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Im Gespräch: Dozentin und Doktorandin Kerstin Meincke (Foto: privat)

Im Gespräch: Dozentin und Doktorandin Kerstin Meincke (Foto: privat)

Die internationale Kunstwelt und auch die Auseinandersetzung mit ihr ist immer noch westlich dominiert, doch seit einiger Zeit zeichnen sich Veränderungen ab. akduell Redakteurin Lorenza Kaib sprach darüber mit Kerstin Meincke, Dozentin vom Institut für Kunst und Kunstwissenschaften der Universität Duisburg-Essen. Sie ist in der Fototheorie mit Schwerpunkt afrikanische Fotografie und als Kuratorin tätig.

ak[due]ll: Das Seminar, welches Sie gerade an der Universität Duisburg-Essen geben, heißt Cultures of Photography – was steckt hinter dem Titel?

Kerstin Meincke: Der Titel des Seminars, das ich gemeinsam mit der Ethnologin Cathrine Bublatzky von der Universität Heidelberg konzipiert habe und das wir gemeinsam durchführen, spielt darauf an, dass es eben nicht nur eine einzige, sondern zahlreiche fotografische Kulturen gibt, die durch verschiedene Gebrauchsweisen geprägt sind und mit denen wiederum eigene künstlerische Ausdrucksformen und Ästhetiken verbunden sind. Manche von ihnen sind mehr, andere weniger bekannt. Im Seminar widmen wir uns etwa der fotografischen Verhandlung von Stadt, Urbanität und Moderne in Westafrika und Südasien und nehmen dabei besonders Nigeria und Indien in den Blick.

ak[due]ll: Gibt man bei google Schlagwörter wie ‚Fotografie‘ und ‚Afrika‘ ein, erscheinen zunächst nur Abbildungen von wilden Tieren und auch von akademischer Seite wurde sich lange nicht sehr differenziert mit afrikanischen Ländern auseinandergesetzt. Sind zurzeit Veränderungen in der Fotoforschung spürbar? Welche Projekte  spielen dabei eine wichtige Rolle?

Kerstin Meincke: Wie die Kunstgeschichte überhaupt war auch die Fotoforschung des globalen Nordens lange gegenüber dem globalen Süden ziemlich abgeschottet und man kann sicherlich auch noch lange nicht davon sprechen, dass die Kunstproduktion des Globalen Südens ein selbstverständlicher Bestandteil ist. Und auch wenn gegenwärtig im Bereich der Fotoforschung ein steigendes Bewusstsein für die Existenz „anderer Geschichten der Fotografie“ zu beobachten ist, scheint dieser Fokus auch hier nach wie vor noch ein besonderer zu sein. Wegweisende Positionen auf diesem Feld bekleiden für mich zum Beispiel Kobena Mercer oder Elizabeth Edwards, aber auch der Kurator Okwui Enwezor hat immer wieder Fotografie aus Afrika und der afrikanischen Diaspora präsentiert, etwa in den Ausstellungen Snap Judgments. New Positions in Contemporary African Photography von 2006 oder Events of the Self. Portraiture and Social Identity im Jahr 2010.

ak[due]ll: Was passiert aktuell Spannendes in der afrikanischen Fotoszene?

Kerstin Meincke: Für mich sind es vor allem die zahlreichen Off-Spaces, die sich vielerorts gründen, und die Biennalen und Fotofestivals, die eine wichtige Rolle spielen und zu Recht mehr und mehr Beachtung finden, angefangen von den seit 1994 bestehenden Rencontres de Bamako bis hin zu jüngeren Initiativen wie Lagos Photo und Addis Foto Fest (seit 2010).

ak[due]ll: Wie sind Sie selbst auf afrikanische Fotografie aufmerksam geworden?

Kerstin Meincke: Über einen Umweg: mich führten zunächst Projekte europäischer Fotografen in Afrika dorthin. Dank eines Stipendiums des Goethe-Instituts konnte ich dann 2010 eine Kuratorenrecherchereise nach Nigeria unternehmen, im Zusammenhang mit der Vorbereitung einer Ausstellung für das Museum Folkwang in Essen. Während dieses einmonatigen Aufenthalts lernte ich neben zahlreichen jungen Fotograf*innen auch den Fotografen J.D. ’Okhai Ojeikere kennen, dessen Arbeiten und Arbeitsweise mich sehr stark beeindruckt haben und mit dem ich glücklicherweise anschließend im Rahmen der Folkwang-Ausstellung Voyage Retour, die in 2013 in Lagos zu sehen war und neben Arbeiten von Ojeikere Originale der Fotografischen Sammlung des Museums präsentierte, intensiver zusammenarbeiten konnte.

ak[due]ll: Gibt es Fotograf*innen, die Sie besonders faszinieren?

Kerstin Meincke: Es gibt eine ganze Reihe spannender fotografischer Positionen, historischer und gegenwärtiger, aber der eben bereits genannte J.D. ’Okhai Ojeikere, der für seine Hairstyles bekannt geworden ist und bis zu seinem Tod im Jahr 2014 ein beeindruckendes Gesamtwerk erschaffen hat, steht sicherlich ganz oben auf meiner Liste.

ak[due]ll: Muss man bei der Auseinandersetzung mit afrikanischer und asiatischer Kunst die Kolonialzeit immer auch im Blick haben?

Kerstin Meincke: Diese Frage lässt sich schwer allgemeingültig beantworten. Viele Künstler machen den Kolonialismus explizit oder implizit zum Thema ihrer Arbeit, bei anderen spielt dieses Kapitel kaum eine Rolle. Aber natürlich bedeutet die Kolonialzeit nach wie vor einen gravierenden Einschnitt, dessen Folgen bis heute spürbar sind. Für den afrikanischen Kontext sind für mich daher auch Künstler*innen wie Sammy Baloji oder Santu Mofokeng so spannend, weil sie die komplexen historischen Narrative auf ganz unterschiedliche Weise befragen und reartikulieren.

ak[due]ll: Vor welche Herausforderungen stellt diese Vergangenheit Wissenschaftler*innen weltweit?

Kerstin Meincke: Das ist ein sehr wichtiger Punkt, denn Wissenschaftler*innen stellt sie sicherlich vor die herausfordernde Aufgabe, sich selbst, ihre Methoden und die Geschichte und Gegenwart ihrer eigenen Disziplin kritisch zu hinterfragen und bewusst neu auszurichten.

ak[due]ll: Was würden Sie Menschen empfehlen, die sich das erste Mal mit afrikanischer Kunst auseinandersetzen wollen?

Kerstin Meincke: Es gibt eine ganze Reihe von Ausstellungskatalogen, die sicherlich gute Einstiege für die Beschäftigung mit Kunst aus Afrika oder der Diaspora darstellen. Ich denke dabei unter anderem an Okwui Enwezors The Short Century von 2001 oder Africa Remix von Simon Njami (2004). Viele Anhaltspunkte für die weitere Beschäftigung mit „afrikanischer Fotografie“ liefert der Band Photography and Africa von Erin Haney aus dem Jahr 2010.