Protest gegen Praxissemester

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Schule, Uni, Forschungsbeiträge: Das Praxissemester stellt Lehramtsstudierende im Master vor viele Herausforderungen – vollkommen unentgeltlich. Dagegen formiert sich Protest. (Foto: fro)

Ein komplettes Semester verbringen Lehramtsstudierende aller Schulformen während des Masterstudiums in der Schule und müssen neben eigenen Unterrichtsprojekten und Forschungsbeiträgen auch zusätzlich Seminare besuchen. Eine Vergütung erfolgt allerdings nicht. Das Praxissemester nimmt viel Zeit in Anspruch und erschwert es Studierenden, durch Nebenjobs ihren Lebensunterhalt zu finanzieren. Nun regt sich Widerstand.

„Eigentlich könnte dieses neue Modell eine schöne Idee sein“, schreibt Mariella Broscheid in ihrer Petition Vergütung für das Praxissemester im Lehramtsstudium, die Anfang Mai auf openpetetion.de veröffentlicht wurde. Studierende hätten so die Möglichkeit, Gelerntes aus der Universität direkt im schulischen Kontext anzuwenden und eigene Erfahrungen zu sammeln, um besser auf den späteren Berufseinstieg vorbereitet zu sein. „Doch für das halbe Jahr Arbeit gibt es keine Bezahlung,“ empört sie sich und erhält Zustimmung von bislang 2.411 Unterzeichner*innen (Stand: 16. Mai 2016). Sie fordert eine Entlohnung des Praxissemesters nach dem gesetzlich festgelegten Mindestlohn von 8,50 Euro. Das entspräche 425 Euro monatlich, die die Studierenden während ihres Praxissemester erhalten würden: Schließlich arbeiten sie effektiv 12,5 Wochenstunden an der jeweiligen Schule. Neben den begleitenden Lehrveranstaltungen an der Uni sowie der reinen Präsenszeit an der Schule müsse auch die Vor- und Nachbereitung des eigenständigen Unterrichts hinzugerechnet werden. Auch für Lehramtsanwärter*innen, die das Praxissemester bereits absolviert haben und demnach unentgeltliche Arbeit leisten mussten, fordert sie eine rückwirkende Auszahlung der Entlohnung.
Hinzu kommt, dass die Studierenden kaum Einfluss auf den Standort ihrer Praktikumsschule haben. Zwar können Präferenzen angegeben werden, aber letztendlich kommen Schulen aus dem gesamten Regierungsbezirk Düsseldorf in Frage. So kann ein*e Essener*in auch mal an einer Schule im ländlichen Kleve landen. Neben dem von der Universität Köln angegebenem wöchentlichen Zeitaufwand von 37,5 Stunden während des Praxissemesters können unter Umständen also auch lange Fahrtzeiten hinzukommen. „Daraus ergibt sich für die meisten Lehramtsstudenten das Problem, dass zum Arbeiten neben dem Studium praktisch keine Zeit mehr ist. Eine finanzielle Herausforderung“, heißt es in der Petition weiter.

Land spart auf Kosten der Studierenden

Die Petitionsunterstützer*innen sehen darin vor allem eine Kostensenkungsstrategie des Landes Nordrhein-Westfalen, das mit der Umstellung der alten Staatsexamen-Studiengänge auf das Bachelor-Master-System die Lehrer*innenausbildung um einen weiteren praktischen Rahmen erweiterte. Das zweijährige Referendariat wird nun durch einen anderthalbjährigen Vorbereitungsdienst sowie einem halbjährigen Praxissemester im zweiten Master-Semester ersetzt. Die Initiatorin ist sich sicher: „Das Land scheint sich ein Schlupfloch gebaut zu haben: Da das Praxissemester per Definition kein Praktikum ist, sondern Teil der Lehrerausbildung, muss die Praxiserfahrung nicht vergütet werden.“ Ein Rechenbeispiel untermauert dies: Während des Vorbereitungsdienstes erhalten Lehramtsanwärter*innen für Gymnasien und Gesamtschulen eine monatliche Besoldung von 1.284 Euro, ihre Kolleg*innen für Primar- und Sekundarstufe I 1.252 Euro. „Für den Teil der praktischen Ausbildung, den die angehenden Lehrer nun nicht mehr im Vorbereitungsdienst, sondern im Praxissemester ableisten, spart sich das Land also rund 7.500 Euro pro Lehramtsstudent“, resümiert Broscheid.