Das ultimativ Böse erreicht den Fußball

Das ultimativ Böse erreicht den Fußball

Am Wochenende hat Borussia Dortmund das DFB-Pokalfinale gegen Bayern München im Duell vom Elfmeterpunkt verloren. In einem kommen die Fan-Lager beider Vereine trotzdem sicher zusammen: Der schlimmste Auswuchs des sogenannten modernen Fußballs ist derzeit Rasenballsport (RB) Leipzig. Warum diese Betrachtungsweise falsch ist und die Kritik Elemente des sekundären Antisemitismus enthält, darüber referierte Alex Feuerherdt vergangene Woche in Duisburg.

Doch bleiben wir zunächst beim Pokalendspiel vom Samstagabend. Für viele ein Duell der Gegensätze: Die Ruhrpott-Malocher gegen den Geldadel, „echte Liebe“ gegen den Bonzenclub aus der bayrischen Landeshauptstadt. Die Dortmunder arbeiten aktiv an ihrem Image als ehrlicher, traditionsreicher Fußballverein. „Echte Liebe“ ist seit einigen Jahren der Markenclaim der Schwarz-Gelben. Die vermeintlich authentische, natürliche Zuneigung wird nach Außen getragen – zum einen gegen die künstlich erschaffenen „Plastikvereine“ wie Hoffenheim oder RB Leipzig, zum anderen gegen die allein auf den finanziellen Vorteil bedachten Clubs wie der FC Bayern München.

Nach der Liebe kommt der Wechsel

Diese Marketing-Strategie wird zum Unmut aller Fans und Verantwortlichen des BVB immer wieder an der Realität blamiert. Das Unverständnis ist groß, wenn Spieler wie Mario Götze oder Mats Hummels nicht an der „echten Liebe“ hängen, sondern als gewinnmaximierende Akteure handeln. Beide entschieden sich für einen Wechsel zum deutschen Rekordmeister aus München. Dass ihre echte Liebe aus Dortmund tatsächlich als erster deutscher Fußballverein im Jahr 2000 den Gang an die Börse anstrebte, ist für viele BVB-Fans nur eine Randnotiz, die nicht weiter beachtet wird.

In den Farben und der Herkunft getrennt unterscheiden sich die Proficlubs, nicht aber im Streben nach dem maximalen Profit im Sinne eines Unternehmens auf dem Markt für Sportveranstaltungen. Seit einigen Jahren mischt ein Verein aus Leipzig diesen Markt kräftig auf. 2009 stieg der Energydrink-Hersteller Red Bull beim Ostverein ein und startete in der Oberliga-Nordost. Vier Aufstiege später sind die „roten Bullen“ im Oberhaus angekommen. Es war ein Weg gepflastert von massivem Widerstand, verbalen Anfeindungen bis hin zu körperlichen Attacken, die die Fans und Verantwortlichen der Leipziger über sich ergehen lassen mussten. Selten war sich die deutsche Fanszene so einig: RB Leipzig zerstört den Fußball. Doch warum wird RB so scharf angegangen und vor allem wie?

Unter anderem diesen Fragen widmete sich ein Vortrag von Alex Feuerherdt im ehemaligen Duisburger Wedaustadion mit dem Titel „Antisemitismus im Fußball“. Nachdem der ehemalige Schiedsrichter und linke Publizist Feuerherdt sich zunächst darum bemühte, einen historischen Abriss antisemitischer Ausfälle im Fußball zu geben, widmete sich der zweite Teil des Vortrags und die anschließende Diskussion dem Phänomen Rasenballsport Leipzig. Dabei wurde einmal mehr deutlich, dass in den allermeisten Fankurven nicht mehr der offen zur Schau gestellte Antisemitismus dominiert. Stattdessen prägen Formen der strukturellen, sekundären Jüd*innenfeindlichkeit den Umgang mit RB Leipzig.

Klassisch antisemitische Bilder gegen den Feind

So fertigten Anhänger*innen von Union Berlin T-Shirts mit der Aufschrift „Schädlingsbekämpfer“ an, auf der Rückseite wurde ein verfremdetes Rasenball-Logo mit dem Schriftzug „Rattenball“ aufgedruckt. „Die Darstellung als Schädlinge und Ungeziefer, welche den Fußball zersetzen, ist ein klassisches Bild des sekundären Antisemitismus“, konstatierte Referent Feuerherdt. Der imaginierte Feind, der als Schädling in die „gesunde“ Tradition des Fußballs einfällt, sei ein Topoi mit antisemitischer Verwurzelung.

Doch auch in vermeintlich intellektuelleren Kreisen wie dem Fußball-Fachmagazin 11Freunde bedient man sich solcher Muster. Chefredakteur Phillip Köster zeichnete in einem vielbeachteten Artikel aus dem Jahr 2014 zum Thema Rasenball das Bild eines Vereins, der die vermeintlich authentische Tradition der meisten deutschen Fußball-Clubs beschmutze. Er unterschied zwischen „Klubs, in denen die Identität durch allzu viel Geschäftemacherei beschädigt wird“ und „Klubs, deren Identität die Geschäftemacherei ist“. Diese Unterscheidung zwischen „echt und rein“ beziehungsweise „künstlich und ohne Tradition“ hat nach Alex Feuerherdt ebenfalls seinen Ursprung in antisemitischen Denkfiguren.

Alle Klubs streben nach Profit

Für den Referenten macht eine solche Unterscheidung ohnehin keinen Sinn. Alle Klubs seien vor allem Konzerne, die im Kapitalismus zwangsläufig nach Profitmaximierung strebten. „Der Verweis auf die eigene Tradition macht es nur einfacher, die eigene Marke und die angebotene Ware besser zu vermarkten“, so Feuerherdt. Borussia Dortmund hat diese Art des Marketings perfektioniert. „Echte Liebe“ statt bloßer Geschäftemacherei. Einen solchen Unterschied zu machen, ist für den Publizisten und Gründer des Blogs „Lizas Welt“ eine Form des regressiven, also rückwärtsgewandten, Antikapitalismus. „Natürlich kann man RB Leipzig nicht gut finden und natürlich kann man den Verein auch kritisieren. Es geht aber um das wie“, sagte Feuerherdt.

In der abschließenden Diskussion kämpften viele Zuhörer*innen, die meisten wohl selbst MSV-Fans, mit der Widersprüchlichkeit, die solche Feststellungen mit sich bringen. Den Widerspruch für die Fans im Allgemeinen und die Ultras im Besonderen stellt ihre Doppelrolle dar. So sind die Ultras im Kampf gegen den sogenannten modernen Fußball vereint, steigern durch ihr Engagement in Form von optischer und akkustischer Unterstützung aber den Warenwert ihres eigenen Vereins und tragen somit dazu bei, dass sich dieser als Profitmaximierer am Markt behauptet. „Jeder muss selbst wissen, wie lange er diese Widersprüchlichkeit für sich akzeptieren kann“, empfahl Feuerherdt. Die Lösung ist sicherlich nicht, den Ausweg in regressiver und häufig sekundär antisemitischer Kritik des modernen Fußballs und gegen Leipzig zu suchen.