Bock auf Ballern?

Mehr Lines als ein*e Zeichner*in: zwölf Prozent einer Drogen-Umfrage konsumierten 2015 Koks. (Foto: ska)

Mehr Lines als ein*e Zeichner*in: zwölf Prozent einer Drogen-Umfrage konsumierten 2015 Koks. (Foto: ska)

Zwischen Verteufelung und Verherrlichung: Um den Konsum legaler und illegalisierter Drogen spannt sich eine breite, hitzig geführte Debatte. Nun könnte eine neue Umfrage der Zeit zum Drogenkonsum in der deutschen Gesellschaft neue Anstöße geben, denn sie förderte zumindest einige überraschende Zahlen zu Tage.

Der Rausch ist eine anthropologische Grundkonstante. Das heißt, ähnlich wie Sprache oder Religion, zieht er sich wie ein roter Faden durch die Menschheitsgeschichte. Der Wunsch, das eigene Bewusstsein zu erweitern, sich zu berauschen, ist in den allermeisten Kulturen fest verankert. Doch selten war der Drogenkonsum so reglementiert wie heute. Was erlaubt ist und was nicht, ist bis ins Detail vom Gesetzgeber festgelegt. Wenig überraschend hemmen diese Reglementierungen nicht den Wunsch weiter Teile der Gesellschaft, sich mehr oder weniger regelmäßig verschiedenster berauschender Substanzen zu bedienen. Genau dort setzt die szenenahe Organisation Eve&Rave aus der Schweiz an. Sie setzt sich mit einer akzeptierenden Haltung für einen risikobewussten und selbstverantwortlichen Umgang mit Drogen ein.

High sein heißt frei sein 

Denn auch das ist eine Erkenntnis der Zeit-Studie: Die Kriminalisierung eines großen Teils der berauschenden Substanzen hat nicht dazu geführt, dass der Konsum insgesamt zurück geht. Er verschiebt sich nur. Knapp 20.000 Personen haben an der Zeit-Erhebung teilgenommen, sie ist Teil einer Global Drug Survey unter Drogennutzenden aus aller Welt. Repräsentativ sind die Daten nicht, da die Befragten nicht zufällig ausgewählt wurden sondern freiwillig Auskunft gaben. Sie zeigen aber wichtige Tendenzen im Bezug auf das Konsumverhalten der Teilnehmenden.

Und sie können helfen, gewisse Vorurteile abzubauen: Fast 90 Prozent der Befragten waren Studierende oder hatten einen festen Job, knapp 60 Prozent trieben regelmäßig Sport und sind normalgewichtig. Entspannung, Genuss, Vergnügen oder einfach mal den Kopf frei zu kriegen, lässt Menschen zu Rauschmitteln greifen – ihr Leben ruinieren oder in die Sucht abstürzen wollen die Wenigsten.

Das berichtet auch Koni Wäch, Präsident von Eve&Rave: „Im Umfeld des Nachtlebens sind wir vorwiegend mit einem hedonistischen Konsummotiv konfrontiert: Einen bewussten Freizeitdrogenkonsum zum Feiern sehen wir als akzeptanzorientierter Verein als legitime Möglichkeit, sein Bewusstsein zu erweitern und durch Drogen positive Erfahrungen zu machen.“

Doch zu was greifen die Menschen, wenn sie sich berauschen möchten? Im Bereich der halluzinogenen Drogen sind die auch bei Einsteiger*innen wegen ihrer vergleichsweise dezenten Wirkung bekannten Pilze („Magic Mushrooms“) am beliebtesten, mehr als jede*r fünfte Befragte hat sie schon konsumiert. 16 Prozent haben sich am zumeist deutlich intensiveren LSD-Trip versucht.

 Techno und Drogen

Weitaus verbreiteter sind jedoch sogenannte Partydrogen. Mit dem zunehmenden kommerziellen Erfolg elektronischer Musik, insbesondere Techno in seinen verschiedenen Spielarten, geht häufig der Konsum aufputschender Substanzen einher. Eine Tendenz, die auch Koni Wäch in seiner Arbeit beobachtet: „Einen Anstieg von Konsum rein durch äußerliche Phänomene zu beurteilen, ist schwer. Jedoch ist es eine Tatsache, dass die elektronische Musikszene seit vielen Jahren ein stetiges Wachstum verzeichnet und diese Szene durch eine hohe Akzeptanz gleichzeitig prädestiniert ist für einen Konsum von psychoaktiven Substanzen.“ Techno und „ballern“ gehört für viele untrennbar zusammen. Für Wäch bilden Ecstasy (MDMA), Alkohol, Cannabis, Amphetamine (zumeist Pepp) und Koks die Top Fünf im elektronischen Nachtleben.

Verwertbare Zahlen zum, besonders in den letzten Jahren immer beliebteren, Ketamin fehlen bislang. Eine Einschätzung, die auch von der Drogenumfrage der Zeit gedeckt wird. Hier gaben ein Viertel an, Ecstasy-Pillen vornehmlich zum Feiern zu schlucken. Nur zwölf Prozent konsumierten im zurückliegenden Jahr Kokain. Weniger verblüffend sind die Zahlen in puncto Alkoholkonsum. 93 Prozent der Befragten hat vor dem Jahr der Umfrage Alkohol getrunken, davon ein Drittel mehrmals die Woche.

Die Diskrepanz zwischen der realen Gefahr legaler Drogen und der unverhältnismäßig harten Verfolgung und Kriminalisierung anderer Rauschmittel beschäftigt nicht nur die Konsument*innen. Auch Drogen-Experte Wäch sagt: „Immer mehr Personen, privat sowie aus wissenschaftlichen Fachkreisen, sprechen sich deswegen gegen eine repressive Strategie aus und fordern einen humanen und realistischen Umgang mit der Thematik.“ Heißt: Legalisierung des übergroßen Teils der Drogenpalette. Auch um einen besseren Umgang mit Problemen, Risiken und Prävention zu ermöglichen. Die Drogenbeauftragte der Bundesregierung Marlene Mortler von der CSU sträubt sich jedoch gegen jegliche Legalisierungsversuche. Kein Wunder, gab sie doch zu Protokoll schon nach einem Glas Wein Angst vor einem Kontrollverlust zu haben.