Foto: Gerne.

You never watch alone?

Rudelgucken – gibt’s bei allen wichtigen Fußballspielen. Doch auch beim Eurovision Songcontest oder beim Super Bowl werden sie beliebter. Was immer wieder verlockend und nach viel Spaß klingt – hat auch Nachteile. akduell macht den Rudelguck-Faktencheck nach dem DFB-Pokalkrimi von Samstagabend. Lohnen sich Public Viewings für die kommende Europameisterschaft?

1. Die Klosituation
Oh doch, das steht zu recht ganz oben auf dieser Liste. Von Bier muss man schließlich öfter pinkeln als von Wasser. Diesen Partybefund kennen die meisten. Das Topgetränk beim Rudelgucken fängt mit B an und sollte nicht vor vier getrunken werden. Was also tun? Nicht trinken? Oder sich alle paar Minuten durch die eng aneinander gedrückten Leiber schieben, um aufs Dixi zu kommen? Bei erfolgreichem Durchboxen folgt dann ein Anstehen an den spärlich vorhandenen Toiletten – wo jedoch, zugegeben, immer mal wieder nette Gruppengespräche entstehen. Gemeinsamkeiten verbinden eben – und wenn es nur der Harndrang ist.

2. Eine Frage des Geldes
Kann man nicht auf das Bier verzichten, ist es auf derartigen Veranstaltungen meist überteuert. Das Mitbringen von eigenen Getränken meist untersagt. Selten kommt es vor, dass die Besucher*innen, wie Samstag bei DFB-Pokalfinale auf dem Hansa- und dem Friedensplatz in Dortmund, drei Bierdosen pro Person dabei haben dürfen. Das ist mal Entgegenkommen! Denn kauft man das drei Euro teure Bier im Plastikbecher, fällt mit Sicherheit kurze Zeit später ein Tor und das teure Blonde wird Opfer eines hüpfenden Jubels bei dem die Becher reihenweise in die Luft fliegen.

3. Die Sicht
Selbst wenn man sich Stunden vorher den bestmöglichen Platz auserkoren hat, mit Kompass die mögliche Sonnenblendung und mit Finger-Leck-Test den Wind einberechnet hat, kommt dann eine Minute vor Anpfiff der einzige zwei Meter Mensch, den es im Ruhrgebiet gibt und stellt sich vor dich. Und sollte man einen Platz mit ausreichend Sicht finden, dann steht man vermutlich mitten im Durchgang und bekommt alle paar Sekunden ein: „Darf ich mal eben durch?“zu hören. Generell ist es beim Public Viewing eher Glückssache, die wirklich wichtigen Momente zu sehen. Bei Götzes Final- und Siegtreffer bei der WM 2014 gegen Argentinien schob sich in der entscheidenden 113 (Nach)-Spielminute  gerade der schön frisierte Schopf eines Mädchens vor meine Augen, die diesen Moment auserkor, um ihre Haare mal ordentlich durchzuschütteln. Statt Torjubel sah ich fliegende Locken, statt einer Wiederholung roch ich den Schweiß der fremden Menschen, die mich überschwänglich umarmten. Ein wirklich weltmeisterliches Gefühl.

4. Der eigene Zustand
Es ist üblich, dass man sich vor dem Spiel schon ein paar Stunden früher auf dem Event-Platz einfindet. Da kann man in netter Runde  schon mal das erste Bier öffnen. Und dann das Nächste. Weil heute ist  [Hier kann das jeweilige Lieblingshappening eingesetzt werden], das ist nur einmal im Jahr, lass uns anstoßen! Unpraktisch jedoch, wenn man dann, wahlweise zum Anpfiff, bereits so oft die Dosen aneinander gestoßen hat, dass man aufgrund der fehlenden Aufmerksamkeitsspanne eigentlich auch schlafen gehen könnte.

5. Alternativen?
Und ja, trotz allem werden die Public Viewings auch dieses Jahr gut besucht sein. Denn eins wurde hier bisher ausgeklammert: Die Stimmung. Wenn tausende Dortmund-Fans ein heiseres You never walk alone als Trost nach der knappen Niederlage von Borussia Dortmund  gegen die Bayern anstimmen, dann stört plötzlich weder Schweißgeruch noch ein leeres Portemonnaie. Das ist nicht vergleichbar mit einer privaten TV-Party auf der gepflegten Sofalandschaft. Dort hat man zwar die bessere Sicht, die sinnvolleren Gespräche und das entspanntere Blasenleeren –  aber beim Rudelgucken, da gibt’s halt Emotionen.