Politisches Picknick auf dem Bagger

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Hier lief am Pfingstwochenende nichts: Der Energiekonzern Vattenfall ließ die Aktivist*innen die Bagger im Braunkohletagebau in der Lausitz besetzen. (Foto: Hendrik Allhoff-Cramer)

Die Braunkohlebagger stehen still. Die Menschen an der Sightseeing-Plattform zur Grube sind enttäuscht. Wo sieht man die versprochene Action? Schließlich tummeln sich bis zu 2.000 Menschen in weißen Anzügen im riesigen Braunkohletagebau. Polizeiketten sind nicht in Sicht. Ein Erlebnisbericht von Linda Gerner aus dem sechsten Lausitzer Klimacamp.

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Gemütliche Atmosphäre im 6. Lausitzer Klimacamp. (Foto: Hendrik Allhoff-Cramer)

Dass die Anti-Kohlebewegung wächst ist nicht nur an den Schlangen vorm Kompostklo zu erkennen. Sie ist auch international. Läuft man durch das Klimacamp, hört man Französisch, Polnisch, Spanisch, Schwedisch, Englisch in den unterschiedlichsten Variationen und — die Liste würde lang werden. Ein internationales Bündnis mit dem Slogan „Ende Gelände“ erreicht in Brandenburg eine der bisher weltweit größten Klimaaktionen,
die es bisher gegeben hat. Die Volksküche Fläming Kitchen gibt bei einem Mittagessen mehr als 3.500 Portionen raus und auf den Campwiesen stehen Zelte dicht an dicht.Doch die Menschen sind nicht nur wegen der fröhlichen Stimmung und dem Knüpfen von neuen Kontakten ins Camp gekommen. Was bereits im Sommer vergangenen Jahres ein großer Erfolg im Tagebau Garzweiler bei Köln war, ist am Pfingstwochenende in einer anderen Größenordnung wiederholt worden: Ziviler Ungehorsam in Form des Blockierens von Kohlebaggern und den Zufahrtsgleisen eines Kraftwerkes des schwedischen Stromriesen Vattenfall in der Lausitz bei Berlin. Die Proteste erreichten eine Unterbrechung des Braunkohlenachschubes, weshalb das Kraftwerk mit verminderter Leistung betrieben werden musste.

Krummer Deal

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Ziviler Ungehorsam? Ja. Straftat? Fragwürdig. Beim Betreten des Tagebaus wurden keine Zäune überwunden, weshalb die Staatsanwaltschaft Cottbus den Tatbestand des Landfriedensbruch nicht bestehen sieht. (Foto: Hendrik Allhoff-Cramer)

Die Deeskalierungsstrategie von Vattenfall, die bei dem Großteil der Protestaktionen keine Hundertschaften der Polizei anforderten, scheint nicht nur ein Lehrstück aus den Protesten im RWE-Tagebau zu sein. Vattenfall steht kurz vor dem Verkauf seiner Braunkohlesparte an den tschechischen Energiekonzern EPH und dessen Finanzpartner PPF Investments. Das Perfide: neben dem symbolischen Verkaufspreis, den EPH zahlen wird, bietet Vattenfall dem Käufer rund 1,7 Milliarden Euro für die Übernahme an. Dafür wird das tschechische Unternehmen die Braunkohlestromproduktion in Ostdeutschland weiterbetreiben – muss jedoch auch die anfallenden Kosten, beispielsweise für Rekultivierungen der Tagebaue, übernehmen. Diese belaufen sich auf rund zwei Milliarden Euro. Die Menschen im Klimacamp kritisieren den Verkauf und fordern: „Vattenfall, macht euren Dreck selber weg.“

One Solution? Revolution!

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Zeit für Picknick, Zeit für Akrobatik. Bei der Besetzung des Tagebaus herrschte keine Hektik, sondern eine entspannte Stimmung. (Foto: Hendrik Allhoff-Cramer)

Die Stimmung im Camp und bei den Blockaden ist von Donnerstag bis Samstag so, wie ich mir ein Woodstock-Festival vorstelle. Die Menschen tragen zum Teil Schlabberhosen und bunte Tücher in der Haaren, sitzen in den Wiesen, trinken Bier und unterhalten sich – oft singend. Bei den Gleisblockaden treten ebenfalls Chöre auf und es wird getanzt, der Braunkohletagebau spontan zum Fußballfeld gemacht und das Förderband im Tagebau wird Bühne für eine Polonaise. Die ökologische und politische Motivation hinter der Reise nach Brandenburg vereint die Aktivist*innen. Eiskalt duschen und für acht Nächte im Zelt bei sechs Grad Celsius werden in Kauf genommen. Die spinnen eben, die Ökos – das scheinen zumindest manche Bewohner*innen der Region zu denken.

Dass Stromversorgung auch anders geht, zeigt das vom Tagebau bedrohte Dorf Proschim, das sich zu über hundert Prozent aus Erneuerbaren Energien versorgt. Windräder, Biogasanlagen und Photovoltaikmodule sollen in dem Ort, wo auch das  Klimacamp stattfindet, bald dem Tagebau weichen. Bei einer Demonstration am Samstag im benachbarten Welzow nahmen viele Menschen aus den umliegenden Dörfern teil. Trotzdem bekommen Aktivist*innen am Samstagabend bei einer friedlichen Schienenblockade und Mahnwache vor dem Kraftwerk Schwarze Pumpe auch zu spüren, dass es eine Pro-Kohle-Fraktion in der Gegend gibt. Menschen einer Pro-Braunkohle-Demonstration werfen Böller und Äpfel auf die Demonstrant*innen. Licht ins Dunkel bringen und stärkende Vitamine sind zwar erst einmal nette Gedanken der besorgten Bürger*innen, Gewaltandrohungen und Verfolgungen von teilweise in rechten Strukturen organisierten Pöbler*innen stören dann aber doch unangenehm die sonst harmonischen Aktionen. Bis auf die rechten Angriffe auf die Aktivist*innen finden die Blockaden auf den Gleisen bis Sonntag komplett ohne Eingreifen der Polizei oder Vattenfall friedlich statt. Beim freiwilligen Verlassen der Schienen nach über 48 Stunden am Sonntagnachmittag werden jedoch hunderte Aktivist*innen nach kurzer Rangelei auf den Gleisen  noch vier Stunden von der Polizei gekesselt. Da die meisten Aktivist*innen keine Ausweise bei sich tragen wird ihnen mitgeteilt, dass sie zur Identitäsfeststellung nach Cottbus gebracht werden. Nach und nach werden die Umweltschützer*innen gegen Abend in Busse verlagert, nur um dann mit dem freundlichem Shuttle-Service der Polizei, trotz Verweigerung der Personalien, bei der Abschlussparty des Camps abgesetzt zu werden. Das Camp und die Blockaden, so bewertet es das Bündnis Ende Gelände, waren ein voller Erfolg. Bei erfolgreicher Abgabe von Vattenfalls  Braunkohletagebaue an den tschechischen Energiekonzern darf auch dieser in Zukunft mit Protestaktionen in der Lausitz rechnen. Denn das Bündnis macht klar: „Wir sind das Investitionsrisiko!“

Impressionen von den friedlichen Blockaden:

 

Bilderstrecke (Fotos: Hendrik Allhoff-Cramer und Gerne):DSC_0026

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