Essentialistische Essenzen?

Für die einen ist es nur ein Duft, für die anderen ist es die katholischste Droge der Welt: Knowledge soll Leistungsfähigkeit, Kommunikationsfreude und heterosexuelle Anziehung stärken. (Copyright: RUB, Foto: Marquard)

Für die einen ist es nur ein Duft, für die anderen die katholischste Droge der Welt: Knowledge soll Leistungsfähigkeit, Kommunikationsfreude und heterosexuelle Anziehung stärken. (Copyright: RUB, Foto: Marquard)

Als erste Universität weltweit präsentierte die Ruhr-Universität Bochum (RUB) in der vergangenen Woche ihr hauseigenes Unisexparfüm „Knowledge by RUB“. Der Parfümeur Geza Schön entwarf das blaue Wunder auf Basis von Forschungsergebnissen der renommierten Bochumer Duftforscher*innen um Hanns Hatt. Knowledge soll laut Produktbeschreibung unter anderem die „Anziehungskraft zwischen den Geschlechtern“ erhöhen, sowie Kommunikationsfreude und kognitive Leistungsfähigkeit stärken. Was zumindest ein wenig dick aufgetragen klingt, wird vom Autonomen Frauen*Lesbenreferat für seine antiquierten Vorstellungen von Geschlecht und Sexualität kritisiert. Duftforscher Hatt hingegen warnt vor falschen oder ideologischen Deutungen.

„Wir sind sehr erschüttert, wie das Parfüm beworben wird und werden auch öffentlich noch dazu Stellung beziehen“, sagt Studierendenvertreterin Katja Teichmann. Sie hält das Geschlechterbild hinter solchen Versprechungen für absurd und antiquiert. Begehren werde hier ausschließlich heterosexuell verstanden und auf die Anziehungskraft zwischen „Mann und Frau“ reduziert. „Diese Vermarktung des Produkts ist unverständlich, gerade auch in Hinblick auf den an der Ruhr-Universität ansässigen Studiengang Gender Studies, da Erkenntnisse der modernen Geschlechterforschung offenbar einfach ignoriert werden“, erklärt Teichmann. Doch im Frauen*Lesbenreferat, das wie an der UDE von betroffenen Studierenden gewählt wird, stößt nicht nur die Werbung auf Kritik. Auch die Duftforschung als solche müsse aufgrund ihrer hochproblematischen biologistischen und essentialistischen Annahmen sowie dem damit einhergehenden Geschlechterverständnis kritisiert werden. „Der Austausch zwischen Menschen wird mystifizierend an eine körperliche Ebene angebunden“, erklärt Teichmann. „Hierdurch wird die Annahme einer „natürlichen“, triebhaften Sexualität gestärkt, die in der Lebensrealität für viele Frauen* sehr prekäre Folgen mit sich bringt.“

Hoher Frauenanteil im Hintergrund

Der Biologe und Mediziner Hatt ist Inhaber des Bochumer Lehrstuhls für Zellphysiologie. Er und seine Mitarbeiter*innen forschen an der RUB seit gut zwanzig Jahren zu den Effekten, die bestimmte Düfte auf Emotionen und Hirnaktivität haben. Zu mehreren Bestandteilen des RUB-Parfüms wurde an seinem Lehrstuhl geforscht, der laut Hatt seit zehn Jahren einen Frauenanteil von 70 Prozent hat und derzeit fünf von sechs Postdoc-Stellen mit Frauen besetzt. Als Knowledge in der vergangenen Woche präsentiert wurde, taten dies allerdings sechs Herren, laut RUB-Pressemitteilung „alle Hauptakteure, die in Entwicklung und Produktion involviert waren.“ Der exklusive neue Duftstoff Hedion wurde Anfang 2015 von einer Mitarbeiterin des Lehrstuhls entdeckt. „Kernspin-Untersuchungen beim Menschen haben dann gezeigt, dass Hedion beim Menschen stark den Hypothalamus aktiviert, ein wichtiges Zentrum für Hormonregulation unter anderem der Geschlechtshormone“, erklärt der Duftforscher. Dies geschehe bei Frauen in stärkerem Maße als bei Männern. Professor Hatt macht deutlich, dass dies nicht in erster Linie mit Sexualität zu tun habe: „Diese Hormone beeinflussen viele physiologische Funktionen und viele Verhaltensweisen, von Mutter-Kind-Bindungen bis zu Kommunikation und Entwicklungsprozessen bei Mann und Frau.“ In bisher jedem Interview habe er betont, dass sein Team nicht glaube Hedion habe etwas mit sexueller Attraktivität zu tun, sondern eher an Kommunikation, Vertrautheit oder Nähe denke. Um dies zu klären, führe sein Lehrstuhl zusammen mit Psycholog*innen und Ökonom*innen derzeit Untersuchungen durch.

„Paper Passion“ und „Pussy Deluxe“

Der Biologe macht allerdings deutlich, dass solche funktionalen Eigenschaften bei einem Duft nicht die Hauptsache sind: „Erster und wichtigster Aspekt war, dass das Parfum super gut riecht! Dafür wurde einer der bekanntesten und kreativsten Parfümeure beauftragt.“ Die Rede ist von Geza Schön, der seinen beruflichen Durchbruch mit dem Parfüm „Molecules 01“ schaffte, dessen einziger Duftstoff „Iso E Super“ auch als Bestandteil von Knowledge für Anziehungskraft und Kommunikationsfreude sorgen soll. Als Entwickler von Düften wie „Pussy Deluxe“ und „Paper Passion“ – einem papierartig riechenden Parfüm für Buchliebhaber*innen – gilt er als experimentierfreudiger Exzentriker. Sein neuer Duft soll zunächst zitronig, dann unter anderem nach Lavendel und Mate riechen, bis sich zuletzt die Aromen von Moschus und dem holzigen Iso E Super durchsetzen.