“Prototypisch für viele Aluhüte“

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Axel Stoll (links) im Gespräch mit Sebastian Bartoschek. (Screenshot: Richard Diesing)

Axel Stoll ist ein Internet-Phänomen. Sätze wie „Muss man wissen“ und „Wer hat‘s gewusst, wieder keiner“ prägten sich in das Gedächtnis einer großen Zahl von Internetnutzer*innen ein. Bei seinen Vorträgen sprach Stoll über Flugscheiben der Nazis oder das Neuschwabenland im Inneren der hohlen Erde. Am 25. Juli feierte „Ein Interview mit Dr. Axel Stoll – Der Film“ Premiere. Darin wird ein Gespräch mit dem Verschwörungstheoretiker von 2013 gezeigt, ergänzt durch O-Töne von Expert*innen, die sich zu einzelnen Ansichten des Verschwörungstheoretikers äußern. Der Mit-Produzent, Psychologe und Journalist Sebastian Bartoschek recherchiert schon seit längerem in der Szene und spricht über seinen Film, Axel Stoll und die Aluhüte.

von Gastautor Richard Diesing

ak[due]ll: Wie kam der Film bisher beim Publikum an? Wie war die Premiere?
Bartoschek: Super. Wir hatten 50 ausverkaufte Plätze. Die Reaktionen waren überwiegend begeistert – die kritischen Stimmen („Wieso interviewt ihr denn so einen Spinner?“) sind deutlich in der Minderheit. Die Menschen fasziniert bisher die Dekonstruktion dieses Mannes – sie verstehen, dass das
Ganze prototypisch für viele, viele Aluhüte da draußen ist. Ende des Monats werden wir den Film in einem Kino in Dortmund zeigen – da bin ich schon jetzt auf die Reaktionen gespannt!

ak[due]ll: Wie war es Axel Stoll zu interviewen? Andere hätten beim Interview gelacht oder nachgefragt, ob Stoll das ernst meint…
Bartoschek: Ich führe tatsächlich in den letzten Jahren öft er solche Gespräche und gerade an diesem Gespräch hing auch viel. Wir haben uns über ein halbes Jahr darauf vorbereitet – und wussten ja, zumindest teilweise, was uns erwartet. Wir waren da einfach hochfokussiert– vielleicht wie bei einem
Tennisspieler in einem wichtigen Match – der lacht auch nicht, wenn er aus Versehen pupsen muss.

ak[due]ll: Sie wussten meistens, was Stoll mit seinen Ausführungen überhaupt meinte. Warum wissen Sie so gut über solche Theorien Bescheid?
Bartoschek: Ich habe meine Doktorarbeit über 95 verschiedene Verschwörungstheorien geschrieben, interviewe seit Jahren Menschen, die ungewöhnlichen Glaubenssystemen anhängen. Genau deswegen bin ich auch Mitglied verschiedener Wissenschaft svereinigungen, der Gesellschaft zur wissenschaftlichen Untersuchung von Parawissenschaften und von Wissensdurst, die sich diesen Themen widmen. Manchmal vergesse ich dann, wie tief ich in all diesem Kram drin stecke.

ak[due]ll: Glauben Personen wie Axel Stoll wirklich an das, was sie sagen?
Bartoschek: Ja. Zumindest die Allermeisten. Viele wissen zwar nicht, was sie sagen – aber selbst die glauben es. Der Anteil der Betrüger unter Aluhüten ist recht gering.

ak[due]ll: Wie gefährlich ist das Gedankengut Stolls?
Bartoschek: Wir haben mit Erscheinen des Interviewbuchs 2013 davor gewarnt, dass solches Gedankengut seinen Weg in die Mitte der Gesellschaft finden kann und wird, wenn wir nichts dagegen tun – und „tun“ meint mehr als nur einen Like-Button anzuklicken oder einen Tweet zu retweeten. Uns wurde damals gesagt, dass wir übertreiben. Dann kamen Pegida, Endgame, Hogesa, Brandanschläge auf Synagogen und Flüchtlingsheime – und in Berlin marschieren 1.000 Menschen gegen Chemtrails.
Und irgendwie nimmt man uns jetzt ernster. Wir sagen weiterhin: Das Gedankengut ist brandgefährlich, es kann Demokratie unterhöhlen und ein Umfeld für rechtsextremistische Gewaltschaff en.

ak[due]ll: Darf man über Stoll lachen?
Bartoschek: Das werden wir immer wieder gefragt. Ich finde, ja. Es geht nicht darum, dass man entweder über Nazis lacht oder sie ernst nimmt. Man sollte über sie lachen und sie ernst nehmen. Insofern: gerne herzlich lachen – und dann dafür eintreten, dass solche Ideologien keinen Platz in unserer Demokratie finden.