Wolllust in Frohnhausen

Wer momentan über den Frohnhauser Platz läuft,  kann gestrickte Kunst bestaunen. (Fotos: Gerne)

Wer momentan über den Frohnhauser Platz läuft, kann gestrickte Kunst bestaunen. (Fotos: Gerne)

Mauerblümchen – jedoch in knalligen Farben können am Frohnhauser Platz in Essen momentan beim Vorbeilaufen oder beim Warten auf den Bus entdeckt werden. Auch eine Schlange lauert im Baum und ein paar kleine Monster wurden im schönen Frohnhausen freigelassen – allesamt Ergebnisse einer liebevollen Strickarbeit. Strick-Graffiti nennt sich diese Kunst oder auf Englisch Guerilla Knitting. Quasi über Nacht werden graue und eintönige Schilder, Laternen oder Mauern mit verschiedenen Strickmustern versehen.

Gewitter? Hagel? Sonnenschein? Am vergangenen Mittwoch, 27. April, konnte sich das Wetter in Essen nicht entscheiden. Doch das konnte die unerschrockene Gruppe von Essener*innen, die sich am Morgen auf den Weg zum Frohnhauser Markt machte, nicht aufhalten. Mit Schirmen bewaffnet brachte die alters- und geschlechtsgemischte Gruppe ihre Strickkunstwerke, die sie bei regelmäßigen Treffen in zwölf Wochen erarbeitet hatten, an mehreren Stellen auf dem Markplatz an.

Ursprung des Strick-Graffitis

(Foto: Gerne)

Die ‚Marktmonster‘ begeistern Passant*innen. (Foto: Gerne)

Strick-Graffiti ist eine populäre Form der Street-Art, bei der Gegenstände im öffentlichen Raum durch Stricken verändert werden. Ursprünglich kommt die Kunst aus den USA, wo sich die erste Guerilla-Strickvereinigung 2005 in Houston, Texas, gründete. Oftmals sind die Strickereien einfach als Verschönerung und Veränderung des Straßengraus gedacht, wie momentan in Frohnhausen. Viele Guerilla-Stricker*innen möchten jedoch auch eine politische Botschaft aussenden oder auf Missstände hinweisen. So gab es beispielsweise nach dem Atomunglück in Fukushima in Großstädten Anti-Atom Strickereien oder 2010 kreative ‚Knittings‘ am Bauzaun von Stuttgart 21 von Projektgegner*innen. Strick-Graffiti erfreut sich in Deutschland eines wachsenden Interesses, die größeren Szenen gibt es jedoch weiterhin in Amerika, England oder Spanien.

(Foto: Gerne)

Um manche Strickkunstwerke zu entdecken, lohnt sich ein Blick nach oben. (Foto: Gerne)

Komplett verstrickte Mülleimer, Bushaltestellen, Autobahnleitplanken oder Schilder zur Essener Bärendelle (akduell berichtete) – ein abwechslungsreiches und kreatives Portfolio hat Ute Jonetat in ihrem Fotoalbum „Strickgraffitis – oder der strick die Welt bunter-Virus“ bei Facebook bereits zusammen getragen. Die geborene Essenerin ist die Initiatorin der Strickaktion am Frohnhauser Platz. Ihre Leidenschaft fürs Stricken hat sie im Ruhestand schließlich auf die Straße gebracht. Seit sechs Jahren bestrickt sie nun schon in Essen die verschiedensten Gegenstände, um ihrer Stadt mehr Farbe zu verleihen.

Zum Lächeln provoziert

Während der Wartezeit auf den Bus bemerken viele Leute am Frohnhauser Platz die kleinen Strickmonster, die auf den Pfeilern sitzen und frech durch die Gegend schauen. Ein Pärchen macht mit den Monstern ein Selfie, ein kleines Kind ruft aufgeregt seine Eltern und ein älteres Paar bleibt stehen, lacht und streichelt fasziniert über die Wolle. Eins haben alle Reaktionen gemeinsam: Die Menschen müssen unwillkürlich lächeln, als sie die verschiedenen Strickkunstwerke entdecken. Es sind kleine Farbtupfer auf dem Frohnhauser Platz, die unverhofft und simpel den verregneten Tag versüßen können.

(Foto: Gerne)

Die Vase bekommt endlich einen Zweck.(Foto: Gerne)

Manchmal sind die Strickgraffiti jedoch nur von kurzer Dauer, erzählt Ute Jonetat: „Heute hatten wir etwas Frust, obwohl wir wissen, dass manche Teile nur kurzlebig sind. Die Steinsäulen auf dem Markt sind wieder nackt.“ Doch einige Bewohner*innen setzen sich für die Verschönerung auf dem Markt ein: „Heute hat wohl ein Anwohner eines von den Monstern ganz fest angebunden, weil er Kinder beobachtete, die es abreißen wollten“, so Jonetat. Die Reaktionen, die sie bekommt sind fast ausschließlich positiv – viele Bewohner*innen von Frohnhausen freuen sich über die Strickgraffitis. Das Projekt ist aus der Bürgerinitiative ParkFiction Frohnhausen entstanden, das dazu aufruft, dass Bewohner*innen des Stadtteils diesen aktiv mit- und umgestalten. Im Rahmen dessen gibt es neben dem Strick-Graffiti auch Saubermachaktionen, für die sich die „Frohnhauser Heinzelmännchen“ monatlich ehrenamtlich treffen, den Stadtteil säubern und einige Stellen mit Blumen bepflanzen. Das nächste Treffen ist für den 7.Mai geplant.Bei Interesse kann sich per Mail bei olaf.jasser@web.de gemeldet werden.

Die Strickgruppe trifft sich das nächste Mal am 4. Juni von 14-18 Uhr in der Bärendelle in Essen.