Streiten für Gerechtigkeit

Das Logo der Initiative Anerkennung Jetzt. (Grafik: Anerkennung Jetzt)

Das Logo der Initiative Anerkennung Jetzt. (Grafik: Anerkennung Jetzt)

Noch ist das Massaker an den Armenier*innen, Assyrer*innen und Pontosgriech*innen durch das Osmanische Reich während des ersten Weltkriegs in Deutschland nicht als Völkermord eingestuft worden. Seit drei Jahren versucht die Initiative Anerkennung Jetzt die Aufmerksamkeit dafür in Gesellschaft und Politik zu erhöhen – und eine Einordnung der Taten als Völkermord durchzusetzen. Das Interview führte Daniel Veutgen.

ak[due]ll: Könnt ihr Anerkennung Jetzt kurz vorstellen?

Anerkennung Jetzt: Wir sind eine zivilgesellschaftliche Initiative von zumeist jungen Aktivisten aus dem gesamten Bundesgebiet. Uns unterstützen mehrere hundert Personen. Seit 2013 haben wir uns als Initiative Anerkennung Jetzt zum Ziel gesetzt, die Anerkennung als auch die Aufklärung des Völkermords an den Armeniern, Aramäern,Assyrern und Pontosgriechen zu erreichen und die Debatte in Politik und Gesellschaft kritisch und konstruktiv zu begleiten. Wir arbeiten unabhängig, eigenverantwortlich und sind keiner Institution, Organisation und keinem Dachverband untergeordnet.

Wir sind nicht hierarchisch organisiert, sondern bauen auf die Qualitäten und Fähigkeiten unserer Aktivisten und verfügen über ein bundesweites Netzwerk.

ak[due]ll: Warum setzt ihr euch für eine Anerkennung des Völkermordes an den Armenier*innen ein?

Anerkennung Jetzt: Wir sind die Nachfahren der Opfer des Genozides von 1915 und wollen Gerechtigkeit für die Opfer und Aussöhnung: Das geht nur durch die Anerkennung des zugefügten Leides, das nicht nur die physische Vernichtung unserer Angehörigen beinhaltet, sondern sich über 100 Jahre auch in der Vernichtung der christlichen Kultur in Anatolien fortsetzt. Und die Leugnung dieses Menschheitsverbrechens will das vergessen, verschweigen, verharmlosen.

ak[due]ll: Welche Mittel nutzt ihr um euer Ziel zu erreichen?

Anerkennung Jetzt: Wir wollen neue Wege gehen. Dazu gehört, dass wir mit kreativen Aktionen auf das Thema aufmerksam machen wollen. Beispiele dafür sind die Reichstags-Aktion, bei der wir mit den Bundestagsabgeordneten über die ausge­bliebene Anerkennung des Völkermords 1915 gesprochen haben. Besonders sind wir auch in den sozialen Medien aktiv und halten Kontakt zu vielen Multiplikatoren und Bundestagsabgeordneten. Neben unserem politischen Ansatz mit der Forderung der Anerkennung durch den Bundestag leisten wir mit der Bereitstellung von Informationen und Quellen auch Aufklärungsarbeiten. Ein Stück weit Bildungsarbeit leistet unsere Internetseite www.anerkennung-jetzt.de damit auch.

akduell: Gibt es andere Initiativen oder Gruppierungen, mit denen ihr zusammenarbeitet?

Anerkennung Jetzt: Unsere Initiative arbeitet mit einem bundesweiten Netzwerk zusammen, regelmäßig mit dem Verein „SOS – Save Our Souls – 1915 e.V.“. Unserer Forderung nach Anerkennung haben sich beispielsweise die JUSOS, Grüne Jugend, Linksjugend Solid, Julis Junge Liberale, Alevitische Jugend Deutschlands, der Zentralrat der Deutschen Sinti und Roma und die Kurdische Gemeinde Deutschlands angeschlossen. 

akduell: Müsste mehr Druck auf die Politik ausgeübt werden?

Anerkennung Jetzt: Absolut. Die Politik hat immer nur auf Druck reagiert. So wurde schon 1995 – zum 90. Gedenkjahr – durch den Bundestag eine Resolution verabschiedet, die den Begriff Genozid nicht enthielt und auch die Forderung nach Aufnahme in die Lehrpläne folgenlos blieb. Letztes Jahr dasselbe. Es wurde eine zügige Anerkennung versprochen, doch fast ein Jahr lang ist nichts geschehen. Als zivilgesellschaftliche Initiative wollen wir Öffentlichkeit schaffen und immer wieder die Politik an ihre Versprechen erinnern. Der Genozid an den Armeniern ist nämlich auch Teil der deutschen Geschichte. Es ist absolut wichtig, dass die Anerkennung immer wieder thematisiert wird, um es nicht wieder in den Schubladen verschwinden zu lassen. Da hilft schon auch die bloße Nachfrage bei seinem Abgeordneten vor Ort, was er dazu sagt und ob er die Anerkennung unterstützt.

ak[due]ll: Warum tut sich auch die deutsche Regierung schwer, von einem Genozid zu sprechen?

Anerkennung Jetzt: Weil Sie leider zu sehr auf die Türkei schielt. Die Frage, ob man die Vernichtung der Armenier als Genozid bezeichnen soll oder nicht, ist doch keine historische oder juristische, sondern eine höchst politische. Und da stellt sich die Regierung ganz auf den Standpunkt der Türkei und widerholt sogar die türkischen Argumente. Eine direktere Einflussnahme auf die deutsche Politik gibt es sonst nirgends. Ankara gibt vor, wie die Regierung diese Tatsache bewertet. Das ist eigentlich absolut beschämend und widerspricht auch der Erfahrung nach dem zweiten Weltkrieg. Aber in Sachen Genozid an den Armeniern konterkariert sich die Regierung selbst.

akduell: Welche Rolle spielen die zurzeit geführte Debatte über die Geflüchteten und das Abkommen mit der Türkei? Wird das Thema gerade jetzt bewusst totgeschwiegen?

Anerkennung Jetzt: Ja, schon im Vorfeld der Konsultationen hat Angela Merkel während ihrer Türkeireise im letzten Jahr der türkischen Seite mitgeteilt, dass die Anerkennung keine hohe Priorität mehr habe. Das war ein Gastgeschenk an die Türkei auf dem Rücken der Wahrheit und Nachfahren des Völkermordes. Mit der zunehmenden Debatte um Flüchtlinge hat sich dieser Trend verschärft und würde letztlich untergehen, wenn kein Druck ausgeübt würde. Das Thema ist der Bundesregierung äußerst unangenehm und sie würde es vermutlich ganz vergessen lassen. Doch das werden wir verhindern!

Es ist leider Realität, dass heute viele Menschen einer Region sich nach Europa retten wollen, in der die Konzentrationslager der Osmanischen Türken die Armenier planvoll vernichteten. Heute sind in dieser Region, die auch vom ISIS kontrolliert wird, wieder orientalische Christen wie die Assyrer/Aramäer, Jesiden und andere Minderheiten von der Auslöschung bedroht. Fast so wie vor 100 Jahren sollen dort wieder Menschen, die anderer Ethnie und Religion sind, keine Existenz mehr haben.

ak[due]ll: Mit welcher Gegenwehr habt ihr zu kämpfen?

Anerkennung Jetzt: Insbesondere schwer machen es uns türkische Verbände, Institutionen und Vereine in Deutschland. Im Prinzip sind sie die Einzigen, die uns die Arbeit erschweren. Sie versuchen, die Politik Ankaras auch hier in Deutschland durchzusetzen und agieren im Hintergrund. Sie agieren zielgerichtet und versuchen aufklärerische Veranstaltungen zu verhindern oder die Veranstalter unter Druck zu setzten. Nicht nur auf kommunaler Ebene, auch auf Landes- und Bundesebene wird so vorgegangen. Das hatte mal dazu geführt, dass Brandenburg den Genozid aus dem Lehrplan herausgenommen hat. Im Grunde möchten sie ein angemessenes öffentliches Gedenken verhindern und ihr revisionistisches Weltbild aufdrücken.

ak[due]ll: Welche Gefahr geht von den Leugner*innen und leugnenden Parteien und Gruppen des Völkermordes aus?

Anerkennung Jetzt: Leugnung eines Völkermordes ist die letzte und integrale Etappe des Genozides. Elie Wiesel hat das mal als „zweite Tötung“ beschrieben. Leugner wollen Geschichte umschreiben, die Opfer dämonisieren und die Täter reinwaschen. Damit wird eine Aussöhnung unmöglich gemacht, denn ohne die Opfer und Täter klar zu benennen, kann es doch keine Aussöhnung geben, und das wollen Leugner verhindern. Eine politische Leugnung des Völkermordes bedarf einer politischen Antwort. Es ist überfällig, dass der Genozid endlich anerkannt wird.

ak[due]ll: Wie lange wird es eurer Meinung nach dauern, bis die Anerkennung beschlossen wird?

Anerkennung Jetzt: Wir hoffen, dass die Politik bei Ihrer Ankündigung bleibt und am 2. Juni 2016 eine Resolution im Deutschen Bundestag verabschiedet, die klar und unmissverständlich die Vernichtung der Armenier, Assyrer, Aramäer und Pontosgriechen im Osmanischen Reich offiziell als Völkermord anerkennt und die deutsche Mitverantwortung klar benennt. Bis dahin werden wir weiter mit Hochdruck an unserer Forderung arbeiten: Anerkennung Jetzt!