Abseits der Massen

Auf der Bühne zu Hause: Jan Koerver. (Foto: Joy Beck Fotografie)

Auf der Bühne zu Hause: Jan Koerver. (Foto: Joy Beck Fotografie)

Immer wieder ärgern sich Menschen über andere Konzertbesuchende im Publikum, weil sie ihnen die Sicht versperren. Oft weil sie einfach zu groß sind, manchmal wegen ihres Handydisplays. Aber wie sehen das eigentlich die Menschen, die auf und hinter der Bühne arbeiten? Jan Koerver ist Musik und Englischstudent an der Universität Duisburg-Essen/Folkwang Universität der Künste, Gitarrist der Band „The Constant“ und hilft in der Aachener Veranstaltungsfirma TBM mit, Bühnen und Lichttechnik aufzubauen und zu bedienen. Björn Gögge sprach mit ihm über das Handyverbot auf Konzerten.

ak[due]ll: Jan, du stehst selber oft mit deiner Band auf der Bühne und hast somit direkten Kontakt zum Publikum – hören die Leute zu oder hängen sie am Display?
Jan: Im Gegensatz zu riesigen Veranstaltungen in Arenen und Hallen ist diese Sache auf lokalen Konzerten, denke ich, nochmal etwas ganz Anderes. Eigentlich merke ich kaum, dass die Leute übertrieben viel am Handy hängen. Es kommt immer mal wieder zwischendurch zum obligatorischen „Aufs-Handy-gucken“, aber ansonsten ist das überhaupt kein Problem.

ak[due]ll: Wie ist denn die Stimmung auf kleineren Konzerten? Kann man die Menschen überhaupt noch begeistern, wenn man kein internationaler Popstar ist?
Jan: Ja, auf jeden Fall! Es ist nie einfach, aber der Funke kann immer überspringen; das ist aber von Konzert zu Konzert unterschiedlich. Es kommt dabei auch viel auf die Ausstrahlung und nicht nur die musikalische Leistung der Band an. Manchmal kann man die Begeisterung des Publikums auch nicht wirklich einschätzen, da einfach konzentriert zugehört wird und dann kommt am Ende ein lauter Applaus oder nach dem Konzert kommen Leute gezielt auf einen zu, um ein bisschen Lob oder Kritik auszusprechen.

ak[due]ll: Glaubst du, dass Leute noch wegen der Musik zu Konzerten gehen oder nur, um einen super Moment in ihrer Timeline zu teilen?
Jan: Zu sagen, dass Leute nur für einen Post in ihrer Timeline oder Chronik zu Konzerten gehen, ist etwas übertrieben. Ich denke schon, dass Leute immer noch wegen der Musik zu Konzerten gehen. Jedoch habe ich auch oft das Gefühl, dass das Teilen viel zu sehr in den Vordergrund rückt. Anstatt jede Sekunde zu genießen, ist es dann auf einmal wichtig, dass wirklich alle Facebook-Freunde mitbekommen, dass man beim jeweiligen Konzert war. Das geschieht dannoft durch das Posten von Videos oder Selfies. Wenn ich auf einem Konzert bin, möchte ich keinen Moment verpassen. Ich glaube, dass für einige Menschen heutzutage Musik viel zu selbstverständlich geworden ist.

ak[due]ll: Wenn du selbst auf der Bühne stehst, wie findest du es dann, wenn viele Leute mit dem Handy in der Hand vor dir stehen und dich filmen oder fotografieren?
Jan: Wie bereits erwähnt, ist das auf lokaler Ebene kaum der Fall. Wenn dann mal jemand etwas filmt oder ein Foto macht, freut mich das sogar. Über die Länge eines ganzen Konzertes kann das aber denke ich sehr nervig werden. Man möchte ja schon, dass das Publikum zuhört und nicht nur durch ein Handy zuschaut.

ak[due]ll: Wenn du im Publikum stehst: Handy aus oder an?
Jan: Mein Handy ist zwar an, ich mache auch gerne ein paar Fotos als Andenken, aber ansonsten liegt mein Fokus absolut bei dem, was auf der Bühne passiert. Es ist ja nicht schlimm, mal ein kleines Video zu machen oder halt ein paar Fotos, aber man sollte es einfach nicht übertreiben.

ak[due]ll: Warum denkst du, dass so viele Leute darauf pochen, das Konzert online zu teilen?
Jan: Gute Frage. Das ist ja nicht nur bei Konzerten der Fall. Ich denke, dass Menschen gerne Erlebnisse mit ihren Freunden teilen und das ist auch völlig okay. Es mag sein, dass es auch Leute gibt, die einfach einen starken Geltungsdrang haben, aber man sollte das Ganze nicht so negativ sehen. Es wäre auf Konzerten einfach schön, wenn man rücksichtsvoller damit umgehen würde. Keiner möchte zwei Stunden lang hunderte Bildschirme im Blickfeld haben. Außerdem ist es in der heutigen Zeit mit der ganzen Technik, die uns zur Verfügung steht, glaube ich sehr verlockend, dann diese Technik auch zu nutzen. Wie überall sollte man aber Rücksicht nehmen und an die Menschen um einen herum denken.

ak[due]ll: Wenn du bei der Veranstaltungsfirma aushilfst, hast du das Gefühl, dass Leute für (musikalische) Kulturveranstaltungen gern immer freien Eintritt hätten oder ist ihnen die Sache noch etwas wert?
Jan: Bei dem Job bekommt man davon gar nicht so viel mit. Allgemein ist es aber so, dass es natürlich von Mensch zu Mensch unterschiedlich ist. Die musikalische Begeisterung bei verschiedenen Leuten ist ja an sich schon total schwankend. So ist der eine bereit mehr für Musik und Kultur auszugeben als der andere. Der Trend geht meines Erachtens jedoch eher dahin, dass weniger Leute bereit sind, Geld für Kunst auszugeben. Das Problem bei der Musik ist heutzutage einfach, dass es etwas Selbstverständliches geworden ist. Man kann – theoretisch – ohne Geld zu bezahlen jeden beliebigen Song zu jeder beliebigen Zeit anhören. Dann ist klar, dass sich das Verhältnis zwischen Geld und Kunst irgendwie ändert. Dadurch gibt es dann Leute, die 200 Euro für ein riesiges Festival zu viel finden, obwohl die drei Headliner alleine schon teurer wären und es auch noch sehr viele Angebote neben den Bands gibt. Aber ich denke, dass es diese Leute immer geben wird, genau wie die Leute, die eher dazu
bereit sind, Geld auszugeben. Man weiß ja auch nicht, wie sich das Ganze in den nächsten Jahren entwickeln wird. Vielleicht wird ja alles wieder ganz anders.