15 Quadratmeter fassbares Leid

Geschmacklose PR oder angemessene Aktion? Die Ausstellung eines LKWs wurde viel diskutiert. (Foto: aGro)

Geschmacklose PR oder angemessene Aktion? Die Ausstellung eines LKWs wurde viel diskutiert. (Foto: aGro)

Kunst sollte es ausdrücklich nicht sein: Am vergangenen Mittwoch zeigte das Bochumer Schauspielhaus kein Theaterstück, sondern einen LKW der Spedition Graf, baugleich mit eben jenem Wagen, in dem eine Woche zuvor 71 Menschen auf der Flucht in die Europäische Union gestorben sind. Mehrere hundert Personen, darunter zahlreiche Kinder und Journalist*innen, erlebten eine Mischung aus Jugendgottesdienst, politischer Demonstration und nüchterner Konfrontation mit den Konsequenzen der europäischen Grenzpolitik. Spediteur Gerard Graf hatte die Ausstellung angeregt um nachvollziehbar zu machen, welche Strapazen und Risiken Menschen auf sich nehmen, um in die EU einzureisen.

Er ist tatsächlich überraschend klein. Der LKW steht auf dem Vorplatz des Schauspielhauses. Auf der ausgeklappten Ladefläche steht dessen Besitzer Gerard Graf gemeinsam mit Theaterintendant Anselm Weber vor knapp 400 Menschen. Ein Viertel davon ist mit Kameras und Diktiergeräten ausgestattet und offensichtlich aus beruflichen Gründen hier. Der Rest unterscheidet sich vom üblichen Theaterpublikum vor allem dadurch, dass viele ihre Kinder mitgebracht haben. Vor dem LKW liegt ein Rechteck aus Holzlatten, das die gleichen Maße hat, wie die Innenfläche des Lasters: Sechs Meter mal zweieinhalb Meter – 15 Quadratmeter für 71 Personen.

Spediteur wirft Fragen auf

Spediteur Graf spricht mit ruhiger, menschelnder Stimme, aber ringt deutlich spürbar um die richtigen Worte: „Ich möchte aus dieser Zahl 71, ja die sagt doch erstmal gar nichts. Das ist doch eine abstrakte Zahl. Die möchte ich mit Leben füllen und da möchte ich 71 Menschen stehen haben.“ Genügend Freiwillige stehen bereit. Zunächst sollen sich diese innerhalb des Lattenkonstruktes aufstellen um zu überprüfen, wie viele von ihnen stehend Platz auf der Ladefläche finden. Ein geradezu naturwissenschaftlicher Versuchsaufbau. „Man kann das von hier aus kaum zählen, ich hab das gerade mal versucht“, kommentiert Graf durch das Mikrophon, „Vielleicht sind wir jetzt 70, viel mehr als 75 sicherlich nicht, vielleicht sind wir auch nur 65.“
Als nächstes geht es in den LKW hinein. Graf dirigiert die Massen: „Die Kinder bitte hier nach vorne. Wir werden auch nicht zumachen hier, wir lassen das offen.“ Er versucht, die Situation der Flüchtenden begreiflich zu machen: „Jetzt fährt der ja gleich los. Was passiert jetzt, wenn der nach links oder rechts fährt oder wenn der bremst?“ Der Spediteur spricht, wie Geistliche mit Kindern sprechen, schließlich predigt er: „Ich hoffe wirklich, dass die Bochumer die Flüchtlinge hier mit offenen Armen empfangen. Und dass sie denen helfen, wo sie können. Und dass man diesen Menschen das Gefühl gibt, wenn die hier hin kommen, dass man sich über die Menschen freut und dass sie gerne gesehen sind.“

Pietätlose Performance?

Rüdiger Schaper beschreibt die Ausstellung im Tagesspiegel als eine „Performance, die jede Pietät vermissen lässt“ – wohlgemerkt, bevor die Aktion überhaupt stattgefunden hatte. Die Ankündigung auf dem Facebookaccount des Schauspielhauses hatte allerdings durchaus Anlass zur Kritik gegeben. „Außerdem wird es die Möglichkeit geben, den LKW zu betreten und für einen kurzen Moment zu erleben, wie es sich anfühlt, wenn sich die Türen schließen“, heißt es dort. So sehr sich das nach Voyeurismus anhört, so sehr überwog bei den Besucher*innen der Eindruck, dass die symbolische Konfrontation Dinge vermitteln konnte, die sich sonst hinter Phrasen vom „unvorstellbaren Leid“ verbergen. Gezeigt wurde ein nüchternes, sogar kindgerechtes Bild von der Banalität der Flucht und des Todes, und das ist durchaus eine Kunst.