Kann man davon leben?

4-Kultur

Manchmal reicht das Geld in der Spendenmütze einfach nicht aus. (Foto: bjg )

Kunstschaffende werden von diesem Satz vermutlich in ihren schlimmsten Albträumen heimgesucht. Dass ihre Arbeit nicht oder nur sehr schlecht bezahlt wird, ist ein Klischee, das sich leider zu oft bewahrheitet. Aber warum gehen viele Menschen davon aus, dass es reicht, Musikmachende, Malende oder Vortragende auf die Bühne zu stellen und im Nachhinein dafür nicht zu entlohnen?

Für viele Künstler*innen ist es beinahe unmöglich mit ihren Erzeugnissen finanziell Fuß zu fassen. Das liegt nicht nur an der Digitalisierung, sondern vor allem auch am Kunstverständnis und inwieweit das Publikum bereit ist, die Kunstschaffenden zu unterschützen.Es scheint, als seien kostenfreie Musik, Filme und Bücher zum Standard geworden, das Internet hat da sehr gut mitgeholfen. Doch Sharing-Portalen die alleinige Schuld an einer falschen Kunstvergütung zu geben, wäre übertrieben. Oft fängt das Problem schon viel früher an, nämlich bei den ersten Live-Auftritten. Als Beispiel dafür eignen sich vor allem die Musik- und Literaturschaffenden.

Johannes Floehr ist Veranstalter und Moderator mehrerer Formate wie Open Mics, Poetry Slams und Lesungen in Krefeld. Monatlich kommen beispielsweise acht Slammer*innen in der Kneipe Jules Papp zusammen, tragen selbstverfasste Texte vor und haben somit die Möglichkeit, ihre Kunst einem Publikum zu zeigen. Jede*r Vortragende bekommt dafür seine Fahrtkosten bezahlt. „Erstattet werden diese Unkosten aus einer Mischung aus Eintritts- und Sponsorengeldern“, sagt Johannes. Zudem würde immer eine Verpflegung für die Auftretenden mit der jeweiligen Location verhandelt, so Johannes weiter, „das gehört meiner Meinung nach zur Bezahlung mit dazu.“

Diese Art von Vergütung hat sich in der Szene etabliert, die Auftretenden sollen nicht auf eigene Kosten zu einem Veranstaltungsort fahren. Bei größeren Veranstaltungen wird oft zusätzlich noch ein festes Honorar ausgemacht, das allen Auftretenden gleichermaßen zusteht. Den Gegenentwurf dazu findet man heute vor allem in der Musikszene. Dort wird auftretenden Bands oft nicht einmal die Anreise bezahlt. Getoppt wird das oft noch durch das Konzept „pay-to-play“, bei dem die Bands eine bestimmte Anzahl an Karten im Voraus verkaufen müssen, um als Support einer größeren Gruppe aufzutreten. Bleiben Karten übrig, muss die Band die Kosten aus eigener Tasche bezahlen.

Der Hut geht herum

Nun kommt es manchmal vor, dass bei Veranstaltungen gesagt wird, dass kein (Fahrt-)Geld erstattet werden könne, da sich die Location rein über Getränke finanziere, selten Sponsor*innen habe und man generell nicht genügend Mittel hätte. Schließlich würde am Ende doch ein Hut herumgereicht und dessen Inhalt unter allen Künstler*innen aufgeteilt. Das Problem dabei ist vor allem, dass Spenden nie eine Absicherung sind, sondern immer ein Vielleicht. Möglicherweise sind im Hut über tausend Euro, jede*r erhält einen hohen Geldbetrag, manchmal sind aber auch nur 15,89 Euro im Hut und nicht eine Person kann die Anfahrt davon bezahlen.

„Den Aufteilungsaspekt begrüße ich, jedoch sollten etwa Spesen für Künstler von vornherein durch den Veranstalter gedeckt sein. Grundsätzlich bin ich aber ein Freund eines festen Eintrittspreises: Künstlerische Arbeit jeglicher Art sollte das Publikum auch finanziell honorieren. Und wenn es nur zwei Euro Eintritt sind“, sagt Johannes und verweist damit auf einen weiteren Diskurs, der bisher keinen Lösungsansatz bringen konnte: Wie kann man Kulturveranstaltungen für alle Menschen anbieten?

Zunächst sollte festgehalten werden, dass es sowohl Vor- als auch Nachteile beim kostenfreien Eintritt gibt. Zum einen wäre es begrüßenswert, wenn jede*r eine Kulturveranstaltung besuchen kann, ohne jeden Cent umdrehen zu müssen. Schließlich ist Kunst für jeden Menschen da, nicht nur für die, die sich ein 50 Euro Opernticket leisten können.

Zum anderen muss man sich aber auch fragen, ob nicht jede*r Kunstschaffende ein Recht darauf hat, vernünftig entlohnt zu werden. Oft gibt es Sponsor*innen und Spendengelder, die Veranstaltungen ermöglichen, doch dann kommt es zu einem neuen Problem: die Wertschätzung des Abends. Es passiert, dass in kostenfreie Abende mit einer respektlosen Haltung hineingegangen und die Arbeit der Künstler*innen nicht gewürdigt wird. Es fehlt dann an Aufmerksamkeit und Respekt. Das bedeutet natürlich nicht, dass es nicht durchaus auch in „teuren Theaterstücken“ zu Störungen kommen kann.

„Finanzielle Entlohnung wäre schön, aber als Grundlage ebenso wichtig sind gute Organisation und Moderation, ein aufmerksames Publikum sowie Verpflegung“, so Johannes.

Wie kann man also den Menschen den Wert von Kultur klarmachen? Hier hat sich Johannes mit anderen Kunstschaffenden ein Konzept erdacht. „Wenn Veranstaltungen gut sind, dann spricht es sich herum. Die 10.000€-Show ist eine zwölfstündige Leistungsschau der gesamten Kulturszene der Stadt. Der Name leitet sich daraus ab, dass eine Eintrittskarte 10.000 Euro kostet: Eine absurde Etikettierung, durch die wir zum Stadtgespräch werden wollen. Wie viel ist den Leuten die stadteigene Kultur in Zeiten von Mehrzweckhallen und den immer gleichen Großevents wert?“, hinterfragt Johannes und ergänzt, dass bereits über 80 Künstler*innen zugesagt haben. Es ginge vor allem darum, Aufmerksamkeit zu generieren. „Denn bei aller berechtigten Debatte um faire Bezahlung, gehört und wahrgenommen werden wollen, nein, müssen wir.“

Doch wann wird Kunst eigentlich vom Beruf zum Hobby? Wann wird die Bezahlung überlebenswichtig? Wo lässt sich diese Grenze ziehen? Antwort: Sie lässt sich nur persönlich und individuell festmachen. Niemand von außen hat das Recht zu definieren, inwieweit man professionell oder hobbymäßig mit seiner Kunst unterwegs ist. Kunst hat immer die Berechtigung vergütet zu werden, ob in der Lanxess Arena oder in der Kneipe, ob vor 1.000 oder zehn Leuten.

Ein schöner Lösungsansatz aus den Vereinigten Staaten: Ein Pizzabäcker bietet Kund*innen, die sich zwei Stücke Pizza leisten können, an, beide zu bezahlen und nur eins mitzunehmen. Das übriggebliebene wird Obdachlosen gegeben, die sich sonst kein Stück leisten könnten. Pay one ahead – vielleicht auch etwas für Kulturveranstaltungen. Nur würde das vermutlich an der Unvernunft mancher scheitern, sich trotz vorhandenen Geldes kostenfrei in die Veranstaltung zu schummeln.