Von der Turnhalle in die Zelte?

Streikende Refugees teilen sich in Bochum  durch selbstgeschriebene Plakate mit (Foto: Fotograf*in der Redaktion bekannt)

Streikende Refugees teilen sich in Bochum durch selbstgeschriebene Plakate mit (Foto: Fotograf*in der Redaktion bekannt)

Ein Großteil der Stockbetten ist aus der Turnhalle an der Querenburger Straße 35 in Bochum geräumt worden. Nur noch ein paar abgetrennte Nischen sind bewohnt. Die 208 Menschen, die ehemals auf den Aluminiumgestellen schliefen, wurden in eine neue Unterkunft gebracht. Aber nicht alle – 53 Geflüchtete harren weiter in der Halle aus. Nicht etwa, weil sie sich mit dem Leben in der Sportstätte arrangiert hätten. Die Alternative zu dieser Unterbringung wäre nämlich eine weitere Massenunterkunft – Zelte an der Kollegstraße. Weit abgelegen. Die Stadt droht mit gewaltsamer Räumung. Die Protestierenden fordern nach sieben Monaten Turnhallenunterbringung ein menschenwürdiges Leben.

„Wir wollen euch nichts Böses – wir wollen Gerechtigkeit“ und „Wir möchten nur eine Unterkunft haben, in der wir uns wohlfühlen“ steht auf den selbstgeschriebenen Plakaten der Menschen, die seit dem 30. Mai auf dem Schulhof an der Querenburger Straße protestieren. An diesem Tag wurden bereits 150 Menschen, alle zu diesem Zeitpunkt dort untergebrachten Familien, mit Bussen in die Industriezelte an der Kollegstraße gebracht. Denn die Turnhalle soll geschlossen und dann saniert an den Schul- und Vereinssport zurückgegeben werden. Den Geflüchteten wurde versprochen, dass sie in Wohnungen oder zumindest in Container-Unterkünfte mit eigener Kochmöglichkeit verlegt werden würden. Wohin genau sie umziehen werden, wurde ihnen jedoch zu keinem Zeitpunkt transparent gemacht. „Erst als die ersten Menschen in die Industriezelte verlegt worden sind, wussten wir, wohin wir wirklich transferiert werden sollen und waren angesichts der Zustände schockiert“, so die Geflüchteten in ihrer Erklärung vom 31. Mai.

Wohnungen, Sprachkurse, Anerkennung

Im Gespräch: Stadtdirektor Townsend spricht mit den Protestierenden über ihre Forderungen (Foto: Fotograf*in der Redaktion bekannt)

Im Gespräch: Stadtdirektor Townsend spricht mit den Protestierenden über ihre Forderungen (Foto: Fotograf*in der Redaktion bekannt)

Bereits im Januar hatten die Menschen aus der Querenburger Straße vor dem Rathaus gegen die Zustände in der mit über 200 Menschen belegten Turnhalle, die Helfer*innen oft als die schlimmste Unterkunft Bochums betiteln, protestiert. Nachdem die Stadt Besserung gelobte, kehrten sie an die Hans-Böckler-Schule zurück. Weil sie nicht in Zelthallen außerhalb der Stadt leben wollen, erheben sie ihre Stimme jetzt erneut. Sie fordern die Unterbringung in regulären Wohnungen, mindestens aber in Unterkünften, in denen sie selbst kochen können, mehr Privatsphäre und Selbstbestimmung haben. Außerdem wollen sie Zugang zu Sprach- und Integrationskursen für alle sowie eine Beschleunigung ihrer Asylverfahren.  Die Stadt hat die Industriezelte an der Kollegstraße für fünf Jahre angemietet. Sie will dort künftig in sechs Zelten mit einer Fläche von jeweils zehn mal 30 Metern bis zu 336 Menschen unterbringen. „Wir haben einfach nicht so viele Wohnungen“, erklärte Stadtdirektor Michael Townsend den Geflüchteten im Gespräch. Die Menschen waren daraufhin verzweifelt: Es kam zu Handgemengen zwischen Unterstützern und der Security. Ein Geflüchteter bestieg das Dach der Unterkunft und setzte sich an den Rand. Später konnte er überredet werden, wieder herunterzukommen. Die Menschen machten somit auf drastische Weise deutlich, dass sie nicht weiter in solchen Zuständen leben können.

Beim zweiten Treffen bot Townsend an, die Protestierenden könnten nach zwei Monaten in den Industriezelten, am 1. August, in die neue Container-Anlage Auf der Heide verlegt werden. Dann würden sie sich mit vier Menschen ein Zimmer teilen und könnten auch selbst kochen. Bei weiteren Treffen versuchte die Dienstellenleiterin des Arbeiter-Samariter-Bundes, Fiona Zerres, Werbung für die Industriezelte zu machen. Sie bot WLAN, Deutschkurse, tagsüber einen Shuttlebus zur nächsten Bushaltestelle und Unterstützung bei der Arbeitssuche an. Doch die Geflüchteten lehnten ab. Sie fragten die Vertreter*innen des ASB, der die Unterkunft betreut: „Wollen sie auf sechs Quadratmetern mit vier Menschen leben?“ Außerdem fühlen sie sich in der abgelegenen Unterkunft von der Stadtbevölkerung abgeschnitten.

Kalte Räumung der Turnhalle

Sie entschieden, nicht in den Industriezelten leben zu wollen. Die Stadt zog daraufhin die Sozialarbeiter*innen ab, räumte bereits den Großteil der Halle und bestellte das Catering ab. Die Geflüchteten erhalten seit Donnerstag, 2. Juni, lediglich 4,78 Euro pro Tag für die Verpflegung – dürfen aus Brandschutzgründen jedoch nicht kochen. Die Menschen protestierten aber weiter. Unterstützer*innen aus verschiedenen Initiativen halfen ihnen bei der Organisation. Am Wochenende verteilten die Refugees in der Innenstadt 400 Flyer, um auf ihre Situation aufmerksam zu machen. Und ein spontanes Solidaritätskonzert des türkischen Musikkollektivs Bandista vor Ort hob trotz Räumungsdrohung die Stimmung.

Wie es weitergehen wird, ist allerdings unklar. Die Stadt bleibt bei ihrer Position, die Geflüchteten bei ihrer Ablehnung. Das Problem ist strukturell: Bis Ende Juni sollen alle verbliebenen Turnhallen in Bochum geräumt werden. Die Menschen, die derzeit dort leben, könnte das gleiche Schicksal erwarten, wie die Protestierenden an der Querenburger Straße: Eine weitere Massenunterkunft nach Monaten in schwersten Lebensbedingungen. Von einer Zweckentfremdungssatzung, wie sie beispielsweise die Stadt Dortmund seit 2012 umsetzt, ist in Bochum weiter keine Rede. Durch eine solche Verordnung müssten Eigentümer*innen, sofern die Wohnungen mehr als drei Monate unbewohnt sind, ihren Leerstand bei der Stadt begründen und genehmigen lassen.


Wer durch Spenden oder Mitarbeit Solidarität mit den Geflüchteten zeigen möchte, ist herzlich zur Teilnahme eingeladen an der Querenburger Straße 35 vorbeizuschauen. Aktuelle Informationen gibt es auf ihrer Internetseite.
Wer selbst ein freies Zimmer zu Hause hat, kann dies beispielsweise unter www.fluechtlinge-willkommen.de oder speziell für den Raum Essen bei Rooms of Hope anbieten.