Deutsche Aktionskunst

Einer der Leidtragenden des künstlerischen Aktionismus (Foto: flickr.com/Mathias Appel/CC0 1.0)

Einer der Leidtragenden des künstlerischen Aktionismus (Foto: flickr.com/Mathias Appel/CC0 1.0)

Ein Kommentar von Simon Kaupen

Die Imagination lässt schaudern: Geflüchtete sollen „mitten in Berlin“ von libyschen Tigern gefressen werden, wenn das Beförderungsverbot für Fluggesellschaften nicht gekippt wird. Dem Zentrum für politische Schönheit (ZPS) ist damit als Initiator seit Tagen ein mediales Dauerecho sicher. Das Publikum gibt sich wahlweise angewidert, verzückt oder wohlig pikiert. Über eine Gruppe sehr deutscher Aktionskünstler*innen.

Wahnsinn, was die sich trauen! Beim ZPS berauscht man sich traditionell allzu gerne an der gesellschaftlichen Sprengkraft der eigenen Inszenierungen. Ganz ohne falsche Bescheidenheit erklärt man sich auf der Homepage zu den innovativsten Inkubator*innen politischer Aktionskunst. Diesem Innovationsgeist entsprangen nach der Gründung 2008 einige vielbeachtete Aktionen. Mal trug man leere Särge durch Berlin, mal verbuddelte man entwendete Kreuze an Europas Grenzen. Das als innovativ zu verkaufen, dürfte auch nur Leuten, die in Berlin zugezogen sind, einfallen.

Nun ist dem ZPS unter Führung des Künstlers Phillip Ruch ein neuerlicher Coup gelungen. Die Gruppe hat eine Art Arena vor dem Maxim-Gorki-Theater in Berlin-Mitte aufgebaut, mit vier lybischen Tigern und einer ganzen Menge Kameras. Sollte der Bundestag nicht entscheiden, das Beförderungsverbot, das es Geflüchteten verunmöglicht auf sicherem Wege via Flugzeug nach Deutschland zu kommen, zu kippen, sollen sich Schutzsuchende im Käfig fressen lassen. Am 17. Juni frohlockten die Künstler*innen auf Facebook: „Unglaublich, aber wahr. Bei uns haben sich schon zwei (!) Flüchtlinge gemeldet, die sich fressen lassen wollen. Wir organisieren am Montag, 20.6., um 12 Uhr eine Pressekonferenz.“

Wer es „unglaublich“ findet, dass Schutzsuchende in Deutschland den Freitod in Erwägung ziehen, hat ganz offenbar wenig Ahnung von den Verhältnissen, in denen die Menschen leben, für die sich das ZPS vorgibt einzusetzen. Selbstverletzung bis hin zum Suizid waren und sind Realität im Umfeld von Unterkünften, noch lange bevor die „aggressiven Humanisten“ diese als Schocker für ihre Inszenierung entdeckten.

Wir, wir, wir!

Doch haben Ruch und seine Truppe sowieso zumeist nur eine Botschaft: Wir, wir, wir! Beseelt von der Richtigkeit der eigenen Aktionen hat sich Ruch schon zu einigen Widerwärtigkeiten hinreißen lassen. So befand der glühende Humanist nach der Ermordung von 89 Menschen im Pariser Konzertsaal Bataclan, „das müsste dann wie bei den Lämmern im Schlachthaus gewesen sein“. Ihm sei es ein Rätsel, warum sich keine*r der 1500 Konzertbesucher*innen gegen die Attentäter gestellt haben soll. Ein heroischer Streiter wie Phillip Ruch hätte sich vermutlich den Kalaschnikows der Islamisten entgegen geworfen.

Dazu passt die Sprache, mit der Ruch und seine Mitstreiter*innen arbeiten. Der Künstler und Autor Michael Sailer beschreibt sie, bezogen auf das „politische Manifest“ von Ruch, in der Zeitschrift konkret wie folgt: „Schon das Vorwort ist ein Müllhaufen an Bullshit, verquirlt mit faschistoiden Parolen, dem Ruf nach ‚Visionen‘, ‚großen Ideen‘, ‚Glauben‘, ‚Idealen‘, einer ‚heiligen Pflicht‘, Führern und Lichtgestalten.“ Drunter macht man es beim ZPS nicht.

Dabei ist der Kern der Kritik trotz allem heroischen Geschwurbel der Gruppe natürlich ein richtiger. Asylsuchende den tödlichen Gefahren illegaler Fluchtmöglichkeiten auszusetzen ist nicht zu rechtfertigen. Auch ist es dem ZPS gelungen, mit gesammelten Geldern ein Flugzeug zu chartern, um 100 Geflüchtete in die Bundesrepublik fliegen zu lassen. Der Flug wurde kurz vor Ende der Aktion von der Fluggesellschaft Air Berlin storniert. So geht Symbolpolitik, daran ist wenig auszusetzen.

Aktivistischer Ego-Push

Dass es letztlich aber zumindest nicht ausschließlich um die Mittelmeertoten geht, sondern auch um das Aktivist*innen-Ego macht die Inszenierung vor dem Gorki-Theater überdeutlich. Der völlig überflüssige und aus Tierschützer*innensicht zudem unhaltbare Tigerzirkus ist die vorerst letzte Etappe einer Aufmerksamkeitslogik, die immer weiter an der Skandalschraube drehen muss. Wer für den medialen Widerhall mit den Lebensrealitäten und Hoffnungen von Geflüchteten spielt, kann nicht für sich beanspruchen, ausnahmslos für ihre Belange zu streiten.

Für den Aufruhr im bürgerlichen Milieu und Feuilleton ist man immer wieder bereit, noch ein bisschen perfider als das vorangegangene Mal zu inszenieren. Da wird dann im bürgerlichen Milieu ein paar Tage wohlig geschaudert ob der gruseligen Vorstellung, wie die lybischen Tiger ihr Werk verrichten. Gewonnen ist damit nichts. Nur könnte es schwierig werden, den Totenkult bei folgenden Aktionen auf das nächste Level zu heben.