Islamisches Regime an der UDE? Nirgends zu finden

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Teppich auf Teppich: In Raum R 12 T04 E96 befindet sich der muslimische Gebetsraum. Doch der soll bald geschlossen werden. (Alle Fotos: mac)

Aufruhr an der Universität Duisburg­-Essen (UDE): Die Nachricht über die Schließung des muslimischen Gebetsraumes am Campus Essen entfachte eine breite Debatte. An der Uni und im Netz wird hitzig diskutiert über fundamentalistische Muslime, antimuslimischen Rassismus und die Stellung von Religion an der UDE.

„Diskriminierung im Namen Allahs“ titelte ein Artikel aus der Westdeutschen Allgemeinen Zeitung (WAZ) am 12. Februar. Autor Gerd Niewerth berichtet darin von schweren Vorwürfen. Ein „fundamentalistisches Regime“ habe sich rund um den Gebetsraum R 12 T04 E96 breit gemacht. Niewerth zitiert eine „seriöse Quelle“ die zahlreiche angebliche Missstände anprangert. So werde für das Freitagsgebet der Aufzug in die vierte Etage, wo sich die Räumlichkeit befindet, blockiert. Nicht nur Frauen sei dann der Zugang verwehrt worden, auch „Ungläubige“ würden am Betreten der Etage und den anliegenden Toiletten gehindert, da dort rituelle Waschungen durchgeführt würden. In einem Kommentar legt der WAZ-Autor noch einmal nach und behauptet, an der Hochschule würde muslimischen Frauen vorgeschrieben, „dass sie auf Parfüm zu verzichten und das Kopftuch überzuziehen haben.“

Negina und Chalil sind überrascht und schockiert. Zusammen bilden sie den Vorstand des Islamischen Studierendenbundes Essen, der seit über 30 Jahren den Gebetsraum betreibt. Der ISB möchte Sprachrohr für alle muslimischen Studierenden am Campus sein, für fundamentale Auslegungen ihrer Religion sei jedoch kein Platz in ihren Räumlichkeiten: „Der ISB achtet und schützt die verfassungsmäßig garantierten Rechte und Freiheiten und bekennt sich zur freiheitlich-demokratischen Grundordnung“. Von der Schließung haben sie aus den Medien erfahren, auch zeigen sie sich bestürzt ob der harschen Vorwürfe. Sie beklagen, dass die Informationen „in einen aktuell medial aufgebauschten und auch frauenfeindlichen Diskurs gestreut“ werden. Doch wie sieht die Realität im und um den muslimischen Gebetsraum aus?

Geschlechtertrennung per Vorhang

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Wegweiser zum Gebetsraum vor der Universitätsbibliothek im Gebäude R11.

Chalil, Negina und ISB-Finanzerin Ahlam öffnen uns die Tür am „Eingang Brüder“. Der 25 bis 30 Quadratmeter große Raum ist überraschend klein, dafür dass hier 50 bis 60 Gläubige Platz finden sollen. In der Mitte trennt ein brauner Vorhang den Raum in zwei gleich große Hälften. Links die Frauen, rechts die Männer – beide haben ihren eigenen Eingang. Auf jeder Seite gibt ein Waschbecken die Möglichkeit zu rituellen Waschungen. Wir setzen uns auf die Frauenseite auf den Teppichboden. „Wir haben viel Arbeit und auch Geld in die Einrichtung des Raumes gesteckt“, erklärt Negina. Der Raum sei für die Gläubigen am Campus sehr wichtig, denn wer fünf Mal am Tag bete, könne nicht zwischen zwei Seminaren noch eben in eine Moschee laufen. Eine Stichprobe des ISB hat ergeben, dass zwischen 250 und 300 Personen den Raum durchschnittlich pro Tag nutzen. Wenn der Raum schließt, würden sie sich andere Wege suchen ihre Gebete zu verrichten: Auf den Fluren, im Keller oder in der Bibliothek.

Doch das ist nur die eine Seite der Debatte. Hitziger werden die Vorwürfe aus der WAZ diskutiert. Da heißt es, in einem universitären Raum würde ein eigenes Regelwerk etabliert, das Frauen und „Ungläubige“ ausschließt und unter Druck setze. Wir haben im Vorfeld in den Sozialen Netzwerken nachgefragt. In zwei Facebook-Uni-Gruppen mit insgesamt 12.000 Nutzer*innen wollten wir wissen, ob Studierende schon einmal ähnliche Vorfälle erlebt haben. Unsere Recherchen können die Vorwürfe bislang nicht bestätigen. Viele Studierende hören zum ersten Mal davon, dass gläubige muslimische Studierende Andere bedrängen würden: „Ich habe den Artikel in der WAZ auch gelesen und mich sehr darüber gewundert, weil ich noch nie etwas von derartigen Schikanen mitbekommen habe“, schreibt beispielsweise Hannah. Ein anderer Student schreibt uns privat: „Ich bin schon etliche Male zusammen mit Muslimen mit dem Aufzug zum Gebetsraum gefahren – auch zum Freitagsgebet. Und es gab bisher keinerlei Probleme.“

Verhüllung kein Zwang in Essen

Auch für ISB-Vorsitzende Negina sind das haltlose Anschuldigungen. Sie selbst trägt ein Kopftuch, genauso wie Finanzerin Ahlam. Etwa die Hälfte aller Frauen, die zum Gebet in den Raum kommen, würden aber keines tragen, schätzt sie. An der Wand im Frauenbereich hängt ein Plakat des Studienwerks „Avicenna“, das vor allem Stipendien an muslimische Studierende vergibt. Vom Plakat lächelt eine Frau ohne Kopftuch auf die Betenden herab. „Wäre hier ein Kopftuch-Zwang, würde so etwas ja gar nicht hier hängen“, sagt Negina. Studentinnen, die jedoch ein Kopftuch tragen, wünschten sich im Gebetsraum eine optische Trennung. Bei der rituellen Waschung müsse das Kopftuch nämlich abgenommen werden, so Negina.

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Parfümflakons im muslimischen Gebetsraum.

In einem der Bücherregale finden wir außerdem kleine Flakons. Als wir nachfragen, was darin sei, antwortet Chalil schmunzelnd: „Parfüm!“ Er findet die Gerüche persönlich zwar etwas streng, aber die Behauptung des WAZ-Kommentars, dass im Essener Gebetsraum gar kein Parfüm erlaubt sei, wirkt in diesem Moment absurd. Es scheint, als seien Vorfälle aus Dortmund auf den Essener Gebetsraum projiziert worden, meint Chalil.

Freiwilliger Verzicht?

Weniger aus der Luft gegriffen scheinen die Vorwürfe rund um das Freitagsgebet. Auch Chalil bestreitet nicht, dass es zu Waschungen in den Toiletten auf dem Gang gekommen sein könnte. Zu kontrollieren wer, wann und wie die angrenzenden Waschräume benutzt, ist realistisch nicht möglich. Wer Zutritt zum Raum hat, schon eher. So sollen Frauen vom Freitagsgebet ausgeschlossen worden sein. Der ISB bestreitet, dass Frauen der Zutritt verwehrt wird, diese würden aus Platzgründen vielmehr freiwillig darauf verzichten. Im Islam ist das Freitagsgebet nur für die Männer verpflichtend. An der Tür zum Fraueneingang weist ein Zettel auf diesen Umstand hin. „Selamunaleykum liebe Schwestern“ steht dort geschrieben, mit der Bitte daran zu denken, den Raum „für das Freitagsgebet der Brüder freizuhalten“. Dieses dauert etwa eine Dreiviertelstunde. Schwer vorstellbar, dass sich Frauen dieser als Bitte verpackten Aufforderung widersetzen.

Die Hochschulleitung der Universität nennt die Vorwürfe aus der WAZ derweil nüchtern Gerüchte. So heißt es in einer kurzen Stellungnahme: „Mit etwaigen Gerüchten oder Beschwerden über die bisherigen Nutzer/innen hat die geplante Schließung nichts zu tun.“ Grund für die Schließung sei vielmehr die akute Raumnot, die eine Überprüfung der bisherigen Raumvergabe nötig mache. Derzeit würde die Sanierung des Nachbargebäudes R11 vorbereitet. Die große Fakultät für Geisteswissenschaften muss umziehen. „Dafür kommt insbesondere das R12-Gebäude in Frage, so dass hier kurzfristig sämtliche Raumkapazitäten für die Kernaufgaben der Universität benötigt werden“, so die Hochschulleitung. Nach den Sanierungsarbeiten soll im ehemaligen muslimischen Gebetsraum ein „Raum der Stille“ entstehen. Dieser soll dann für alle Konfessionen offen sein.


Update:

Die Pressestelle gab auf Anfrage der akduell bekannt, dass auch der Duisburger Gebetsraum für muslimische Studierende geschlossen werden soll: „Im Sinne der Gleichbehandlung wird auch dieser Raum demnächst geschlossen“, so Pressesprecherin Beate Kostka. Auch auf dem Campus Duisburg soll dann ein Raum der Stille entstehen.


Unfreiwillig ist der ISB auch ins Zentrum einer viel größeren Debatte gerückt. Die Schließung des Raumes der Stille an der TU Dortmund fand nämlich erst vor Kurzem ein bundesweites mediales Echo. Die Ausgangslage: 2012 wurden dort Flyer verteilt, in denen Frauen zum Tragen eines Kopftuches und zum Verzicht auf Parfüm aufgefordert wurden. Zudem war der überkonfessionelle Raum durch Raumteiler getrennt und Korane sowie Gebetsteppiche gelagert worden. Der Dortmunder AStA schloss den Raum zweitweise, suchte das Gespräch und öffnete ihn neu eingerichtet erneut. Anfang dieses Jahres stellte die Universitätsleitung fest, dass das neue Mobiliar erneut zur Geschlechtertrennung genutzt wurde und dass Korane und Gebetsteppiche im Raum gelegen haben. Der Raum wurde „aus Sicherheitsgründen“ endgültig geschlossen.

Die Studierenden konnten diese Formulierung nicht nachvollziehen: Sie kritisierten unter anderem den Bezug auf den Sicherheitsaspekt. Außerdem wehrten sie sich gegen eine Homogenisierung aller muslimischer Studierender und betonten, dass Einzelne für die Vorfälle verantwortlich gewesen seien. Die Probezeit von zwei Jahren sei ohnehin abgelaufen, man wolle künftig einen „Baby- und Ruheraum“ im ehemaligen Raum der Stille einrichten, so das Rektorat wiederum in einem offenen Brief an die Studierenden.

Über 70 Artikel sind daraufhin erschienen. Nicht ohne Auswirkungen: Im Internet wird als Reaktion auf die Schließung massiv gegen Muslime gehetzt. Auch der Essener ISB bekommt seit dem WAZ-Artikel vermehrt Hass-Mails.

Das Konzept eines Raumes der Stille für alle trifft derweil in den Sozialen Netzwerken auf Zustimmung. Viele Kommentator*innen plädieren aber auch für eine konsequente Trennung von Religion und Universität. So schreibt beispielsweise ein Facebook-Nutzer auf der Seite des Duisburg-Essener AStAs: „Wozu gibt es an einer deutschen Universität überhaupt einen Gebetsraum für irgendwen? Die Trennung von Kirche und Staat wurde bitter erkämpft. Eine Universität in Deutschland, hat generell keine Gebetsräume für irgendeine Religion zu haben.“ Der Islamische Studierendenbund sieht das naturgemäß anders: „Ein Gebetsraum an der Uni würde dem Säkularitätsgedanken in keinster Weise widersprechen. Die religiös-weltanschauliche Neutralität des Staates bedeutet nicht, dass Religionsausübung von Individuen oder Gruppen innerhalb staatlicher Institutionen nicht möglich sein darf.“ Tatsächlich stehen Hochschulen nicht in der Pflicht, Gebetsräume für Studierende bereit zu stellen.

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Die Campus Kapelle im Gebäude „Die Brücke“ am Campus Essen.

An der UDE wurde sich jedoch schon vor einiger Zeit entschieden, konfessionelle Gebetsräume zuzulassen. Am Campus in Essen gibt es, im Gegensatz zu Dortmund, eine christliche Kapelle. Sie wird von der Evangelischen Studierendengemeinde (ESG) betrieben. Der Evangelischen Kirche gehört sogar der gesamte Gebäudekomplex „Die Brücke“ am Campus – inklusive Café und 25 Wohngruppen für Studierende. Pfarrer Max Strecker aus der Brücke hält Gebetsräume auf dem Campus nicht für zwingend notwendig, sieht in ihnen aber eine schöne und sinnvolle Bereicherung des universitären Lebens. In die ESG-Kapelle könnten alle Studierenden zur Ruhe finden, unter anderem bei Zen-Meditationen oder christlichen Andachten. Doch plädiert Strecker darüber hinaus auch für einen muslimischen Gebetsraum. „Die Muslime sind nun auf dem Essener Campus so zahlreich, dass es für sie eine Gebetsmöglichkeit in jedem Fall geben sollte“, so Strecker.

Wie lange die Sanierung auf dem Campus Essen dauern wird und wie der künftige Raum der Stille an der UDE aussehen wird, ist noch nicht bekannt. Eine Zwischenlösung für die Dauer der Sanierung ist ebenfalls nicht in Sicht. Dafür müsste ein Raum außerhalb der Universität angemietet werden, so die Pressestelle der UDE.