„Don’t call it Nachhilfe“

Wollen Schüler*innen den Einstieg ins Berufsleben erleichtern: Die Mentorinnen Liana Barbas und Marie Schädlich. (Foto: Gerne)

Wollen Schüler*innen den Einstieg ins Berufsleben erleichtern: Die Mentorinnen Liana Barbas und Marie Schädlich. (Foto: Gerne)

Nachhilfe von Studierenden für Schüler*innen gibt es häufiger. Die Hochschulgruppe Rock your Life (RYL), die es seit vergangenem Jahr an der Uni Duisburg-Essen gibt, verfolgt jedoch einen Ansatz, der weiter gehen soll. Ihre Idee ist es, qualifizierte Studierende als ehrenamtliche Coaches für Schüler*innen zu gewinnen, die sie zwei Jahre lang bei den ersten Schritten für ihren Berufswunsch unterstützen. Und auch die Studierenden profitieren von dem Austausch.

Bei dem Konzept von RYL steht nicht im Vordergrund die Noten der betreuten Schüler*innen zu verbessern: „Wir haben den Spruch ,Don’t call it Nachhilfe`, weil es das eben nicht ist. Klar, wenn eine Klausur ansteht kann man auch mal zusammen üben, aber generell ist es so, dass wir gemeinsam schauen, woher die Schüler Nachhilfe bekommen können. Im Mentoring arbeitet man eher an den Zielen und Wünschen der Schüler nach der Schule“, so Lehramtsstudentin und Mentorin Marie Schädlich.

Zielorientiertes Mentoring

Während der zweijährigen Arbeit entwickeln die Mentor*innen gemeinsam mit ihren Schüler*innen Ideen für die berufliche Zukunft oder geben praxisorientierte Tipps, falls Schüler*innen bereits einen konkreten Berufswunsch haben.  „Rock your life hilft mir zu sehen, ob mein Berufswunsch Anwältin zu werden, auch wirklich was für mich ist. Ich will später nicht einen Beruf machen, den ich gar nicht so toll finde“, sagt die Neuntklässlerin Asli Öztürk von der Gesamtschule Bockmühle in Essen. „Ich weiß noch gar nicht, was ich werden will und mit Rock your Life finde ich durch Praktikumsplätze raus, wo meine Stärken liegen“, ergänzt Gizem Koc. Die beiden Schüler*innen sind im Mentoring von Liana Barbas, die erst seit diesem Wintersemester an der Uni Duisburg-Essen studiert. „Ich wurde auf dem Campus durch einen Stand auf Rock your Life aufmerksam. Das war am Anfang dieses Semesters und ich war ganz neu in Essen. Da ich noch nicht viele Leute kannte, hatte ich Lust an dem Projekt mitzumachen.“ Durch die Mentoring-Beziehung zu den beiden Neuntklässlerinnen lerne auch sie etwas: „Die Treffen der Mentoring-Paare sind sehr individuell, manche treffen sich beim Kaffee zum Quatschen oder gehen gemeinsam ins Kino oder ins Theater. Bei Mentoren, wie etwa Liana, die sich noch nicht so gut in Essen auskennt, können auch die Schüler ihr viel von der Stadt zeigen. Deshalb ist der Austausch so schön, da sie wirklich voneinander lernen“, erzählt Marie.
Bei den Treffen schauen die Mentoring-Paare, wo die individuellen Stärken der Schüler*innen liegen. Neben der regelmäßigen Betreuung mit den Studierenden gibt es zusätzlich drei Trainingssitzungen im Jahr, in denen die Paare mit Hilfe eines ausgebildeten Trainers von RYL eine Strategie zur Verwirklichung ihrer Ziele erarbeiten.

Große Nachfrage bei Schüler*innen

Die Nachfrage an den Schulen sei so groß, dass der Gruppe meist genügend Mentor*innen für alle Interessierten fehlen, sagt Marie. Das zeige ihnen jedoch auch, wie viele der Neuntklässler*innen gerne ältere Studierende nach Rat fragen wollen. RYL unterstützt gezielt und hauptsächlich Schüler*innen von Haupt- und Gesamtschulen. Mentorin Liana kritisiert, dass „Bildung, auch wenn es gegenteilig dargestellt wird, immer noch nicht für jeden zugänglich“ sei. Sie glaubt, dass es viele junge Menschen gibt, die gerne etwas im Leben erreichen möchten, aber von Zuhause nicht die nötige Unterstützung bekommen. Viele Schüler*innen, die kein Gymnasium besuchen, denken ihrer Einschätzung nach schnell: „Ich schaff das sowieso nicht.“ Deshalb möchte sie die Jugendlichen unterstützend motivieren und ihnen zeigen, dass es möglich ist, ihre Berufswünsche zu realisieren.  Ein positives Beispiel für die Schüler*innen kann der große Anteil von Arbeiter*innen-Kindern an der Uni Duisburg-Essen sein.

Bildungsungleichheit

Bei Marie entstand der Wunsch Lehrerin zu werden erst durch ihre Arbeit bei RYL. Sie hat die RYL-Hochschulgruppe an der Uni Duisburg-Essen gegründet, nachdem sie sich an der Uni in Düsseldorf schon drei Jahre bei RYL engagiert hatte.  „Ich hab einfach gemerkt, dass ich gerne Schüler*innen unterstütze und dass ich im Bereich Bildung  was verändern möchte. Das momentane Schulsystem in Deutschland lässt viel zu wünschen übrig, besonders bei Chancen- und Bildungsgleichheit und damit kann ich mich nicht identifizieren“, so Marie.

Die RYL-Gruppe finanziert sich durch Fundraising und verschiedene Sponsor*innen. Dadurch entstehen oft auch Kontakte zu Firmen, die unter anderem Unternehmensführungen oder Praktika an die Schüler*innen vermitteln. Die Praktikumssuche sei jedoch nicht nur auf die Sponsor*innen von RYL beschränkt, sagt Liana: „Gizem interessiert sich beispielsweise für Bauzeichnung, daher haben wir auch bei Unternehmen nachgefragt, die nicht mit Rock Your Life kooperieren.“

Partnerschulen in Duisburg und Essen

Die Hochschulgruppe basiert auf dem deutschlandweiten Projekt Rock your life, das mittlerweile eine gemeinnützige GmbH ist. Gegründet wurde RYL Ende 2008 als studentische Initiative an einer Privatuni in Friedrichshafen. Das Projekt wurde als Social Franchise konzipiert und soll nach eigener Aussage „Brücken zwischen Schülern, Studierenden und Unternehmen“ bauen. Bundesweit existieren inzwischen über 40 Standorte.

Aus der zu Beginn sehr kleinen Gruppe an der Uni Duisburg-Essen hat sich inzwischen ein Team von über 30 Leuten entwickelt, sodass Mentoring-Betreuungen an zwei Partnerschulen in den beiden Campusstädten angeboten werden können. „Da wir eine Kooperationsuni sind möchten wir auch an beiden Standorten vertreten sein“, sagt Marie. In diesem Jahr gibt es acht Mentoring-Beziehungen in Duisburg und dreizehn in Essen – weiteres Wachstum, so die Gruppe, erwünscht.

Falls dein Interesse geweckt wurde, kannst du dich unter due@rockyourlife.de bei der Gruppe melden.