No Love Story? Story no love?

Melanie (Sindy Tscherrig) und die Suche nach Regeln. (Foto:mal)

Melanie (Sindy Tscherrig) und die Suche nach Regeln. (Foto:mal)

„Allein bedeutet „autonom“. Alleinsein heißt autonom sein. Alleinsein ist autonom sein. Autonom-sein ist eigenständig sein. Also ist Alleinsein eigenständig sein. Eigenständig. Selbstständig. Ständig, ich selbst sein. Immer bei mir sein. Alleinig ich sein“. Mit Wortwitz, ironischer Kuriosität und Vielschichtigkeit widmet sich Marieke Werner in ihrer ersten Regiearbeit no love story dem Thema Alleinsein und dem Blick der Gesellschaft darauf.

„Alle elf Minuten verliebt sich ein Single“: Sie hängen überall, die Parship-Plakate. Auch im Ein-Frau-Stück no love story prangt ein besonders schönes Exemplar. Dumm nur, dass, um ein Paar zu ergeben, ja noch ein*e Partner*in fehlt.

Eine Woche nach Valentinstag wird Marieke Werner (24), Regieassistentin am Grillo Theater, am 21. Februar zum zweiten Mal durch den Abend collagieren. Mit Texten von Single-Beratern bis Platon geht es ihr darum das Alleinsein zu zelebrieren und den gesellschaftlichen Paarzwang an die Wand zu spielen. Unterstützung auf der Bühne erhält Werner von der Schauspielerin Sindy Tscherrig und dem Musiker Christoph Wirtz, sowie hinter der Bühne vom Dramaturgen Florian Heller, der Ausstatterin Noemi Baumblatt und Tilla Lingenberg, die Teile des Textes schrieb.

27 Regeln auf dem Weg zum Glück

Werners erstes Theaterstück amüsiert mit einer Mischung aus allseits bekannten Situationen, ein wenig mystischem Hintergrund um den Kugelmenschen, Sexualverhalten anderer Lebewesen und sehr hilfreichen Regeln. „Seien Sie aufrichtig, aber geheimnisvoll.“, „Lieben Sie nur Männer, die Sie auch lieben.“, „Machen Sie es ihm nicht leicht, mit Ihnen zu leben.“ Single-Berater für Frauen* scheinen ähnlich verankert wie die Coachings der Pick Up Artist. Sie wollen Frauen* in bestimmte Rollenklischees drängen: die unterwürfige, die verführerische, die hübsche Frau*. Alles zum Wohle einer glücklichen Beziehung. Marieke Werner geht es in no love story aber weniger um das Aufzeigen von Sexismus als um die Infragestellung der romantischen Zweierbeziehung. Schließlich leben nur drei Prozent der Säugetiere in einer monogamen Beziehung.

Und täglich grüßt der Badeschwamm

Die Texte über das Sexualverhalten von Tieren fallen im Stück besonders auf. Ob vom sesshaften Badeschwamm oder der Ophryotrocha puerilis marine, auch Borstenwurm genannt: Die Tierwelt verblüfft. Eben genannter Borstenwurm verwandelt sich beispielsweise mit einer höheren Anzahl an Körpersegmenten vom männlichen ins weibliche Geschlecht.

Zwar klingen in no love story auch andere Liebesformen an, als die der heterosexuellen Konvention, allerdings wird sie nicht in Frage gestellt. Eine klare Geschlechterteilung ist dabei Teil des Stücks, was verwundern kann, da Alleinsein als Thema keine Grenzen ziehen muss. Werner macht damit jedoch auf die sozial konstituierte heteronome Realität der Gesellschaft aufmerksam, die in weiten Teilen immer noch von Heterosexualität als Norm ausgeht.

Am Ende kann Marieke Werners erstes Stück trotzdem alle erreichen: Singles, genauso wie die, die es noch werden wollen. Vor allem überzeugt ihre Ehrlichkeit und die Kraft aus einem dramatisch geglaubten Thema einen frischen als auch komischen Abend zu zaubern, der sowohl Platz zum Nachdenken als auch zum Feiern lässt. Es bleibt nur noch die Frage „Was von diesen zwei ist schöner: Die Liebe oder Chicken Döner?

Wer sich no love story ansehen möchte, hat am Sonntag, 21. Februar, 20.30 Uhr, in der Heldenbar des Grillo Theaters in Essen die Gelegenheit.


Interview mit Marieke Werner

Regiesseurin Marieke Werner (Foto: mal)

Regiesseurin Marieke Werner (Foto: mal)

ak[due]ll: Wie ist die Idee zum Stück entstanden?
Marieke: Mich hat das Thema Alleinsein in einer Gesellschaft, die erwartet, dass man sich früher oder später zusammentut, persönlich beschäftigt. Ich habe selbst eine Zeit lang immer wieder mit dem Gefühl kämpfen müssen, allein nicht so viel Wert zu sein, dass mir etwas fehlt. Irgendwann habe ich mich gefragt: „Was ist eigentlich mein Problem“? Als ich dann anfing, mich näher mit dem Allein- oder Singlesein zu beschäftigen, habe ich gesehen, dass in unserer Gesellschaft eine Art Paar-Norm herrscht, die in Menschen, die keine Beziehung führen, solche Gefühle hervorruft. Gefühle wie: Da ist was nicht richtig, irgendwas stimmt nicht mit mir.

ak[due]ll: Warum war es dir wichtig, das zu thematisieren?
Marieke: Ich wollte diesen gesellschaftlichen Druck aufdecken. Und ich hatte von Anfang an den Anspruch, dass man nach der Vorstellung rausgeht und denkt: Stimmt, Alleinsein ist okay und nicht falsch. Kann sogar ziemlich geil sein. Dass es als ein gleichwertiger Status wie das In-Einer-Beziehung-Sein gesehen wird.

ak[due]ll: Wie bist du vorgegangen nachdem du das Thema für dich ausgemacht hattest? Wie ist der Text entstanden?
Marieke: Ich habe Texte aus verschiedenen Bereichen genommen. Die wenigsten davon waren eigentlich Theatertexte. Als erstes habe ich ein Buch von Christiane Rösinger, „Liebe wird oft überbewertet“, gelesen. Letztlich habe ich kaum Texte aus dem Buch verwendet, aber es war mit ein Auslöser dafür, das Thema überhaupt zu wählen. Rösinger wettert da gegen den Paarzwang in unserer Gesellschaft und sagt, dass man alleine viel besser dran ist, als wenn man in einem „mobilen Paargefängnis“ steckt. (lacht) Sie dekonstruiert unsere Vorstellungen von romantischer Liebe und Partnerschaft, das fand ich sehr spannend. Dann habe ich weiter geschaut, praktisch eine Gradwanderung gemacht und mir alle Single-Ratgeber ausgeliehen, die ich in der Bibliothek finden konnte. Die stecken voller Idealvorstellungen, Optimierungszwängen und der Aussage: Zu zweit sein ist das ultimative Ziel. Da habe ich mir die merkwürdigsten Ratschläge für Single-Frauen rausgesucht. Nach und nach habe ich mich durch viele Sachen durchgelesen, auch Liebeslyrik, um das Thema aus unterschiedlichen Blickwinkeln zu beleuchten. Um Alternativen zur monogamen, romantischen Beziehung aufzuzeigen, gibt es Texte über das Sexualverhalten von Tieren. Außerdem hat die Theaterautorin Tilla Lingenberg einige Texte extra für den Abend geschrieben. Diese bilden den roten Faden. Ach ja, und ein Text von Platon ist auch dabei.

ak[due]ll: Wann ist die Entscheidung gefallen, ein Eine-Frau-Stück zu machen?
Marieke: Das war mir eigentlich ziemlich schnell klar. Weil es um Alleinsein gehen sollte, wollte ich eine Figur, die allein ist und sich an ihrem Alleinsein abarbeitet. Obwohl, sie ist ja nicht ganz allein, denn da ist noch ein Schlagzeuger. Das ergibt ein Spannungsfeld, denn man hätte da zwei, aber die gehören nicht zusammen.

ak[due]ll: Wie lange hattet ihr Zeit das Stück zu entwickeln?
Marieke: Ich habe einige Monate vorher angefangen, mir darüber Gedanken zu machen. Geprobt haben wir dann in einem Zeitraum von zwei Wochen vor der Aufführung.

ak[due]ll: Hast du schon was Neues im Kopf, darfst du in nächster Zeit wieder Regie führen?
Marieke: Ja, tatsächlich schon für den kommenden „Stück auf!“- Marathon am 5. März. Das ist ein Autorenwettbewerb. Ich darf eins von acht Stücken, die nominiert sind, präsentieren. 20 bis 30 Minuten davon. Da stecke ich mittendrin. Und dann kommt im März, am 18., ein zweiter Freischuss im Rahmen der TUP-Festtage: „Pussy Riot“ heißt der, wo Texte von Frauen, feministische, queere Texte gelesen werden. Aus unterschiedlichsten Kontexten und Zeiten.