Studentische Selbstausbeutung?

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Nicht alles auf einmal abheben, bitte: Von 400 Euro lebt es sich schlecht. (Foto: ska)

Das hat gesessen: Als der Ring Christlich-Demokratischer Studenten (RCDS) Mitte April der studentischen Selbstverwaltung eine „Selbstbedienungsmentalität“ vorwarf, wurde hitzig und scharf diskutiert. Machen sich der AStA und seine Referent*innen die Taschen voll oder ist die Aufwandsentschädigung nur ein Euphemismus für Selbstausbeutung?  

Es lohnt sich, mit den Fakten zu beginnen. Laut RCDS-Pressemitteilung werden in diesem Haushaltsjahr mehr als 100.000 Euro für die „Gehälter“ der Referent*innen ausgegeben. 21 Personen, verteilt auf sechs Referate und den Vorsitz umfasst der AStA. Jede*r von ihnen erhält für seine Arbeit eine Aufwandsentschädigung von 400 Euro, von der noch ein kleiner Anteil für Rentenbeiträge abgeht. Die Opposition hält das für zuviel. Vor allem, dass der AStA zu Beginn der Legislaturperiode 3,5 neue Stellen geschaffen hat, ist Anlass für Kritik. „Anders als auf den Konten der AStA-Referenten macht sich der Stellenausbau auf dem Campus nicht bemerkbar“, heißt es in der RCDS-Pressemitteilung.

Nicht mal Mindestlohn

Als eine „Frechheit“ empfindet Corinna Kalkowsky (Listenlos) diesen Vorwurf. Auch ihr Kulturreferat wurde um eine Stelle auf nun fünf Personen aufgestockt. „Dass wir nunmehr sechs stetige Veranstaltungsreihen sowie das Campusfest und zahlreiche Events neben der Reihe organisieren, spricht für sich“, sagt Kalkowsky. Sie bemühe sich, nicht mehr als 15 Stunden die Woche zu arbeiten. Das macht einen durchschnittlichen Arbeitseinsatz von 60 Stunden im Monat bei knapp 400 Euro Aufwandsentschädigung – ein Stundenlohn weit unter dem gesetzlichen Mindestlohn von 8,50 Euro. „Auch wenn mir das Wort nicht gefällt, letztlich beutet man sich am Ende selber aus“, bekennt Kalkowsky.

AStA-Vorsitzender Marcus Lamprecht ist sich dieser Problematik bewusst. Zumal er einem grün-links-roten Studierendenausschuss vorsitzt, der seine Referent*innen unter Mindestlohn und prekär bezahlt. „Deshalb sprechen wir auch nicht von einem Lohn, sondern von einer Aufwandsentschädigung. Zu einem gewissen Teil entschädigen wir uns für den Aufwand, den wir in diesem selbst gewählten Amt betreiben“, erklärt Lamprecht. Für ihn geht es als Referent um das Engagement für die Studierendenschaft, auch im Sinne eines Ehrenamts. Für die vom AStA beschäftigten Personen, wie etwa Plakatierer*innen, werde ein Stundensatz über dem Mindestlohn gezahlt. „Da müssen wir auch unserer Verantwortung als Arbeitgeber gerecht werden“, so Lamprecht.

Auch Christian Müller (Linke Liste) vom Referat für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit pflichtet Lamprecht bei. „Meine Motivation im AStA zu arbeiten, besteht nicht aus einer monetären Entlohnung. Die Aufwandsentschädigung ermöglicht es vielmehr, dass ich mich überhaupt für die Studierendenschaft engagieren kann“, erklärt Müller. Er werde für seine Arbeit nicht „bezahlt oder entlohnt“ wie in einem normalen Beschäftigungsverhältnis. Trotzdem bleibe kaum Zeit für einen Nebenjob parallel zum Studium und die Aufwandsentschädigung sei demnach existentiell wichtig, da viele der Referent*innen ihren Lebensunterhalt sonst nicht mehr bestreiten könnten. Christian Müller gibt an, wöchentlich etwa 10-15 Stunden zu arbeiten. Für Müller ist zudem die Unterscheidung wichtig, dass er nicht vom AStA „beschäftigt“, sondern demokratisch vom Studierendenparlament gewählt worden ist.

Nichtsdestotrotz zeigen Beispiele aus verschiedenen Teilen der Selbstverwaltung, wie es anders gehen könnte. So werden die Koordinator*innen des Landes-ASten-Treffens nach dem Bafög-Höchstsatz bezahlt. Generell orientiert sich der Förderungssatz an den errechneten Bedürfnissen jedes*jeder Einzelnen, was auch ein Weg zu einer gerechteren Bezahlung der Referent*innen des AStAs sein könnte. Eine Erhöhung der Aufwandsentschädigungen ist derzeit aber nicht vorgesehen. „Es wäre mir auch sehr unangenehm, sich selbst mehr Geld zu geben“, bekennt Corinna Kalkowsky vom Kulturreferat. Damit bleibt es in gewisser Weise auch beim Zerrbild zwischen „Selbstbedienungsmentalität“, die etwa der RCDS anprangert, und der empfundenen Selbstausbeutung, wie Kalkowsky sie mokiert.