Ein Haus, zehn Menschen und Raum für Austausch

Alternativer Lebensraum auf drei Etagen – an einigen Tagen auch mit öffentlichem Kaffeekränzchen. (Foto: lenz)

Alternativer Lebensraum auf drei Etagen – an einigen Tagen auch mit öffentlichem Kaffeekränzchen. (Fotos: lenz)

Am vergangenen Sonntag, 3. Juli, lud das Hausprojekt-Hochfeld in Duisburg zum Kaffeekränzchen. Neben Getränken und Leckereien gab es einen kleinen Trödelmarkt, Kinderschminken, Massagen und Raum zum Austausch. Doch bis die Ersten in der Johanniterstraße 26 bis 28 einziehen und arbeiten konnten, war es ein langer Weg.

Zehn Jahre lang stand das Haus, ein schöner Altbau von 1924, in der Johanniterstraße in Duisburg leer. Vor drei Jahren ist wieder Leben eingezogen: Zurzeit wohnen zehn Menschen im Wohnprojekt, weitere nutzen die Räumlichkeiten zum Arbeiten für sich oder kommen her, um in der Krümelküche einen Kaffee zu trinken.

Helena Hasenkox ist Mitbegründerin des Projektes. 2011 ist sie zurück nach Duisburg, ihre Heimatstadt, gezogen. Mit im Gepäck: Der Wunsch, etwas Neues aufzubauen, sich und Anderen Raum zu schaffen. „Ich war immer viel unterwegs und habe viele Lebensgemeinschaften kennengelernt. Ich habe in Berlin in einem großen Wohnprojekt gelebt und auf Reisen verschiedene alternative Lebensgemeinschaften gesehen – dabei entstand die Idee für das Hausprojekt“, erzählt sie. Von ihrer ursprünglichen Idee, viel Land zu kaufen und zu bewirtschaften, ist sie vorerst abgekommen. Einen Permakulturgarten mit Hochbeeten, Gewächshaus und Kompost pflegen die Bewohner*innen jedoch.

Bevor eingezogen werden konnte, musste das Haus zunächst gekauft und bewohnbar gemacht werden. Also schrieb Helena ein Konzept, um bei Banken einen Kredit zu beantragen. „Es ist nicht so einfach — aber machbar, wie man sieht“, so Helena. Weitere Unterstützung gab es von der Entwicklungsgesellschaft Duisburg (EG DU): „Dann gab es Fördergelder für Fassaden von der EG DU speziell für den Stadtteil Hochfeld, da musste man auch wieder viele Anträge schreiben und begleitend mit einer Frau von der EG DU die Fassadensanierung planen. Das war aber sehr hilfreich.“ Ein Jahr lang hat die Gruppe am Haus gearbeitet, bis die Ersten eingezogen sind: „Viel in Eigenregie, nur das Nötigste von Firmen machen lassen. Sich die Hände auch jeden Tag selbst ein bisschen schmutzig machen, das ist heute auch noch so, ist aber auch vollkommen in Ordnung. Wir leben in einem wunderschönen Altbau, den wir uns wahrscheinlich sonst nicht leisten könnten“, resümiert sie.

Vielfalt auf drei Etagen

Auf drei Etagen wird zusammen gelebt: Jede*r hat seinen eigenen Bereich, teilt sich mit den anderen Bewohner*innen der Etage Bad und Küche. Außerdem gibt es Gemeinschaftsräume. Helena, die Yoga macht und meditiert, wohnt in der ersten Etage zusammen mit zwei Jungs, die beide Capoeira machen und wie Helena meditieren. Im Haus werden auch Kurse für Interessierte angeboten. Auf der zweiten Etage tummeln sich politisch und künstlerisch aktive Leute. Im Dachgeschoss leben Musikbegeisterte. „Es war uns wichtig, dass das Haus ein offenes Konzept, und Raum für Vielseitigkeit bietet — jeder von uns ist anders und wir genießen das“, beschriebt Helena.

Ausblick auf den Garten

Ursula wohnt auf der zweiten Etage und studiert Fotografie. Zur Wohngemeinschaft ist sie vor eineinhalb Jahren durch ein Fotoprojekt gekommen, bei dem sie sich mit dem Stadtteil Hochfeld und seinen Bewohner*innen auseinandersetzt. „Wenn man zum Beispiel ‚Hochfeld‘ bei Google sucht, werden einem fast nur Bilder von überforderten Polizisten, Problemen und Konflikten gezeigt — alles ist grau-in-grau. Aber es gibt hier natürlich auch andere Ecken und mehr zu entdecken, Orte wie das Syntopia oder die Upcycling-Werkstatt“, erzählt sie. Dass es die medial diskutierten sozialen Probleme jedoch gibt, solle auch nicht totgeschwiegen werden, findet Ursula. So treffen dort auch unterschiedliche Lebensentwürfe aufeinander: „Manche Anwohner denken bestimmt auch ‚Was leben denn da für Hippies in dem sonderbaren Haus?‘ Wir hoffen, dass wir in Zukunft noch etwas mehr Kontakt zu unseren Nachbarn haben werden“, so Ursula.

Hinter dem Altbau und dem kleinen Garten liegt eine große, asphaltierte Fläche brach. Doch das wird voraussichtlich nicht so bleiben — leider. „Hier sollen 40 Einfamilienhäuser hin — ein Versuch von der Stadtpolitik, Hochfeld attraktiver zu machen. Die Bauarbeiten sollten eigentlich Anfang 2016 beginnen, bisher ist aber noch nichts passiert — das kennt man von Duisburg“, erzählt die Fotografiestudentin. Die Bewohner*innen hatten sich schon über alternative Nutzungen der Fläche Gedanken gemacht: „Wir würden auch gern die Menschen vom Duisburger Wagenplatz hier haben, das ist der Stadt jedoch nicht lukrativ genug.“

Mehr Kultur!

Das Dachgeschoss wurde erst im Dezember 2015 fertig gestellt, im Februar folgte die Sanierung des Hausflurs — bis dahin lebten die Bewohner*innen quasi auf einer Baustelle. „Wir stehen Projekt-technisch noch ganz am Anfang: Eine Website ist erst in Planung, es gibt nur vereinzelte Events. Kurse laufen zwar regelmäßig, aber noch nicht so viele wie könnten. Alles steckt noch in den Kinderschuhen – Es ist wunderschön so, wie es ist, und hoffentlich gibt es bald viel mehr davon“, freut sich Helena. Die Bewohner*innen möchten künftig mehr kulturelle Veranstaltungen anbieten. Ihr Antrieb: „Wir wollen etwas zurückgeben, Duisburg und den Ruhrpott bunter machen — schaffen, was bisher hier fehlt: Aktionen wie heute mit guter Musik, Trödel und viel Lebensfreude.“ Die bereits begonnene Vereinsgründung dingfest zu machen steht ganz oben auf der Agenda des Hausprojektes: So sind sie auch rechtlich bei Veranstaltungen besser abgesichert.

In der Krümelküche, dem von Sarah und Denis betriebenen veganen Café, finden bereits regelmäßig Veranstaltungen statt, Menschen aus der Umgebung stellen dort Handgemachtes aus und können es verkaufen. Angestoßen hat das Café ebenfalls Helena: „Der Plan war immer, Wohnen und Öffentlichkeit zu verbinden — das war uns von Anfang an wichtig. Das geplante Café sollte vegan sein — nicht, weil jeder der Bewohner aus Überzeugung vegan lebt, sondern weil das Haus ein Hauptmotto hat: Liebe. Und die fängt auf deinem Teller an. Ein achtsamer Umgang untereinander, aber ebenso wie man allen Lebewesen entgegentritt.“


Krümelküche veganes Café in Duisburg

Öffnungszeiten:
Mittwoch-Sonntag 12-20 Uhr
Ruhetage: Montag und Dienstag
Johanniterstraße 28
47053 Duisburg
Telefon: 0203 – 39216308