Und dann die Hände zum Himmel!

Hände hoch! Bei einigen Konzerten gab es ein ausdrückliches Handyverbot. (Foto: publicdomain)

Hände hoch! Bei einigen Konzerten gab es ein
ausdrückliches Handyverbot. (Foto: publicdomain)

Ein Ausruf, der bei vielen Konzertbesuchenden vermutlich Verwirrung stiften wird. Wie soll man denn die Hände hochwerfen, wenn in der einen Hand das Smartphone ist und in der anderen das Bier balanciert wird? Einige Popstars haben nun bei ihren Konzerten und Touren die Veranstaltungen als „handyfrei“betitelt. Wie funktioniert das eigentlich und ist das eine fortschrittliche Idee? Eine Glosse von Björn Gögge.

Die romantisierte Vorstellung eines Konzertes, bei der wirklich alle Besuchenden die Hände in die Höhe strecken, ekstatisch mitsingen und die Zeit ihres Lebens verbringen, ist leider längst passé. Woodstock war gestern. Das liegt nicht unbedingt an der Motivation der Leute, die weiterhin gerne Konzerte besuchen und sich diesem Gefühl hingeben wollen würden. Vielmehr die Menschen, die geschlagene zweieinhalb Stunden mit gezücktem Smartphone in der Hand das komplette Konzert abfilmen, damit es im Handyspeicher des ewigen Vergessens landet, verderben die Laune der Musikbegeisterten. Da bezahlt man schon einen horrenden Betrag für die Lieblingsband und muss sich zwischen Biergeruch, Schweiß und langen Haaren auch noch ein Display vor den Augen gefallen lassen, das in diesem hitzigen Moment, übertrieben gesagt, die komplette Bühne verdeckt. Natürlich sollen Fotos gemacht werden dürfen, natürlich auch mal hier und da ein Video – aber sind wir ehrlich, dann nervt der Fortschritt in Richtung Technik bei Konzerten schon ein bisschen. Dem Ganzen wird nur noch dadurch die Krone aufgesetzt, dass die Hobby-Filmenden ihre Erinnerungen im Hochformat festhalten. Die viel wichtigere Frage ist aber: Wer hat das Recht, mir mein geliebtes Handy wegzunehmen? Die Antwort: natürlich niemand. Über die Rechtslage gibt es keine genauen Informationen, aber man kann davon ausgehen, dass die Auftretenden mit den Veranstaltenden hinreichend ausgehandelt haben, inwieweit ihnen ein gewisses Hausrecht zusteht und somit über solche Regularien bestimmen dürfen. Allem Anschein nach ist die Stimmung auf Konzerten in den letzten Jahren zwar nicht abgerissen, aber dennoch fühlt man sich einfach gestört, wenn nicht wirklich alle Anwesenden voll und ganz beim Konzert sind, sondern ihren Minicomputer zücken müssen.

Ab in die Tüte mit dem Handy

Die musikbegeisterten Menschen haben auch früher viel Geld für Tickets ausgegeben und waren heiß darauf, zwei Stunden lang einer einzigen Kapelle zuzuhören. Heute kann es vorkommen, dass im Publikum Menschen sitzen oder stehen, die sich damit zufriedengeben, wenn der eine bekannte Hit performt wird und man in der richtigen Sekunde auf Record gedrückt hat, um ein Video bei Snapchat oder Instagram hochzuladen. Es ist ganz simpel gesagt schade. Schade um die Menschen, die das Konzert genießen. Schade um die Kunstschaffenden und Schade um die gesamte Atmosphäre.

Popstars wie Alicia Keys (Girl on Fire-Tour) oder Guns N’ Roses (Not In This Lifetime-Tour) haben neuerdings bei ihren Konzerten ein Handyverbot eingeführt und ziehen dieses seit einigen Wochen auf ihren Touren rigoros durch. Nun fragt man sich natürlich zurecht, wie man das bei einer derartigen Anzahl von Besuchenden kontrollieren kann (in die Lanxess Arena Köln passen beispielsweise rund 20.000 Menschen mit Sitzplätzen). Bei beiden der eben genannten Acts wurden von Security-Teams die Smartphones aller Anwesenden in verschließbaren Handytäschchen versiegelt, die nur an sogenannten speziellen „Unlock-Stations“ wieder geöffnet werden konnten. Bisher gibt es keine Stimmen, die sich über das Handyverbot beschweren, in den Facebook-Veranstaltungen ist lediglich die Freude auf das Konzert zu vernehmen. Und natürlich kann man immer noch vor die Tür gehen, die Hülle von einem Mitarbeitenden wieder öffnen lassen und telefonieren – danach wird sie aber wieder verschlossen und man ist handylos vor der Bühne. Wünscht man sich da nicht wieder die Telefone mit Tasten zurück, bei denen man die Kamera auch ohne Touchscreen ansteuern konnte? Natürlich wäre das Bild verschwommener – aber doch eine lustige Vorstellung, wie 10.000 Menschen eine Hülle in die Luft halten. Adele sprach vor ein paar Wochen bei einem Konzert ihrer Adele Live Tour 2016 in Verona eine junge Frau mit folgenden Worten an: „Könnten Sie bitte aufhören, mich zu filmen? Das ist nämlich keine DVD, das ist ein richtiges Konzert. Ich wünsche mir, dass Sie meine Show genießen, denn draußen stehen eine Menge Leute, die das auch gerne würden, aber keine Karte mehr bekommen haben.“

Und damit hat sie recht. Das Besuchen von Konzerten und das Anschauen von Musikschaffenden ist oft einfach ein verdammt großes Privileg. Nicht nur ob der hohen Preise, auch, weil sich die Meisten auf der Bühne immer noch viel Mühe geben, damit alle Involvierten einen schönen Abend haben. Also weg vom Handy und Konzert genießen. Denn irgendwann ist jede SD-Karte voll, jedes Smartphone kaputt. Am Ende bleiben doch die schönen Momente im Kopf.