Zum Geburtstag viel Protest

Es blieb ein frommer Wunsch der Gruppe Urban Radeling: Verbindungen zeigten Präsenz auf der Blaupause. Foto: mac)

Es blieb ein frommer Wunsch der Gruppe Urban Radeling: Verbindungen zeigten Präsenz auf der Blaupause. (Foto: mac)

Auf der gut besuchten Blaupause, der Jubiläums-Festmeile der Ruhr-Uni Bochum, hatten am vergangenen Samstag gleich sechs studentische Verbindungen und Burschenschaften Tische bekommen. Die Blaupause wurde zwar nicht „kaputt gemacht“, wie es das „Bündnis gegen Burschenschaften und für eine weltoffene Universität“ angekündigt hatte (akduell berichtete), der Protest war aber spürbar. Während Aktivist*innen von der Gruppe „Frauen gegen Burschen“ eine kurze Aktion mit Plakaten organisierten, legte die Grüne Hochschulgruppe Flyer gegen die Verbindungen aus. Die Juso-Hochschulgruppe ließ schwarz-weiß-rote Dosen bewerfen und die Initiative Urban Radeling verteilte Schilder, mit denen die Stand-Organisator*innen ihre Tische zur „Burschenfreie Zone“ erklären konnten. Das Politikverbot, das die RUB eigentlich auf der Blaupause etablieren wollte, wurde damit von einem Politikum überschattet.

Die Brezeln stehen auf dem Tisch, das Bierfässchen direkt daneben: Die Landsmannschaft Ubia Brunsviga Palaeomarchia hat es sich auf der Blaupause vor der Polizeiwache gemütlich gemacht. Daneben kickert die Prager Burschenschaft Arminia zu Bochum an einem Tischkicker und ein paar Meter weiter macht der Verein Deutscher Studenten mit ehemaligen Bundesbrüdern wie Thomas Gottschalk Werbung für ihre Verbindung. 400 Meter weiter trifft man die Verbindungen Saxo-Thuringa und die Mitglieder des Corps Neoborussia – Berlin zu Bochum, die mit Brownies die Passant*innen an den Tisch locken. Etwas fern ab vom Schuss: Die Akademische Jagdverbindung Hubertia-Ruhr zu Bochum sitzt etwa 1,5 Kilometer weiter Richtung Innenstadt an einem Tisch.

Ironische Protestaktion vor den Ständen der Landsmannschaft Ubia Brunsviga Palaeomarchia auf der RUB-Blaupause. (Foto: Christoph Wietzorek)

Ironische Protestaktion vor den Ständen der Landsmannschaft Ubia Brunsviga Palaeomarchia auf der RUB-Blaupause. (Foto: Christoph Wietzorek)

akduell nicht in Gefahr

Die akduell nutzte die Anwesenheit der Bochumer Studentenverbindungen auf der Blaupause kurzerhand und versuchte, in die anwesenden Verbindungen einzutreten. Leider bekam ich als Frau aber nur Absagen und den Tipp, ich könnte der Damenverbindung ADV Athena zu Münster beitreten. Die Damen sind für einen anwesenden Altherren beim rein männlichen Corps Neoborussia Berlin zu Bochum aber dennoch wichtig: Sie hätten ja später in der Ehe etwas zu sagen. Sie würden eingebunden, damit die Altherren nicht wegblieben, wenn sich die Ehefrauen abgestoßen fühlten. Außerdem findet der Altherr dieses „Lesbenreferat“ (Anm. d. Red.: gemeint ist das Autonome FrauenLesbenreferat) an der Universität befremdlich. Er hätte nichts gegen Schwule, aber Sexualität solle privat sein. Da unterbricht ihn der jüngere Verbindungsstudent: Sein Verbindungsbruder hätte ja zu einer anderen Zeit studiert und solche Gruppen könnten auf dem Campus inzwischen vertreten sein.

Den Verein Deutscher Studenten (VDSt) konfrontierte ich danach mit dem Vortrag von Birgit Kelle (akduell berichtete), einer erklärten Gegnerin des heutigen Feminismus. „Birgit Kelle ist keine Antifeministin“, poltert Sven Wüstenfeld. Kelle setze sich lediglich für Frauen ein, die lieber zu Hause bei den Kindern blieben. Dass sich Kelle 2014 mit der Zivilen Koalition der AfD-Abgeordneten Beatrix von Storch zusammengetan und homophobe Kundgebungen gegen den baden-württembergischen Bildungsplan organisiert hatte, verschweigt Wüstenfeld. Der Verbindungsstudent hat bereits den Stammtisch der antimuslimischen neurechten Gruppe „Identitäre Bewegung“ in Hagen besucht. Auch das ehemalige Mitglied Alexander Röhlig war trotz seiner Autorenschaft bei der Blauen Narzisse bis vor drei Jahren Mitglied beim VDSt. Jedem Bundesbruder stehe es frei zu schreiben und zu lesen, was er möchte, sagt ein Verbindungsstudent dazu. Dabei spiele es keine Rolle, ob es sich um eine SPD-Parteizeitung oder um die Blaue Narzisse handele. Von SPD bis AfD seien alle möglichen Strömungen beim VDSt vorhanden. Wie weit rechtsoffen die Studentenverbindung tatsächlich ist, zeigte sie etwa eine Woche vor der Blaupause: Der westfälische Verband der Gruppe Identitäre Bewegung traf sich erstmals in den Räumlichkeiten des VDSt Breslau-Bochum zum Stammtisch

Die Jusos laden zum Dosenwerfen. Foto: mac)

Die Jusos laden zum Dosenwerfen. (Foto: mac)

„Falsch verbunden!“

Insgesamt traten die Verbindungen betont freundlich auf: Ich werde zum Grillen und zum Champions–League Finale eingeladen. „Die Studentenverbindungen und Burschenschaften zeigen sich hier auf der Blaupause höflich und friedlich, weil sie hier Leute anlocken wollen. Gerade das ist das Gefährliche“, sagt Nina von Witzleben von der Grünen Hochschulgruppe. Die hochschulpolitische Liste hatte im Vorfeld mehrfach Stellung gegen die Studentenverbindungen bezogen und auch auf der Blaupause lagen an ihrem Stand Flyer gegen die Verbindungen mit dem Titel „Falsch verbunden!“ aus. „Die Verbindungen in die Neonaziszene sind da. Einige Verbindungsstudenten haben schon mit der Jungen Freiheit zusammengearbeitet und sind Teil der Gruppe Identitäre Bewegung. Das können die einfach nicht leugnen“, sagt von Witzleben.

Nicht nur die Hochschullisten der RUB, auch etwa 60 Mitarbeiter*innen der Universität hatten im Vorfeld in einem Offenen Brief an die Verwaltung der Ruhr-Universität gehofft, dass das Orga-Team der Jubiläumsfeier die Entscheidung bezüglich der Studentenverbindungen nochmal überdenken würde. „Mir persönlich ist das sehr unangenehm, dass die Studentenverbindungen hier Stände haben. Was diese Männerbünde alleine durch ihre Präsenz propagieren ist eben auch ein sexistischer Normalzustand“, meint Brief-Initiator Moritz Schulte. Außerdem sagt Schulte mit einem Blick Richtung Studentenverbindungen: „Wenn ich meinen Geburtstag feiern würde, dann würde ich mir meine Gäste besser aussuchen. Und nicht versuchen alles abzubilden, was in der Umgebung passiert.“