrorfilms bemerken sicher einige Parallelen zu Filmen wie „Human Centipede – Der menschliche Tausendfüßler“, wo ein leicht verwirrter Kerl drei, zwölf oder im neusten Teil gar 500 Menschen – Darm an Mund – aneinandernäht. Ein echter Folterporno. Anders als in „Human Centipede“, der von der detaillierten Zurschaustellung übelster Brutalitäten lebt, schafft es Smith, nahezu gänzlich darauf zu verzichten. Wer also herumfliegende Körperteile sehen möchte, ist mit „Tusk“ nicht allzu gut bedient. Zwar bleibt Zuschauer*innen ein wenig Blut nicht vorenthalten und das zusammengeflickte Walross sieht auch ein wenig entstellt aus, aber insgesamt setzt Smith eher auf eine skurrile Story als auf übertriebene Gewaltdarstellung.

The show must go on!

Dass solch ein Meisterwerk mit einer Fortsetzung gewürdigt werden muss, steht außer Frage. „Tusk“ war der erste Teil von Smiths True North Triology, die komplett in Kanada spielen wird. Auch einige Darsteller*innen aus dem ersten Teil, der sich bereits einer großen Fangemeinschaft erfreut, spielen in den Fortsetzungen mit. Die Handlung ist natürlich wieder Hollywood-reif: In „Yoga Hosers“, der am 1. Juni in die US-Kinos kommt, kämpfen die beiden Mitarbeiterinnen eines Ladens gemeinsam mit dem von Depp verkörperten Guy LaPointe gegen eine Armee von Monstern. Leider gibt es in den Fortsetzungen kein Walross zu sehen. Dafür aber Haie mit Elchgeweihen.

Beitragsbild: Spitsbergen, augustus2008, flickr.com, CC-BY-NC-ND2.0