Der Wahltrieb

Wählen: ein menschliches Bedürgnis (Foto: sel)

Wählen: ein menschliches Bedürfnis (Foto: sel)

„Stell Dir vor, es ist Wahl – und niemand geht hin“? Das Jammern über geringe Beteiligung begleitet jede Wahl so sicher, wie das Gekabbel um Stimmen. Kaum bietet sich der Anlass, werden Prozente jongliert als wäre man im schönsten Barbetrieb. Untergangsstimmung macht sich breit. Mimimi, niemand will mehr. Dabei fehlen in dieser gern wiedergekäuten Debatte die wichtigsten Personen: Diejenigen, die tatsächlich noch mitmachen. Warum machen die das? Was treibt die Menschen zur Urne? Und wieso wählen Affen nicht? Eine Suche nach Erklärungen eines Phänomens.

Deutschland, 2013. An einem sommerlichen Sonntag schleppen sich Millionen von Menschen zum nächstgelegenen Altersheim, der Grundschule um die Ecke oder einer anderen sozialen Einrichtung, die zeitweilig als Wahlbüro dient. Bundestagswahl, schon wieder. Es geht hinter die, „Kabine“ genannte, Pappwand. Hier ein Stift, dort Zettel, Kreuzchen machen, fertig. Bürgerpflicht erledigt, Feierabend.

Afghanistan, 2014. Zu den Präsidentschaftswahlen schicken die Taliban beste Grüße; es hagelt Anschlags- und Morddrohungen. Allein während der Stichwahl verüben sie 150 Anschläge und Angriffe, danach hacken sie mancherorts allen Wähler*innen, die sie zu fassen bekommen, den von der Wahl blaumarkierten Finger ab. Trotzdem ist bei diesem ersten friedlichen, demokratischen Machtwechsel in der Geschichte des Landes der Andrang so groß, dass den Wahllokalen teilweise die Stimmzettel ausgehen. Manche Menschen warten stundenlang im Regen, nur um mit einem Stift auf ein Stück Papier zu malen.

Duisburg/Essen, 2015. Die Studierenden der Universität Duisburg-Essen pilgern anlässlich der alljährlichen Wahlen des Studierendenparlaments (StuPa) zu den Urnen. Zuvor mit Süßkram und Argumenten klebrig umworben (siehe Kommentar auf Seite 7), machen sie routiniert ihr Kreuz und gehen anschließend unbehelligt ihres Weges. Was ist es, das einer Wahl, dieser bloßen Idee – denn mehr als das ist ein Wisch mit einem Kreuz darauf schlussendlich nicht – ihre Anziehungskraft verleiht? Was treibt die Menschen, unter allen Bedingungen, so widrig oder monoton sie auch sein mögen, an die Urne?

Geschichte aus Papier

Das Erbe der Demokratie besteht vor allem aus einem: viel Papier. Die Magna Charta, deren 800. Jubiläum die Welt in diesem Jahr feiert, begründete den liberalen Rechtsstaat, stellte den Souverän unter das Gesetz, garantierte dem Adel grundlegende Freiheiten gegenüber dem englischen König und festigte die Rechte der Kirche. Im Laufe der Jahrhunderte kamen weitere Zettel hinzu: Habeas Corpus, Bill of Rights, Declaration of Rights, Déclaration des droits de l’homme et du citoyen, Paulskirchenverfassung, Weimarer Verfassung, Atlantik-Charta – um nur einige zu nennen.

Die Säulen der Demokratie sind Türme aus Papier. Ein Wisch folgte dem vorangegangenen und alle trugen sie dazu bei, dass Bürger*innen heutzutage mit festgebundenen Kugelschreibern Kreuze malen und anschließend nach Hause gehen mit dem Gefühl, etwas Wichtiges, wenn nicht gar Sinnvolles, erledigt zu haben. Nun sind amtliche Dokumente, so alt und ehrwürdig sie auch sein mögen, in der Regel wenig emotionalisierend. Was also hält davon ab, diese Säulen einfach anzuzünden? Oder anders ausgedrückt: Wenn es nicht jahrhundertealte Urkunden sind, die dafür sorgen, dass man am Wahltag nicht zu Hause bleibt – was ist es dann?

Wozu wählen?

Gründe nicht zur Wahl zu gehen, sind schnell gefunden: Zunächst einmal ist es eine Unannehmlichkeit. Es bringt Unordnung in die gewohnte Tagesplanung, dann muss man auch noch Schlange stehen und je nach gewählter Partei beziehungsweise Liste ist nicht einmal sicher, ob das eigene Kreuz einen Einfluss auf das schlussendliche Wahlergebnis haben wird. Dank Fünf-Prozent-Hürde hält eine hohe Wahlbeteiligung in der Regel zwar extreme Randgruppen wie die NPD vom Einzug in die Parlamente ab. Aber man geht ja nicht nur hin, um Randparteien den Tag zu versalzen; Wählen soll „aktiv gestalten“. Die kreative Leistung des bemalten Wahlpapiers ist für das Individuum allerdings fraglich, denn bei der Masse abgegebener Stimmen ist zweifelhaft, inwieweit das Fehlen der eigenen Wahlentscheidung in der Gesamtwertung überhaupt auffallen würde.

Reichtum, Macht und Ruhm

Einige mögliche Erklärungen des trotzigen Wahlphänomens liefert die Philosophie. Im Zusammenhang der potenziellen Zwecklosigkeit könnte es eine Art Pascalscher Wette sein, die zur Teilnahme treibt, sozusagen das Prinzip Auf-Nummer-Sicher: Höchstwahrscheinlich wird es nicht die eigene Stimme sein, die ein Patt löst oder eine Mehrheit kippt. Doch auszuschließen ist es nicht, wenigstens nicht mit hundertprozentiger Sicherheit. Also geht man hin. Oder aber, es ist das Pflichtgefühl: Demokratie ist die stumme Übereinkunft, wählen zu gehen; Pacta sunt servanda. Auch Kafkas Türhüter ließe sich zur Erklärung des Wahlgangs bemühen: Die Wahl als Widerstand gegen die Bequemlichkeit, als Ausbruch aus der persönlichen Unverantwortlichkeit: Denn selbst wer sich im Alltag nicht in die Politik einbringt, übernimmt mit der Wahl Verantwortung; für die eigene Entscheidung sowie für die Gesellschaft. Somit wäre der Wahlgang das symbolische Tor zum eigenen Gesetz.

Das ist alles gut und schön, doch es erklärt nicht die tiefe Befriedigung, die viele Menschen nach Einwurf ihres Zettels angeblich verspüren: Ein Gefühl wie Feierabend. Womit lässt sich das erklären? Der Philosoph Locke argumentierte, dass der Körper unveräußerlich sei und somit Arbeit, die mit seinem Einsatz verrichtet würde, privates Eigentum schaffe. Dementsprechend wäre die Befriedigung zurückzuführen auf Eigentumszuwachs: Indem der Körper genutzt wird, um das Kreuz zu machen, verschafft sich das Individuum seinen Anteil an der Wahl. Und ist auf dem Rückweg ein kleines Stückchen Demokratie reicher. Alternativ könnte der Gang zur Urne auch ein Versuch moralischer Vorbildwirkung sein, die im Anschluss in höchste Höhen versetzt: „Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde.“ Demnach gingen Menschen zur Wahl, einfach weil Wählen richtig ist und das Richtige sich gut anfühlt. Diese Erklärung nach Kant scheint fast schon zu simpel. Möglicherweise spielt hier allerdings auch das Verlangen mit hinein, zu den Besseren zu gehören. Wie schon Franz Werfel treffend feststellte: „Neben dem Geschlechtstrieb bestimmt kein Bedürfnis das Handeln des Menschen so sehr, wie die Sehnsucht nach moralischer Überlegenheit.“ Die Wahl als Statussymbol, wer hätte das gedacht.

weitere studentisch-menschliche Bedürfnisse: snacken und pausieren in der Cafeteria (Foto: sel)

weitere studentisch-menschliche Bedürfnisse: snacken und pausieren in der Cafeteria (Foto: sel)

Doch wie kommt es, dass es für das eigene Gemüt überhaupt eine Rolle spielt, ob man nun wählen war, oder nicht? In der Psychologie hat sich als Ausgangspunkt solcher Fragen die Vorstellung eines Selbstkonzepts durchgesetzt: Es ist das Bild, das jeder Mensch von sich hat, bestehend aus dem Wissen über sich selbst, den eigenen Erinnerungen, Normen und Werten. Dieses Selbstbild stabil und vor allem positiv zu halten, ist eine der Hauptaufgaben jeder menschlichen Existenz. Generell möchte man intelligent, vernünftig und anständig sein. Nicht zur Wahl zu gehen ist bekannterweise nichts davon. Nun ist es so, dass es extremen Stress auslöst, etwas zu tun, das dem eigenen Selbstbild widerspricht. Jeder Kratzer am langwierig geformten Entwurf muss mühsam repariert werden. All das lässt sich durch den Gang zur Urne vermeiden. Alles in Ordnung, das Kreuz ist gemacht, Klopfer auf die Schulter, der Blutdruck sinkt. Man war mal wieder vernünftig: Wählen als Stressprävention.

Zum inneren Verlangen, sich selbst toll zu finden, gesellt sich zusätzlich noch ein weiterer Aspekt. Denn was nützt es, der eigene größte Fan zu sein, wenn man mit den Pompons ganz alleine dasteht? Die Meinungen der Menschen in der eigenen Umgebung sind wichtig, Freund*innen will man gefallen. Und so gehen manche Wahlberechtigte eventuell nur wählen, weil ihr soziales Umfeld geht. Denn zunächst einmal wissen die anderen unter Umständen mehr als man selbst und was sie für richtig halten, kann nicht komplett falsch sein. Und darüber hinaus will man im Anschluss doch bitte sehr auch mitreden können, anstatt negativ herauszustechen als die Person, die „mal wieder nicht dabei war“. Mein Weltbild ist dein Weltbild, lass uns Freunde sein. Wählen als sozialer Klebstoff.

Affe und Bleistift

Wer die Hintergründe des Wählens erforscht, stolpert zwangsläufig über die menschliche Entwicklung. Irgendetwas muss da schief gelaufen sein; Affen wählen nicht. Warum nicht, wo sie dem Menschen doch so ähnlich sind? Sie haben ein Gerechtigkeitsempfinden, und sie können kochen. Studien des Verhaltensforschers Michael Tomasello haben außerdem gezeigt, dass sie die Absichten von anderen Affen und Menschen erfassen können. Aber: Nur Menschen stimmen ihre Absichten aufeinander ab. Die Voraussetzung hierfür nennt Tomasello die „Infrastruktur geteilter Intentionalität“. Sie führt dazu, dass man dem Blick einer anderen Person automatisch folgt, für Suchende auf das abhandengekommene Objekt deutet, Verirrten den Weg weist. Im Gegensatz dazu beschränkt sich die gestische Kommunikation der Affen auf auffordernde Gebärden. Einem Affen eine versteckte Banane zeigen zu wollen, stößt das arme Tier zunächst in heillose Verwirrung. Es scheint nicht zu verstehen, dass Informationen ohne eigenen Profit weitergegeben werden. Im Gegensatz dazu haben Menschen es mit der Kooperation im Laufe der Jahrhunderte so weit gebracht, dass mittlerweile niemand auf dieser Welt alleine einen Bleistift herstellen kann, geschweige denn ein Auto. Sämtliche Produktionsschritte sind aufgeteilt: Die Person, die das Blei abbaut, hat keine Ahnung, wie man es in seine hölzerne Hülle bekommt, geschweige denn, wo um alles in der Welt der Radiergummibach fließt.

Und so kamen schließlich auch die Zettel ins Spiel: Kooperation, also Absprachen zu treffen und einzuhalten, war die evolutionäre Treppe der Menschheit. Sie bildet die Grundlage jeglichen menschlichen Zusammenlebens. Die einzige Staatsform, in der die Regierung ihre Legitimation zu 100 Prozent aus der aktiven Kooperation der regierten Individuen gewinnt, ist die Demokratie. Denn Wahlen, ebenso wie Geld und all die anderen Blätter, auf denen das heutige Leben basiert, sind eben das: Eine Absprache, eine Idee, mit deren Konsequenzen sich alle abfinden. Ohne diese Übereinkünfte, diese gemeinschaftlichen Absprachen, nützt ein Wahlzettel ebenso viel wie ein Ausweisdokument, ein Geldschein, ein Abschlusszeugnis: maximal als Lagerfeuerzunder. So betrachtet könnte man festhalten: Wählen als Folge des menschlichen Triebes zur Kooperation; eine Konsequenz der menschlichen Evolution.