Tausche Schreibtisch gegen Birnbaum

Das Lustprinzip, hier im Park zu sehen. Nicht im Bild: übertriebene Arbeitsmoral und unnötiger Stress. (Foto: lenz)

Das Lustprinzip, hier im Park zu sehen. Nicht im Bild: übertriebene Arbeitsmoral und unnötiger Stress. (Foto: lenz)

Der neue Roman von Björn Kern Das Beste, was wir tun können, ist nichts. (Fischer Verlag 2016, 9,99 Euro) lässt sich irgendwo zwischen Konsum- und Systemkritik und autobiografischer Erzählung vom Stadt- und Landleben verorten. Ein leichter Lesestoff mit revolutionär erscheinenden Forderungen und der Absage an das Multitasking. Kern prangert an, schafft Raum zum Hinterfragen und liefert neue Ideen — und all das tut er, ohne dabei mit dem allseits gefürchteten gehobenen Öko-Zeigefinger um die Ecke zu kommen. Denn was er ebenso gut versteht wie Denkanstöße zu geben, ist sich selbst auf die Schippe zu nehmen. Auch davon lebt das Buch. Stadt gegen Land, Alteingesessene gegen Neuzugezogene, das ist ein bekannter Konflikt. Kern bearbeitet ihn mit Humor und zeigt durch die kleinen Erzählungen hinweg, dass Menschen sich ändern können. Langsam — aber das versteht sich für eine nichtstuende Person ja von selbst.

Björn Kern ist Autor, hat das Großstadtleben satt und kauft sich einen rumpeligen Hof in Brandenburg. Er versucht sich am ländlichen Leben und scheitert immer mal wieder an praktischen Erledigungen wie Reparaturen oder dem Anpflanzen von Kartoffeln. Unterstützung erhält er von seinem märkischen Nachbarn. Aber eigentlich will er nur auf seiner Bank unterm Birnbaum sitzen. Ab und zu kommen Freundin und Kind vorbei. Manchmal wird ein gedanklicher Abstecher in seine Vergangenheit als Praktikant auf einem französischen Bauernhof, als Geisteswissenschaftsstudent und Angestellter einer Textagentur eingelegt. So weit, so unspektakulär. Nicht die Handlungen stehen im Mittelpunkt des Buches, sondern das Beobachten und Nachdenken darüber — oder vielmehr das Sinnieren über das Nichtstun.

Denn das Nichtstun ist eine vertrakte Angelegenheit. Zumindest, wenn es gelingen soll. Gelingendes Nichtstun, was soll das sein? Durch die 256 Buchseiten wird sich einer Definition angenähert, die (Nicht)Tätigkeit gekonnt umrissen. Es mag widersprüchlich anmuten, doch auch beim erfolgreichen Unterlassen von Tätigkeiten gibt es Regeln, die befolgt werden wollen.

„Teilen erleichtert das Nichtstun. Sammeln auch.“  Was nach abgedroschenen Binsenweisheiten unserer Großeltern klingt, hat doch einen wahren Kern. Nicht ohne Grund gibt es Bestrebungen von Nachbarschaften, sich wie früher Gegenstände gegenseitig auszuleihen statt sie alle selbst anzuschaffen und im Keller vermodern zu lassen, bis der große Tag für den Glasschneider oder Vorschlaghammer gekommen ist — nur, um ihn dann am Ende nicht finden zu können. „Nicht der leere Raum, nicht die freie Sichtachse befreit. Zumindest nicht auf Dauer.“

In einem Schwarm aus Fliegen, Blättern und sommerlicher Abendluft sind auch immer mal wieder Begriffe wie Grundeinkommen, Vermögenssteuer und Sozialversicherung eingestreut. Um sich bloß gedankenverloren in den weiten Brandenburgs zu verlieren, taugt der Roman nicht. „Ich muss nicht erwähnen, dass Erwerbsarbeit eine Krücke ist. Wirklich ausgereift ist Nichtstun erst, wenn es sich selbst ernährt.“ Kern gibt zu, selbst Gefangener des Systems zu sein — jedoch mit dem Wunsch auszubrechen. Er ist sich seiner Widersprüchlichkeiten bewusst.

Geht es nicht auch anders?

Immer mal wieder stößt das Buch sauer auf, als Lesende*r wird man an die eigene Verflechtung mit dem System erinnert. Einfach mal die Martklogik abschalten, die sich unmerklich in unser Hirn gefressen hat — keine leichte Übung. Nichtstun? Kann das wirklich die Lösung sein? Wie geht das? Eine fertige Gebrauchsanleitung ist das Buch nicht, bleiben doch viele Fragen offen. Diese Offenheit ist jedoch auch seine große Stärke: Kern gibt nicht vor, auf alles eine Antwort zu haben und versucht auch nicht uns vorzuschreiben, wie wir leben sollten. Er legt den Finger auf die Wunde und bohrt bei den Fragen nach, die wir uns wahrscheinlich schon oft selbst gestellt haben: Kann man ohne schlechtes Gewissen einkaufen? Was darf ich eigentlich noch machen, wenn ich nicht der Umwelt schaden will? Muss ich wirklich so viel besitzen? So viel arbeiten? Karriere machen? Anderer Menschen Erwartungen erfüllen? Geht es nicht auch anders?

Der Vorwurf, nichtstuende Menschen seien eine Belastung für die Gesellschaft, wird radikal umgedeutet: Stellen nicht die Arbeitnehmer*innen das eigentliche Problem dar? Für ihre Tätigkeiten muss Infrastruktur bereitstehen, sie haben keine Zeit, sich selbst mit Nahrung zu versorgen, produzieren dank To-Go-Verpackungen Müll, der sie um Jahrhunderte überleben wird. „Wer nichts tut, zerstört auch nichts“ — im Hinblick auf die voranschreitende Umweltzerstörung eine These, die schwer zu widerlegen ist. Fast meditativ wird man nach dem Lesen einer politischen Passage oder einer amüsanten Anekdote wieder auf das Wesentliche zurückgeführt: Nichtstun. Das Buch scheint in sich selbst zu kreisen. Mit manchmal hypnotisierender, an anderen Stellen enervierender Wirkung.

Das Schreibprogramm zählt permanent meine Wörter, Buchstaben, verbrauchte Leerzeichen. Wie lange muss noch getippt werden, um weg vom Rechner zu kommen? Oder ist diese Rezension etwa schon zu lang? Wo lässt es sich am besten kürzen? Doch Halt! Auch hier liegt die Lösung im Unterlassen: Nichtstun. Dann bleibt auch euch mehr Zeit für anderes. Win-Win sozusagen.  Also, raus aus der Mensa, Bibliothek oder wo auch immer ihr euch auf dem Campus herumtreibt! Ich jedenfalls lasse jetzt die Digitalwüste und mein materielles Chaos hinter mir, wir sehen uns draußen. Unterm Birnbaum, am See — oder im Stadtgarten.