Keine Zensur an der Uni?

DSCF0623Die Veranstaltung „Terror in Istanbul“ des Referenten Şahin Ali Söylemezoğlu und die damit einhergehende Leugnung des Genozids an den Armenier*innen löste an der Uni eine Debatte um Zensur, Nationalist*innen an der Hochschule und der Raumvergabe aus. Während die Universität ihre Erklärung zur Raumvergabe für die Veranstaltung mit „Keine Zensur“ überschreibt, spricht der AStA von einem Schlag ins Gesicht für armenische Studierende. Der Verein Türkischer Studenten, der den Vortrag organisiert hatte, nennt die Beschuldigungen des AStAs derweil wiederum realtitätsfern und anhaltlos.

Tumulte im alten Audimax der Universität Duisburg: Armenische Studierende drehen sich demonstrativ um und protestieren gegen den Vortrag. Grund war die Leugnung des Völkermordes an den Armenier*innen während des Ersten Weltkriegs in den Jahren 1915 und 1916 durch den Vortragenden Söylemezoğlu: „Wie man diese Ereignisse einstuft, da können wir unterschiedlicher Meinung sein“, sagte er auf der Veranstaltung (siehe hier).

Genozidleugnung an einer Hochschule? In einer Stellungnahme zur Veranstaltung nimmt die UDE gegenüber den Aussagen des Referenten Abstand: Sie distanziere sich klar von Positionen, die geschichtliche Tatsachen, wie zum Beispiel den Völkermord an den Armeniern, leugneten. Trotz des Statements hatte die Universität dem Antrag auf Räumlichkeiten zugestimmt: „dem ist, soweit es die Ressourcen zulassen, stattzugeben – ohne vorherige inhaltliche Prüfung“, so die Universität. In ihrer Erklärung vor der Veranstaltung hatte die Hochschule ihre Entscheidung mit „Keine Zensur“ betitelt. Ein Begriff, der die UDE umtreibt. Im Sommer 2013 hatte sie nach der Sachbeschädigung an der Comic-Ausstellung What Comics can do – Recent Trends in Graphic Fiction den Begriff bemüht. Die Ausstellungsdauer würde aus Protest gegen die erfolgte Zensur verkürzt, schrieb die UDE.

Bühne für Genozidleugner

Der Allgemeine Studierendenausschuss (AStA) ist empört angesichts der Raumvergabe für die Veranstaltung: „Der Verein kann seine Redner ja gerne einladen. Aber die Uni muss dafür keine Räume bereitstellen. Das ist kein Akt der Zensur“, so der AStA-Vorsitzende Marcus Lamprecht, der ebenfalls an der Veranstaltung teilnahm. Er kann die Entscheidung der Universität nicht nachvollziehen: „Die Uni hätte sagen können: ‚Wir bieten hier keinem Genozidleugner einen Raum. Und Genozidleugnung hat keinen Raum an einer Hochschule.’ Diese Chance wurde verpasst. Für armenische Studierende war das ein Schlag ins Gesicht.“

Vor allem eine Geste sorgte für Aufruhr während der Veranstaltung: Einzelne Teilnehmer*innen zeigten am Rande der Veranstaltung den Wolfsgruß. Er gilt als Erkennungszeichen der extrem rechten Grauen Wölfe. AStA-Vorsitzender Lamprecht lehnt Nationalist*innen an der Uni klar ab: „Vorfälle, wie das Zeigen des Wolfsgrußes auf der Veranstaltung, dürfen an einer Hochschule nicht passieren. ‚Offen im Denken’ darf nicht zu ‚Offen für Rassismus’ werden.“ Die Uni verweist derweil darauf, dass das Verhalten der Teilnehmer*innen bei der Raumvergabe leider nicht abzusehen gewesen sei, es würde aber sicherlich in Zukunft zu berücksichtigen sein, wenn ein ähnlicher Fall zur Entscheidung anstehe. Der Vortrag sei besonders für ultrarechtes Klientel attraktiv gewesen, sagt dagegen der AStA-Vorsitzende Lamprecht.

Für den AStA hätte es gar nicht soweit kommen müssen: Er hatte noch im Vorfeld versucht, die Veranstaltung zu verhindern. Die Uni blieb bei ihrer Entscheidung – die Veranstaltung eskalierte. Die Hochschule lege ein höchst unbeholfenes Verhalten an den Tag, was den Umgang mit Veranstaltungen betreffe, meint Lamprecht. Vor dem Hintergrund der aktuellen Ereignisse werde sich die Universität in der Tat noch einmal mit den Regeln der Raumvergabe befassen, antwortet die Pressestelle auf akduell-Anfrage.

Das Verhältnis zwischen dem AStA und dem Veranstalter, dem im vergangenen Jahr gegründeten Verein Türkischer Studenten, kann derweil als eisig beschrieben werden. In einer Stellungnahme kritisiert der Hochschulverein die Studierendenvertreter*innen. Die Äußerung über eine „Armenische Genozid-Behauptung“ sei durch das Recht auf freie Meinungsäußerung gedeckt. „Die Verlautbarungen des AStAs zeigen, dass die Studierendenvertretung nicht nur ein gebrochenes Verhältnis zur Wahrheit hat, sondern auch den Drang verspürt, missbeliebigen Personen einen Maulkorb zu verpassen“, so die Stellungnahme. „Der Verein ist für uns kein allzu beschriebenes Blatt. Aber wenn diese Auftaktveranstaltung der Maßstab für das weitere Agieren sein soll, ist es hoch fragwürdig, ob wir mit dem Verein Türkischer Studenten kooperieren werden“, entgegnet der AStA.