„Wenn die Zeit vergeht und man nichts machen kann“

„Wenn die Zeit vergeht und man nichts machen kann“

Bereits seit zwei Wochen zelten syrische Geflüchtete in Dortmund, um auf ihre Lage aufmerksam zu machen und eine beschleunigte Bearbeitung ihrer Asylanträge zu erkämpfen. Nachdem das Protestcamp zunächst vor einem Gebäude des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge (BAMF) aufgebaut worden war, zogen die Aktivisten am Dienstag vergangener Woche auf die Katharinentreppe vor dem Hauptbahnhof um. Trotz Angriffen von Neonazis und einem nur knapp verhinderten Selbstmord will man hier solange ruhig und friedlich auf die eigene Problemlage aufmerksam machen, bis man des Platzes verwiesen wird.

syrien

Einige der protestierenden Syrer verarbeiten ihre Erlebnisse in Zeichnungen, die im Camp zum Teil ausgestellt werden. (Fotos: aGro)

Die Katharinentreppe führt vom Dortmunder Hauptbahnhof in die Innenstadt. Zahlreiche Passant*innen kommen hier jeden Tag vorbei. Viele wundern sich über das große Polizeiaufgebot: Mit bis zu zehn VW-Bussen stehen Polizist*innen vor der Treppe und in den Seitenstraßen. Die Stimmung ist dennoch entspannt. Viele Menschen erkundigen sich nach dem Grund des Einsatzes. Die Beamt*innen geben bereitwillig Auskunft. Viel mehr haben die Ordnungskräfte anscheinend nicht zu tun. Sie bewachen ein Protestcamp syrischer Geflüchteter, das seit Dienstag vergangener Woche am Rande des Platzes oberhalb der Treppe aufgebaut ist. Aus jeweils zwei Pavillons sind offene Schlafzelte zusammengebaut worden, in denen einige Männer zwischen zahlreichen Schlafsäcken sitzen. Dazwischen steht ein weiterer Pavillon, unter dem die Menschen teilweise Warnwesten tragen und deutlich beschäftigter aussehen, als die umstehende Polizei. Einer von ihnen ist der 19-jährige Majjad aus Dar’a in Südsyrien, der nicht ohne Stolz erzählt, dass dort die syrische Revolution begonnen habe. 2011 war es hier im Rahmen des Arabischen Frühlings zu Demonstrationen für mehr Bürgerrechte und gegen Machthaber Assad und seinen Einparteienstaat gekommen. Seitdem diese sich auf andere Städte ausweiteten und gewaltsam bekämpft wurden, tobt in Syrien ein Bürgerkrieg, den die UN bereits im vergangenen Jahr als schlimmste Flüchtlingskrise seit dem Völkermord in Ruanda bezeichnete.

„Dramatisch wäre zu wenig“

„Wenn ich die Situation dramatisch nennen würde, wäre das zu wenig“, sagt Majjad, „die Menschen haben keinen Strom, kein Wasser. Es gibt keine Möglichkeit normal zu leben und zu arbeiten oder Kinder zu erziehen.“ Im vergangenen Mai sei er mit einem regulären Visum nach Deutschland eingereist. Der junge Syrer unterstützt das Camp seit einigen Tagen und versucht, die Gründe der Protestaktion zu erklären: „Die Leute hier haben keinen Aufenthaltstitel, um hier zu leben und zu arbeiten. Sie wohnen in Heimen, mit sechs bis sieben Personen in einem Zimmer. Und sie warten acht Monate oder über ein Jahr auf die Bearbeitung ihres Antrags.“ Achtzig bis Neunzig Prozent der Protestierenden seien junge Männer zwischen 18 und 40. Frauen und alte Menschen gebe es hier kaum, was Majjad auf den beschwerlichen Weg nach Europa zurückführt: „Sie müssen mehr als zwei Wochen auf dem Meer verbringen. Es gibt auch Menschen, die unterwegs hierher gestorben sind.“

Nicht die richtige Zeit für Trauer

zelte

Das Protestcamp ist vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge an die Dortmunder Katharinentreppen gezogen.

Dennoch hält der junge Syrer es für den falschen Zeitpunkt für die inszenierten Trauerfeiern des Zentrums für Politische Schönheit in Berlin. „Ich bin der Meinung dass das auch gut ist, aber nicht in dieser Zeit. In dieser Zeit ist das wichtiger“, sagt er und deutet auf die Zelte, „das Leben dieser Menschen ist wichtiger. Das sage ich nicht, weil diese Menschen aus meinem Heimatland kommen, sondern weil ich diese Menschen kenne. Fast alle sind junge Menschen. Ingenieure, Leute, die ihr Studium abgeschlossen haben. Sie können in diesem Land bei so vielem helfen und sich in die Gesellschaft integrieren.“ Der Protest richtet sich vor allem gegen die Konsequenzen des Dublin-Abkommens, laut dem ein Asylantrag nur in dem EU-Staat gestellt werden darf, der zuerst betreten wurde. „Wir hoffen dass dieses Abkommen berichtigt werden kann, damit die Leute hier normal wohnen können und schnell einen Aufenthaltstitel bekommen“, sagt Majjad. Zunächst war das Camp vor einem Gebäude des Bundesministeriums für Migration und Flüchtlinge aufgebaut worden. Dieses befindet sich fernab der Öffentlichkeit in einem Industriegebiet südlich des Dortmunder Hafens. Knapp 100 Aktivist*innen begannen dort am neunten Juni ihren Protest, um die Behörde mit ihrer speziellen Situation zu konfrontieren und eine schnellere Bearbeitung ihrer Anträge einzufordern. Die dortigen Mitarbeiter*innen sahen sich jedoch nicht in der Lage den Forderungen innerhalb des geltenden Rechts entgegenzukommen.

„Die Menschen sind dankbar“

Der Protest war von Beginn an selbstorganisiert, die Protestform zunächst umstritten. Ein syrischer Journalist trat für einige Tage in Hungerstreik, andere kündigten dies ebenfalls an. Am Freitag dann der große Schock-Moment: Während der Dortmunder Polizeipräsident Gregor Lange laut WAZ am Camp Interviews gab, übergoss sich ein bis dahin Unbekannter mit Benzin und konnte von den Protestierenden nur knapp vom öffentlichen Suizid abgehalten werden. Majjad erklärt mir, der Mann sei verzweifelt gewesen, weil ihm das Amt zuvor erklärt hatte, er müsse im Rahmen des Dublin-Verfahrens nach Italien zurückkehren. Auch der Umzug in die Innenstadt brachte zunächst wenig Entspannung, denn Dortmunder Neonazis aus dem Umfeld der Partei „Die Rechte“ versuchten wiederholt, das Camp der Geflüchteten zu nutzen, um mediale Aufmerksamkeit zu bekommen. Sie solidarisierten sich mit dem Syrischen Präsidenten Baschar al-Assad und versuchten zu mehreren Gelegenheiten, das Camp zu überfallen, was allerdings stets an der Polizei scheiterte. „Die Menschen sind dankbar, ganz dankbar“, sagt Majjad ange- sichts des großen Aufgebots, „Der Polizei, die das Camp beschützt und auch anderen Deutschen, die geholfen haben, dass das Camp in Sicherheit bleibt.“

fastenbrechen

Kurz vor dem Fastenbrechen: Der Ramadan wird im Camp gemeinschaftlich begangen.

Von Beginn an werden die syrischen Geflüchteten von einzelnen Anwohner*innen und politischen Gruppen unterstützt, die Sachspenden bringen und Gesellschaft leisten. Am Camp werden Unterschriften gesammelt. Spontane Gespräche mit Passant*innen gebe es hingegen selten: „Es gibt Menschen, die vorbeikommen und mit den Menschen diskutieren, aber wegen der Sprache können sie das nicht gut verstehen.“ Ungefähr die Hälfte der Protestierenden spricht Englisch, Deutsch könnten hingegen höchstens zehn Prozent sprechen: „Sie sind neu hier und es ist eine schwere Sprache. Es dauert ein wenig, bis man damit zurechtkommen kann.“ Trotzdem scheint die Stimmung sich zu bessern. Der islamische Fastenmonat Ramadan, der in der vergangenen Woche begann, wird hier von allen Protestierenden zelebriert. Vor den Zelten sitzt man abends zum Fastenbrechen in großer Runde. Das Essen wird verteilt und gemeinsam wartet man auf den Einbruch der Dunkelheit. [aGro]

 Epilog

Während ich Fotos mache, spricht mich eine ungefähr 50-jährige Frau an und fragt, was dies für eine Veranstaltung sei. Sie erzählt, dass sie selbst einst aus Polen geflohen sei und damals keine Sonderbehandlung bekommen hätte. Solche Anträge bräuchten eben ihre Zeit, aber sie habe nie einen Grund gehabt sich zu beschweren. Alle bekämen hier Nahrung und Unterkunft. Sie glaubt, manche Leute würden hier mit überzogenen Erwartungen hinkommen und glauben, das Geld liege hier auf der Straße. Zum Schluss entschuldigt sie sich regelrecht bei mir, ohne sich nach meiner Rolle erkundigt zu haben, dass sie DAS nun wirklich nicht unterstützen könne. Anscheinend interessiert sie noch nicht einmal, ob ich Journalist*in oder Unterstützer*in des Camps bin. Sie spricht mich wohl einfach an, weil ich auf sie nicht fremd wirke.