Genozid-Leugner an der UDE

Bald auch in Essen? Der Wolfsgruß der extrem rechten Wölfe wurde in Duisburg gezeigt. (Fotograf*in bekannt)

Bald auch in Essen? Der Wolfsgruß der extrem rechten Wölfe wurde in Duisburg gezeigt. (Fotograf*in bekannt)

Neuerlicher Eklat an der Universität Duisburg-Essen: Ein bekannter Relativierer und Leugner des Völkermords an den Armenier*innen durfte im alten Duisburger Audimax seine kruden Thesen verbreiten. Eingeladen wurde Dr. Şahin Ali Söylemezoğlu vom Verein türkischer Studenten. Bei der Veranstaltung kam es zu Handgreiflichkeiten, ein Teilnehmer zeigte den „Wolfsgruß“ der türkisch-nationalen Grauen Wölfe. Dabei wurde die Universitätsleitung bereits im Vorfeld um eine Absage gebeten, ist der Referent doch kein Unbekannter.

Bereits vor etwa einem Jahr war Söylemezoğlu an der UDE in Erscheinung getreten. Er belästigte eine Professorin der Turkistik über Monate hinweg mit Anschuldigungen, die sich ebenfalls um eine Veranstaltung zum Armenier*innen-Genozid drehten. Söylemezoğlu ist ein umtriebiger Zeitgenosse mit einer Doktorwürde in Volkswirtschaft und einem Faible für die Leugnung von Völkermorden. Seit Jahren tourt der Duisburger durch Deutschland um seine ganz eigene Version der Historie zu verbreiten (mehr dazu auf Seite 4). Die Leugnung oder Relativierung wird dabei häufig mit pseudo-wissenschaftlichen Quellen unterfüttert, um die historische Faktizität der massenhaften Ausrottung der Armenier*innen zur Streitfrage zwischen unterschiedlichen Auslegungen der Geschichte zu stilisieren. Auch Söylemezoğlu greift auf diese Taktik zurück.

Zwar ist er kein Historiker, was ihn aber nicht davon abgehalten hat mit Die andere Seite der Medaille ein eigenes Buch zur Thematik zu schreiben. Wenig überraschend wird der Völkermord darin ebenfalls geleugnet und versucht, den Armenier*innen die Schuld für das Vorgehen gegen sie in die Schuhe zu schieben. Mit dieser Agenda im Gepäck reist Söylemezoğlu durch die Republik. Das Ziel: Zu verhindern, dass das V-Wort sich als widerspruchsfreie Bezeichnung einer historischen Tatsache etabliert.

Als bekannt wurde, dass der Möchtegern-Historiker an der Uni Duisburg-Essen sprechen sollte, regte sich Widerstand. So forderte der AStA vom Rektorat eine Absage der Veranstaltung. Auch die Linke Ratsfrau Ezgi Güyildar schloß sich in einem offenen Brief der Forderung an. Dort schreibt sie: „Eine Universität, mit mehr als 130 Nationalitäten, die gemeinsam studieren und voneinander lernen, diese sollte Geschichtsrevisionisten und Hassrednern kein Podium bieten. Denn sonst machen sie sich Mitverantwortlich an der Verbreitung der Genozidleugnung und Stigmatisierung der armenischen Gemeinschaft in Deutschland.“ Rektor Ulrich Radkte widersprach mit dem Verweis auf seine Ablehnung von vermeintlicher Zensur. (Mehr dazu hier.)

Ein fataler Fehler, wie sich am vergangenen Dienstag heraus stellte. Etwa 30 Anhänger*innen von Söylemezoğlu Thesen hatten sich im Duisburger Audimax eingefunden. Dem standen etwa 35 kritische Begleiter*innen des Vortrags gegenüber, unter anderem auch zahlreiche Parlamentarier*innen der Linken Liste und AStA-Vorsitzender Marcus Lamprecht. Ein Augenzeuge von der Linken Liste (LiLi), der seinen Namen nicht veröffentlicht sehen möchte, berichtet von einer aggressiven Stimmung schon zu Beginn: „Wir wurden schon vor dem Vortrag abgefilmt und fotografiert, ganz offensichtlich um uns einzuschüchtern“, so der LiLi-Parlamentarier. Als sie die Bitte formulierten, dies zu unterlassen, sei Marcus Lamprecht zudem als Nazi beschimpft worden, es kam zu ersten kleinen Rangeleien. „Zudem positionierte sich ein Security mit Quarzhandschuhen in eindeutiger Pose im Saal“, berichtet der Augenzeuge.

Inhaltlich bezeichnet er den Vortrag als Witz. Referent Söylemezoğlu habe zwei bis drei obskure Primärquellen benutzt, um seinen Vortrag über den „schlimmsten Terroranschlag in Istanbul im 19 Jahrhundert“ zu untermauern. Einzig bemerkenswert waren die verschwörungstheoretischen Erklärungsmuster des Referenten. Zu einem negativen Höhepunkt kam es, als der Veranstalter selbst laut AStA-Pressemitteilung den Gruß der türkisch-nationalistischen Grauen Wölfe zeigte. Abschließend heißt es dort: „Wir sind enttäuscht, dass eine genozidleugnende und derart bedrohliche Veranstaltung unter Beteiligung gewaltbereiter Nationalisten an unserer Uni stattfinden konnte. Wir hoffen, dass eine ähnliche Veranstaltung vom Rektorat der Uni Köln noch rechtzeitig abgesagt wird, bevor sich derartige Szenen wiederholen.“ Leider war auch dies nicht der Fall. Die Veranstaltung in Köln, wo Söylemezoğlu wieder auf dem Podium saß, eskalierte ebenfalls.

Die Universität Duisburg-Essen wusste schon im Vorfeld, welch problematischen Referenten sie sich ins Haus holt. Sie hätte der Veranstaltung keinen Raum zuweisen können, wie sie es auch bei anderen Vorträgen, beispielsweise zum Thema Kobani, zunächst getan hatte. Ein Mitglied der Linken Liste bemerkte dazu bei Facebook, „dass die Hochschulleitung in Fragen der Raumvergabe über keinerlei politischen Kompass verfügt.“ Am Mittwoch, 4. Mai, kommt es zur nächsten problematischen Veranstaltung. Ein islamistischer Prediger, welcher der Muslimbruderschaft nahe steht, soll im Audimax zum Thema „Die Beweise für die Existenz Allahs“ referieren. [Update: Die Veranstaltung wurde wegen einer Doppelbelegung des Raumes verschoben und findet am Mittwoch, 04.05, nicht statt.]