Was Dr. Sommer uns vorenthalten hat

Kondome: Schützen gegen Krankheiten, aber auch erste Wahl bei der Empfängnisverhütung? (Foto: lenz)

Kondome: Schützen gegen Krankheiten, aber auch erste Wahl bei der Empfängnisverhütung? (Foto: lenz)

Ein Thema, das alle sexuell aktiven Menschen betrifft: Empfängnisverhütung und der Schutz vor Geschlechtskrankheiten. Was letzteres betrifft, gibt es nicht viel zu Wählen: das Kondom oder Lecktuch muss weiterhin herhalten. Im Bereich der Verhütung ist hingegen bereits eine Vielzahl an Methoden auf dem Markt und es wird weiter geforscht – doch gibt es die eine ‚richtige‘? Eine erneute Auseinandersetzung mit dem Thema ist in jedem Fall sinnvoll.

Viele von uns nehmen bereits seit zehn Jahren die Pille — manche länger, andere noch nicht so lang. Wiederum haben manche keine Lust darauf, sie weitere zehn, 20 oder gar 30 Jahre einzunehmen. Oder wollen wissen, wie ihr Zyklus ohne die hormonelle Beigabe abläuft. Auf Youtube gibt es viele Beiträge, in denen Videomacher*innen über das Absetzen der Pille und dessen mögliche physische und psychische Folgen berichten. Auch wer diesen Trend noch nicht mitbekommen hat, hat bestimmt Freund*innen im Bekanntenkreis, die ebenfalls von ihren Erfahrungen erzählen.

Doch warum überhaupt Kritik an der Pille? Sicherheit bietet sie mit einem Pearl Index von 0,1 bis 0,9 ja schließlich. Dieser gibt an, wie viele Menschen innerhalb eines Jahres trotz der Verwendung eines bestimmten Verhütungsmittels schwanger werden. Ein Kritikpunkt sind die möglichen Nebenwirkungen des medizinischen Produkts, die den ganzen Körper betreffen können. Repräsentative Langzeitstudien liegen außerdem nur zu älteren Pillengenerationen vor. Problematisch ist auch, dass sich viele Erkrankungen oft nicht zweifelsfrei auf die Pille zurückführen lassen können. Wer sich etwa depressiv verstimmt fühlt und mit der Pille verhütet, könnte sich einfach in einer schlechten Lebensphase befinden – oder es liegt an den zusätzlich zugeführten Hormonen.

In anderen Fällen ist die Ursache hingegen geklärt. Die sogenannten Pillen der dritten Generation, die mit Vorteilen wie einer verbesserten Haut, volleren Haaren oder größeren Brüsten beworben werden, bringen ein doppelt so hohes Thromboserisiko mit sich. Felicitas Rohrer nahm die Pille Yasminelle und erlitt  2009 eine Lungenembolie, war 30 Minuten klinisch tot und klagt nun als erste Betroffene in Deutschland gegen ein Pharmaunternehmen, hier Bayer. Wer wie sie Mitte zwanzig, bislang gesund, sportlich und Nichtraucher*in ist, fällt definitiv nicht in die Risikogruppe einer Thrombose.

Die Sicherheit dieser Verhütungsmethode wird zudem durch Anwendungesfehler relativiert – und Möglichkeiten hierzu liefert die Pille viele. Die Einnahme vergessen, nach der Pillenpause zu spät wieder angefangen, Magen-Darm-Erkrankung gehabt oder Wechselwirkung mit anderen Medikamenten, hier kann viel schiefgehen. Einher damit geht die Angst davor, dass einem ein solcher Anwendungsfehler passiert und das täglich an die Verhütung gedacht werden muss – egal, ob man gerade mehr oder weniger sexuell aktiv ist.

Eine etwas geringere hormonelle Belastung und mehr Anwendungskomfort bieten der Nuva Ring (Pearl Index 0,4 bis 0,65) oder die Hormonspirale (0,16). Den Ring setzt man sich einmal im Monat in die Vagina ein, an die Spirale muss man nach dem Einsetzen erst einmal drei bis fünf Jahre nicht mehr denken.

Wer auf Hormone bei der Verhütung ganz verzichten möchte, eine einfache Handhabung und mehr Sicherheit als beim Kondom (Pearl Index 0,6 bis 12) haben will, wäre mit einem Kupfersystem gut beraten. Bisher in Deutschland wenig bekannt ist die Kupferkette (0,3 bis 0,5). Sie funktioniert wie auch die Kupferspirale (0,3 bis 0,8): die von ihr freigesetzten Kupferionen machen Spermien bewegungsunfähig oder töten sie ab, zudem verhindert sie die Einnistung einer Eizelle im Uterus. Vorteil hierbei ist, dass die Kupferkette auch von jüngeren und bisher kinderlosen Menschen benutzt werden kann. Ganz natürlich – aber im Vergleich auch unsicher – verhütet man mit Methoden der natürlichen Familienplanung wie der Temperatur-Methode oder dem Coitus Interruptus.

Für Männer* könnten Vasal Gel oder RISUG interessant werden: ein Polymer Gel wird in die Samenleiter im Hoden injiziert und filtert dort die Samenflüssigkeit. Das Gel kann bis zu zehn Jahre dort verbleiben und bei auftretendem Kinderwunsch durch ein Gegenmittel neutralisiert werden. Das Vasal Gel wurde bisher nur anhand von Tierversuchen getestet, RISUG wird hingegen seit über zehn Jahren in klinischen Studien an Menschen angewendet und scheint bisher keine eklatanten Nebenwirkungen zu besitzen. Wann und ob die medizinischen Produkte auf den Markt kommen, steht jedoch bisher nicht fest. Kritiker*innen befürchten, dass es sich dort nicht durchsetzen könnte aufgrund der vorherrschenden Wahrnehmung, dass Frauen* für Verhütung zuständig seien und dies auch so bleiben solle. Weitere Faktoren sind die günstigen Herstellungskosten und die lange Wirkdauer – ist es doch für Pharmaunternehmen rentabler, monatlich Tabletten zu verkaufen als einmal in zehn Jahren eine Spritze.

Weiterführende Informationen:
zu den Risiken hormoneller Verhütungsmittel
Übersicht Verhütungsmethoden
Angebot Pro Familia NRW