Nizzas weißer Lastwagen

An der Promenade von Nizza: Ein brasilianisches Fernsehteam interviewt einen Augenzeugen des Anschlags. (Foto: Mareen Butter)

An der Promenade von Nizza: Ein brasilianisches Fernsehteam interviewt einen Augenzeugen des Anschlags. (Foto: Mareen Butter)

Es ist ein strahlender Sonnentag in Nizza an diesem Freitag, 15. Juli. Das Meer leuchtet tiefblau, am Himmel ist keine einzige Wolke zu erkennen. Doch von Urlaubsstimmung keine Spur. Am Strand, an dem sich ansonsten Massen von Tourist*innen aufhalten, sonnt sich jetzt keine Menschenseele. Und auch in der „Promenade des Anglais“ gleich daneben, wo sonst gejoggt oder geskatet wird, blickt man auf eine verlassene Straße. Leer, trostlos, irgendwie kalt, trotz der Hitze. Auch Autos und Busse sind heute vom Verkehr ausgeschlossen. Rote und blau-weiße Fahrzeuge bilden die Ausnahme – diejenigen, die ein Blaulicht tragen. Hin und wieder sieht man sie am Absperrgitter vorbeifahren, doch die meisten von ihnen stehen mitten auf der Promenade, umzingelt von Polizist*innen mit schwarzen Sonnenbrillen und langen Gewehren im Arm. Eine Reportage vom Tag nach dem Anschlag.

Von Gastautorin Mareen Butter

Ein Großteil der Straße ist komplett abgeriegelt. Es handelt sich um den Teil, an dem der Lastwagen zum Stoppen gebracht wurde. Der große weiße Lastwagen, der jetzt als Synonym steht für etwas Unglaubliches, etwas Unfassbares, das sich nicht in Worte ausdrücken lässt. Wenige Meter weiter ist der Bürgersteig frei für Fußgänger*innen. Von hier aus lässt sich der Lkw nicht erblicken. Auch hier ist die Stimmung bedrückend. Normalerweise hört man sonst das laute Hupen von Autos, Menschen, die sich unterhalten, lachende Kinder. Doch heute ist kein normaler Tag in Nizza. Heute gibt es keine Geräusche, denn die Stadt steht still.

Trauer und Fassungslosigkeit

Stattdessen blickt man in trauernde Gesichter. Eine Frau mit dunkler Sonnenbrille steht vor dem Absperrband und starrt bewegungslos in Richtung des Lkws. In der Hand hält sie ein Taschentuch. Ein junger Mann läuft laut weinend die Straße entlang, begleitet von zwei Uniformträgern. Passant*innen tauschen sich leise aus, manche blicken schockiert über die mit roten Rosen verzierten Absperrgitter. Überall erblickt man Fernsehteams aus der ganzen Welt, die Augenzeug*innen interviewen. Denn viele von ihnen sind am Tag danach zurückgekehrt an diesen Ort. Sie wollen sich austauschen, versuchen zu verstehen und zu verarbeiten, was sie erlebt haben.

Schlimme Bilder bleiben in Erinnerung

„Es sah aus wie ein Kühltransporter“, berichtet eine Einheimische, „aber komplett anonym, es stand einfach nichts drauf. Dieser Psychopath fuhr bei etwa sechzig Kilometer pro Stunde in die Menschenmassen rein, so kam es mir vor. Nur etwa fünf Minuten nach dem Feuerwerk.“ „Nizza ist der Tod“, sagt eine andere Frau etwas lauter zu den Umstehenden, die zustimmend nicken. Sie hat Redebedarf, wie viele hier. „Ich war gar nicht mehr vor Ort, als es passierte. Aber plötzlich fuhren da überall Krankenwagen an mir vorbei und ein Jugendlicher erzählte, dass dort Leichen liegen. Als ich dann zurückging, sah ich durchgetrennte Körper, Knochen, überall Blut. Überall. Es war schrecklich. Das Schlimmste war ein junges Mädchen, dessen Gesicht man nicht mehr wiedererkennen konnte.“ Sie macht eine Pause, die Tränen kommen hoch. Dann fährt sie fort: „Während der EM gab es überall Polizei, da haben sie alles so sehr überwacht. Warum nicht jetzt auch? Ich verstehe es nicht. Außerdem sind doch Lastwagen gar nicht in der Nähe erlaubt gewesen.“

Die Frage nach dem „Warum“ stellen sich alle hier und sie ist wohl auch der Grund, weshalb viele am Tag danach an den Tatort zurückkehren. Die Tatsache, dass der Attentäter ganze zwei Kilometer fahren konnte und somit mindestens vierundachtzig Tote verursachte, bevor die Polizei ihn stoppte, sorgt bei vielen für Unverständnis.

„Natürlich hätte es nichts gebracht, in die Reifen reinzuschießen, denn die sind ja menschengroß gewesen“, erklärt ein junger Mann, „Aber die ganze Frontscheibe hatten sie schon durchlöchert, bis sie ihn trafen. Wie ist das möglich?“

Vier deutsche Freund*innen, die eigentlich ihre Ferien in Südfrankreich genießen wollten, waren ebenfalls zum Feiern des französischen Nationalfeiertags an die Promenade gekommen. Und wurden nach dem Feuerwerk plötzlich voneinander getrennt. „Ich dachte erst, es seien irgendwelche Böller und die Menschen würden überreagieren. Wir waren ja weiter vorne, als alle auf einmal losrannten und schrien, wir sollten uns retten“, erinnert sich eine Jugendliche, „und als ich dann verstand, dass es sich tatsächlich um das Geräusch einer Pistole handelte, stürzte ich mich einfach ins Meer.“

Einige Meter weiter, am Centre Universitaire Méditerranéen, wo es ansonsten regelmäßig Konzerte und andere Veranstaltungen gibt, können jetzt Betroffene mit einem Psychologen sprechen. Das Zentrum ist heute besser besucht, als an gewöhnlichen Tagen. Am Eingang stehen drei Mitarbeiter*innen mit Erste-Hilfe-Westen und überprüfen, dass niemand ins Zentrum gelangt, der nicht betroffen ist. Ein weiterer Pfleger kommt aus dem Zentrum raus und zündet sich erschöpft eine Zigarette an. Als er jedoch verlorene Blicke von Passant*innen sieht, fragt er freundlich, ob diese auch ein Gespräch mit einem Psychologen suchten und erwähnt, dass es drinnen auch Verpflegung gäbe. Diese Hilfsbereitschaft nehmen einige dankbar an. Dennoch können auch die Gespräche nicht wettmachen, was sich in den Köpfen der Menschen festgeklammert hat. Es sind Bilder, die man sonst aus Filmen kennt. Man könnte es als einen Alptraum bezeichnen, wenn es denn wenigstens ein Erwachen gäbe. Doch es ist Realität. Im Augenblick verbindet man mit Nizza nicht mehr Sonne, Strand und Ferien, sondern einen weißen Lastwagen.