Von der Turnhalle in die Zelte? Interview mit einem Betroffenen

Beginn des Protests an der Querenburger Straße: Geflüchtete demonstrieren gegen die Verlegung in Industriezelte. (Foto: Fotograf*in der Redaktion bekannt)

Beginn des Protests an der Querenburger Straße: Geflüchtete demonstrieren gegen die Verlegung in Industriezelte. (Foto: Fotograf*in der Redaktion bekannt)

Kaum hat das Interview mit Amid und einem Übersetzer begonnen, schon scharren sich knapp zwanzig weitere Männer im Halbkreis um uns herum. Teilweise unterbrechen sie das Gespräch. Sie alle wollen reden, das ist spürbar. Die Geflüchteten gehören zu den letzten 53 von ehemals über 208 Bewohner*innen, die noch in der Turnhalle ausharren welche nun geräumt werden soll. akduell sprach mit Amid über seine Befürchtungen zur anstehenden Räumung, die Monate in der Unterkunft und seine Wünsche für die Zukunft.

ak[due]ll: Fürchtet ihr, dass der Sicherheitsdienst oder die Polizei in den nächsten Tagen zu härteren Maßnahmen greifen werden um die Unterkunft zu räumen?
Amid: Angefasst hat die Polizei uns bislang noch nicht, aber der Verantwortliche hat gesagt, die Halle müsse geräumt werden und sie könnten auch anders reagieren. Soweit wollen wir es aber nicht kommen lassen. Mit den Securities hier haben wir keine Probleme, die gehören quasi zur Familie. Sollte die Polizei doch in die Turnhalle kommen, werden wir auf dem Boden sitzen, selbst wenn sie uns mit Handschellen mitnehmen wollen. Wir werden friedlich bleiben und nichts dagegen unternehmen.

ak[due]ll: Was sind die Hauptgründe die Turnhalle nicht zu verlassen? Möchtest du gerne in Bochum bleiben?
Amid: Wir leben ja sowieso hier schon über sieben Monate in dieser schlechten Lage. Die wollen uns jetzt hier raus haben, aber wir wollen erstmal nicht raus. Zwischenzeitlich wurde uns von den Sozialarbeitern gedroht, das Wasser abzuschalten. Die Aussicht, hier weg zu müssen an einen weit entfernten Ort, ohne dass sich etwas verbessert, ist aber noch schlechter. Wir möchten arbeiten, studieren, zur Schule gehen. Wenn es geht möchte ich in Bochum bleiben, wenn es woanders eine gute Lösung gibt, dann auch außerhalb.

ak[due]ll: Für Außenstehende ist das nicht ganz einfach zu verstehen: Auf der einen Seite wollt ihr die Turnhalle nicht verlassen, auf der anderen Seite machen die Missstände dir das Leben schwer…
Amid: Das abgepackte Essen, die Lautstärke, der fehlende Schlaf, die schreienden Babys, der Schmutz – das alles hat unsere Seele kaputt gemacht, sodass viele bald einen Psychologen brauchen. Jeder von uns nimmt sein monatliches Geld um eigenes Essen zu machen. Das Essen in der Unterkunft war teilweise keines, sondern war zubereitet wie für Tiere. Dann war es mit so vielen Menschen hier immer zu laut, man konnte nicht in Ruhe schlafen. Ich möchte einfach eine Tür haben, wo ich meinen Schlüssel reinstecken kann und weiß ich hab mein Privatleben. So wie hier kann ich das nicht mehr aushalten.

ak[due]ll: Was hat dich am meisten gestört?
Amid: Man kann die letzten sieben Monate in der kurzen Zeit nicht einfach so zusammenfassen. Jeder von uns hat seine eigene Geschichte. Da habe ich gerade nicht die Gedanken für im Kopf, um das zu beschreiben. Wären Sie vor einem Monat hier gewesen, hätten Sie das alles gesehen, wie die ganze Halle voll war. Die Lautstärke und der Geruch in der Luft waren nicht zu ertragen.

ak[due]ll: Für die Zeit nach der Turnhalle, was wünschst du dir?
Amid: Ich wünsche mir für die Zukunft mehr Privatleben, einfach ein besseres Leben. Ich möchte mich integrieren, genauso arbeiten gehen und leben wie ein richtiger Deutscher. Wie es jetzt weitergehen wird, kann ich nicht wissen, aber ich möchte mich bilden und nicht mehr so weiter leben.