Bald schon ... Zukunftsstadt. Foto: sel

Was die Zukunft bewegt

Geplant, beforscht und debattiert: Die Zukunft der Stadt bleibt dennoch ungewiss. Ausgehend von Gesprächen mit Prof. Alexander Schmidt, dem Leiter des in Essen ansässigen Instituts für Stadtplanung und Städtebau sowie Prof. Stephan Rammler, Autor des Buches „Schubumkehr“, skizziert akduell ein Szenario. Das Ergebnis: Ein betreuter Rundgang durch die Stadt von morgen.

Leichtfüßig tritt die junge Frau an das Hotel heran. Kurz wandert ihr Blick suchend, dann lacht sie fröhlich und winkt mit der Hand, in der sie ihr Tablet hält. Für die Begrüßung nimmt sie sich noch Zeit, dann huschen ihre lackierten Finger eilig über den Bildschirm. Die kleine Reiseschar hat nicht mehr viel Zeit und noch fehlt ein Ziel für die geplante Begehung. Doch die Fremdenführerin sucht keinen Ort, sondern eine Strecke, denn die Leute sind nicht hier, um anzukommen. Sie wollen sich fortbewegen.

Während die Dame noch geschäftig tippt, rattert sie munter Sicherheitsvorschriften herunter – zusammen bleiben, sich nicht aus den Augen verlieren, aufeinander Rücksicht nehmen – dann dreht sie das Gerät von sich und erklärt die verschiedenen Bereiche des Bildschirms. In der oberen linken Ecke prangt ein Logo: „BewegMich“, lautet der Name der Anwendung, die den Ausflug durch die Stadt begleiten wird. „Per Tastatur oder Spracheingabe können Sie Start und Ziel sowie Präferenzen festlegen“, flötet die junge Frau. Zur Wahl stünden drei Varianten der Wegführung: Zeitsparend, umweltschonend, oder komfortabel, also möglichst ohne Umsteigen. Nachdem sie der Anwendung mitgeteilt hat, wo es hingehen soll, wählt sie die zweite Option. Auf dem Bildschirm erscheinen Fahrtenvorschläge, inklusive Dauer, Anzahl der Umstiege und kleiner Symbole für die Verkehrsmittel. Die Schar nickt. Ein Vorläufer, Moovel der Daimler AG, startete bereits 2012. Die Deutsche Bahn folgte 2014 mit Qixxit.

Stadtmobilität der Vergangenheit ... Foto: sel

Stadtmobilität der Vergangenheit … Foto: sel

Seitdem scheint es vorangegangen zu sein: „BewegMich ist eine mobile Plattform, die alle Möglichkeiten der Fortbewegung miteinander verbindet. Verkehrsmittel und Strecken können gesucht und auch gebucht werden. Außerdem gibt es eine wettergebundene Wegführung und jeder Nutzer kann Mobilpunkte sammeln, um sie gegen Prämien zu tauschen“, erläutert die Führerin. Nach der Einführung spaziert die Gruppe los. Zwischen den grün bewachsenen Fassaden der Hochhäuser, die sich in den Himmel strecken, mischt sie sich unter die Menge. Geräumige Gehwege, üppige Parkanlagen und kleine Grünflächen prägen das Stadtbild sowie Spielplätze und beachtlich viele Bänke. Was beinahe völlig fehlt, sind parkende Autos. Ordentlich gestutzte Bäume säumen die weite Allee und grenzen eine breite Spur in der Mitte der Fahrbahn zu beiden Seiten ab. Die junge Frau lässt wissen, dies sei der Radschnellweg. Der ist die Hauptschlagader des städtischen Verkehrs; tausende Reifen rollen täglich seinen Verlauf entlang.

Die Leute sind nicht hier, um anzukommen. Sie wollen sich fortbewegen.

Obwohl die Stadt recht groß ist, fahren die Autos im Wechsel lediglich ein- oder zweispurig. Trotzdem fließt der motorisierte Verkehr ohne zu stocken. Die Führerin bemerkt die verwunderten Blicke und erläutert das Prinzip: Die Straßen seien so angelegt, damit immer nur auf einer der entgegenlaufenden Spuren überholt werden könne, niemals auf beiden gleichzeitig. Noch zu Beginn des 21. Jahrhunderts wurden jährlich 20 bis 50 Millionen Menschen im Verkehr verletzt, allein in Deutschland verunglückten pro Jahr etwa 3000 tödlich. Diese Zahlen seien so nicht mehr hinnehmbar gewesen. Die Idee zur lebensrettenden Verbesserung der Verkehrssicherheit, das sogenannte 2+1-System, stammt aus Schweden: Dort wird das Konzept bereits seit Mitte des 20. Jahrhunderts erfolgreich umgesetzt.

... und der Zukunft. Foto: sel

… und der Zukunft. Foto: sel

Vor dem Eingang einer imposanten Glashalle, größer als ein Hauptbahnhof, hebt die junge Frau energisch den Arm und bringt die Gruppe zum Stehen. „Was Sie hier sehen, ist eine der sogenannten Mobilitätsstationen. Wie BewegMich im Digitalen, vernetzen diese Knotenpunkte alle Verkehrsadern der Stadt miteinander.“ Das meistgenutzte Verkehrsmittel seien die Öffentlichen, dicht gefolgt von elektrisierten Rädern, so die Führerin. Unter dem Motto „Nutzen-statt-Besitzen“ sei „Shareeconomy“ entstanden, die Wirtschaft des Teilens. „Mit der rasanten Entwicklung des Internets, sind Konzepte wie Carsharing und Mitfahrgelegenheiten zunehmend beliebter geworden“, doziert die Führerin weiter. Zwar sei das eigene Fahrzeug nicht gänzlich aus dem Verkehr verschwunden, jedoch als alleiniger Hauptverkehrsträger abgelöst worden – durch eine umfangreiche Verknüpfung mit allen anderen verfügbaren Mitteln zu einem Netz.

Die Türen der Station zischen sanft, als sie sich der Gruppe öffnen. „Wir betreten jetzt den Leihbereich“, schallt es von vorne. „Hier ist jedes Verkehrsmittel verfügbar – alles elektrisiert, versteht sich. Für die regelmäßige Nutzung bietet sich meist ein Abo an. Eine einmalige Leihgebühr ist aber in Ihren Reisekosten enthalten.“ Die Gruppe entscheidet sich mehrheitlich für Räder, doch auch Cityroller und zwei Skateboards trudeln einige Minuten später aus der Station in Richtung Radschnellweg. Ein paar Kilometer folgt die kleine Schar seinem Verlauf durch die neue Stadt – in wohl geordneten Zweierreihen, trotz der weiten Fläche. Als am Ende auch der Letzte sein Gefährt wieder abgegeben hat, ist der Zeitpunkt der Abreise nahe und die neue Stadt wird mit letzten, wehmütigen Blicken bedacht. Doch kaum im Bus, herrscht schon Stimmengewirr und kühne Pläne werden laut. Schließlich liegt die Stadt nicht weit entfernt – in Zukunft kann man jederzeit wiederkommen.