Das Schland, die Mannschaft

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Deutschland-Folklore: Im Rahmen großer Fußballtuniere wird tief in den Farbtopf gegriffen. (Foto: Ute Köhler/flickr.com/CC BY-ND 2.0)

Schon Wochen bevor das erste Mal ein deutscher Spieler vor den Ball getreten hat, kennt der schwarz-rot-goldene Trubel vielerorts keine Grenzen mehr: Vom Autofähnchen über Schland-Pils bis hin zur passenden Klobürste. Harmloser Party-Patriotismus sagen die einen, ein nationalistisches Grauen finden die anderen. Auch zur derzeitigen Europameisterschaft in Frankreich flammt die Diskussion wieder auf. Der Versuch einer kritischen Einordnung.

Party-Patriotismus: Was ist damit überhaupt gemeint? Antworten liefert die Autorin Stefanie Lux in der Bochumer Stadt- und Studierendenzeitung (bsz, Ausgabe 1087). In der Sparte International für ausländische Studierende erklärt sie, worauf sich Nicht-Deutsche während der Fußball-Europameisterschaft einzustellen hätten. Ihr Tipp: „ Don‘t make fun of people for waving the German flag (any flag really) or showing national pride. Don‘t disrespect our national Anthem (or any of them). This is the one time we‘re not scared of being called Nazis for being proud of our country. Don‘t take that away from us.“ Eindeutiger geht es kaum: bsz-Autorin Lux möchte wenigstens während der fußballerischen Großevents ihren Nationalstolz ungestört ausleben, ohne gleich als Nazi gebrandmarkt zu werden.

Es war 2006, die Weltmeisterschaft „zu Gast bei Freunden“ in Deutschland, als der deutsche Patriotismus wieder für eine größere Masse salonfähig wurde. Seit jenem Sommer ist die deutsche Folklore bei jedem großen Fußballturnier fester Bestandteil. Doch macht man es sich im linken, antinationalen Lager zu einfach, wenn man darin lediglich die Rückkehr des staubig-deutschen Wiedervereinigungsnationalismus identifiziert. Da ist man beim Deutschen Fußballbund (DFB) schon deutlich weiter.

Gelebter Multikulturalismus

Der Fußballverband inszeniert die Nationalelf als multikulturelles Aushängeschild eines neuen Deutschlands. Mesut Özil und Jerome Boateng, um nur zwei Beispiele zu nennen, fungieren dabei als gut vermarktbare Botschafter eines gelebten Multikulturalismus, in Abkehr von der schnöden Deutschtümelei früherer Jahre. Gut zu beobachten an der Welle der Ablehnung, die dem AfD-Vorsitzenden Alexander Gauland entgegenschlug, nachdem er es gewagt hatte auf die vermeintliche Andersartigkeit eben jenes Jerome Boateng hinzuweisen. Als Projektionsfläche für Nationalist*innen taugt die Nationalelf in ihrer derzeitigen Zusammensetzung schlicht nicht mehr. Im Party-Patriotismus ist kein Platz mehr für Nazis, die von einem rein weißen Team wie in den 90er-Jahren träumen.

Deutscher Schrumpf-Nationalstolz

Die Enttäuschung darüber spiegelt sich nicht zuletzt in der stets steigenden Zahl rassistischer Übergriffe während der großen Fußball-Turniere wieder. Bereits 2006 präsentierte das Institut für Konflikt- und Gewaltforschung an der Universität Bielefeld eine Untersuchung, die den Anstieg der gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit rund um die Weltmeisterschaft belegt. Schon damals unterschieden die Wissenschaftler*innen zwischen einem Nationalstolz, der zu „Fremdgruppenabwertung“ führe und einem patriotischen Stolz, etwa auf die deutsche Demokratie oder den Sozialstaat (der zu weniger Fremdgruppenabwertung führe). Zu Zeiten in denen der völkische Nationalismus in Pegida und AfD erstarkt, bringen der DFB und seine PR-Abteilung den unschuldigen, patriotischen Stolz auf die Multikulti-Truppe in Stellung. Männer in vollgepinkelten Jogginghosen, die den Hitlergruß zeigen, sind vielerorts Frauen mit Deutschland-Schminke im Gesicht gewichen. Welches Problem könnte man also mit diesem unbedarften schwarz-rot-goldenen Taumel haben?

So scheint auf den bundesdeutschen Fanmeilen tatsächlich weniger ein aggressiver Nationalismus, als vielmehr ein besoffenes Bekenntnis der eigenen Langeweile gefeiert zu werden, wie man es von allerlei Volksfesten eben kennt. Bemalt und behangen wie an Karneval ist die Nation hier nur noch schmückendes Beiwerk. Was zählt, ist die Party mit der eigenen Wir-Gruppe. Von einem Oktoberfest unterscheiden diese Events nur die Anzahl der Nationalfahnen und -Trikots. Dieser Schrumpf-Nationalstolz funktioniert aber immer noch als sehnsüchtiger Wunsch nach Integration in etwas Größeres, der nach dem Turnier ganz schnell wieder verschämt in der Schublade verstaut wird. Kaum ein Autofähnchen hält sich lange nach dem Ausscheiden der DFB-Elf.

Mit einer plumpen Kritik des Nationalismus, welche etwa die Grüne Jugend in schöner Regelmäßigkeit zu den großen Turnieren als gewollte Provokation probt, ist diesem Phänomen also nicht beizukommen. Es sollte schon reichen, einen Bogen um die Public-Viewings zu machen und die Deutschland-Schminke im Supermarktregal liegen zu lassen.