Von Ade eine Ode an den Unsinn

Von Ade eine Ode an den Unsinn

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Sind zufrieden mit dem Endprodukt: Sandra Hüller udn Maren Ade bei der Premiere in der Lichtburg Essen. (Foto: Gerne)

Einfach mal Unsinn machen. Den Alltag durch absurde Geschichten und Begegnungen mit zotteliger Perücke und falschen Zähnen auflockern. Das denkt sich Toni Erdmann. Der eigentlich gar nicht existiert. Mit der erfundenen Kunstfigur bringt er das Leben der engagierten Unternehmensberaterin Ines durcheinander. Der angebliche Personalcoach mit behelfsmäßigem Englisch bei irritierenden Auftritten in ihrer Firma ist der ihr fremdgewordene eigene Vater. Ab dem 14. Juli ist die humorvolle Vater-Tochter-Konfrontation von Regisseurin Maren Ade in den deutschen Kinos zu sehen. 

Auch wer von der Bezeichnung Vater-Tochter-Geschichte erst einmal abgeschreckt ist, sollte sich dennoch ein wenig näher mit dem Film Toni Erdmann auseinander setzen. Denn er erzählt keine plakative, beliebig austauschbare Story, auch wenn die Protagonist*innen-Konstellation dies vermuten lassen könnte. Bei den diesjährigen Filmfestspielen in Cannes erhielt der erste deutsche Wettbewerbsbeitrag nach acht Jahren zwar keine Goldene Palme, jedoch den Kritikerpreis der internationalen Filmpresse sowie stehende Ovationen vom Publikum in Frankreich. Am Dienstag, 5. Juli, feierte Toni Erdmann Deutschlandpremiere in der Essener Lichtburg.

Kindlicher Chaot trifft auf Karrierefrau

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Wer so einen Vater hat, braucht keine Feinde? Toni Erdmann bringt das Berufsleben von Tochter Ines durcheinander. (Foto: Komplizen Film)

Winfried arbeitet als Musiklehrer in Aachen, sein wichtigster sozialer Kontakt ist sein Hund. Zu seiner Tochter Ines hat er nur sporadisch Kontakt und den persönlichen Zugang verloren. Ihr Alltag hat mit seiner Realität wenig gemein: Als Unternehmensberaterin fliegt sie rund um die Welt, gerade lebt sie in Bukarest und berät eine Ölfirma. Stets im Kostüm ist sie auf Empfängen, in wichtigen Businessmeetings oder auf Partys der High Society und wohnt in einem durchgestylten Loft, das ihre Sekretärin ausgesucht hat. Er schminkt sich währenddessen fürs Schultheater den Tod ins Gesicht  und steckt sich regelmäßig ein falsches Gebiss in den Mund, um seine Mitmenschen zum Lachen zu bringen. Ein kindlicher Chaot, der gerne Scherze macht – doch nach dem Tod seines Hundes beschließt er, sich seiner Tochter wieder anzunähern, indem er zu ihr nach Bukarest reist. Ines ist mäßig erfreut über den unangekündigten Besuch und schnell wird klar: Die Welten der beiden sind zu unterschiedlich, die Vater-Tochter-Bindung längst unterbrochen. Während er sich fragt, ob sie Mensch oder Roboter ist, findet sie sein Leben genauso bedauerlich: „Hast du in deinem Leben noch was vor, außer anderen ein Furzkissen unterzuschieben? Ich kenne Leute, die wollen in deinem Alter noch was.“ Nach bemüht freundlichen, aber angespannten Besuchstagen reist Winfried wieder aus Bukarest ab. Doch sein alter Ego Toni Erdmann — eine Mischung aus Helge Schneider, Horst Schlämmer und den Rolling Stones, bleibt. Ab hier beginnt der Film eine herrliche Abstrusität anzunehmen, in denen sich absurde und gesellschaftskritische Szenen abwechseln und ein stimmiges Gesamtbild ergeben.

Langer Film, keine Langeweile

100 Stunden Filmmaterial lagen der Endfassung von Toni Erdmann zu Grunde. Da kann es schon passieren, dass die Filmlänge insgesamt 162 Minuten beträgt. Doch auch davon sollte sich das Publikum nicht abschrecken lassen. Natürlich kommt es bei Kinofilmen, die die 90-Minuten-Marke überschreiten, vor, dass man zwischendurch gähnend auf die Uhr linst. Aber in 162 Minuten Toni Erdmann kann man vergessen, wo man sich gerade befindet und nur spontaner Szenenapplaus holt einen von den Straßen Bukarests in den Kinosessel zurück.

Das tiefe Eintauchen in die Geschichte wird an einigen Stellen durch Handkamera-Optik erwirkt, an anderen ist es der fehlende Soundtrack, an dessen Stelle reale Hintergrundgeräusche hörbar sind und große Nähe zum Filmgeschehen schaffen. Selbst während des Höhepunkts des Filmes gibt es statt eines untermalenden Musiktitels nur lauten Straßenlärm auf die Ohren. Gerade das Nicht-Erfüllen des Erwarteten macht den Film spannend, ein Charakteristikum von Regisseurin Maren Ade, meint Hauptdarsteller Peter Simonischek: „Das Tolle an dem Film ist, dass er einem keine Meinung vorgibt, der setzt sich auch auf keine Pointe auf. Das kommt alles so beiläufig.“ Seiner Meinung nach traut Maren Ade den Zuschauer*innen viel zu, sie habe großen Respekt vor der Aufmerksamkeit des Publikums. Vielleicht ist das der Grund, warum Toni Erdmann an keiner Stelle langweilig wird.

Situationskomik und Glaubhaftigkeit

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Aufgelegt zu Scherzen: Toni Erdmann verhaftet Ines. (Foto: Komplizen Film)

Vielleicht sind es aber auch die beiden Protagonist*innen, gespielt von Sandra Hüller als Tochter Ines und Peter Simonischek als Winfried/Toni Erdmann, die fesseln. Beide Charaktere lassen viel Interpretationsspielraum zu, einige ihrer Reaktionen sind unvorhersehbar, wie etwa das plötzliche Mitspielen von Ines bei dem absurden Theater von Toni Erdmann inmitten ihrer Berufswelt. Ohne groß eine Begründung ihres Sinneswandels ersichtlich zu machen, lässt sie sich auf das Spiel ihres Vaters ein und zeigt dadurch neben der kühlen und beherrschten Beraterin auch eine humorvolle und spontane Seite, die man vorher nicht vermutet hätte. Da kann es dann auch zu einem geschmetterten Whitney Houston-Song (Greatest Love of All) von Ines auf einer wildfremden rumänischen Osterparty kommen. Für diese authentische Darbietung gibt es bei der Premiere in der Essener-Lichtburg Szenenapplaus – denn gefühlt stand man bei dieser herzergreifenden Darbietung nur ein paar Meter entfernt vor ihr im rumänischen Wohnzimmer. Das Klatschen fühlte sich an wie eine Mischung aus Begeisterung für die Szene und einem irritierenden Höflichkeitsimpuls für ihren Gefühlsausbruch.

Besonders die Wandlungsfähigkeit von Sandra Hüller, die anfangs die professionelle Karrierefrau und später eine nacktpartyveranstaltende, etwas verloren wirkende Tochter eines chaotischen Vaters überzeugend mimt, ist beeindruckend und füllt den starken Charakter, den Maren Ade mit Ines kreiert hat, voll aus: „Ines [ist] vielleicht eine moderne Frauenfigur. Sie [ist] sich sicher, dass ihre Generation ganz selbstverständlich gleichberechtigt ist. So selbstbestimmt, dass sie glaubt sich vom Feminismus distanzieren zu können. Wenn sie sagt: ‚Ich bin keine Feministin, sonst würde ich es mit Typen wie dir gar nicht aushalten‘, dann meint sie es auch so. Sie ironisiert den ‚Frauenabend‘ und die ‚sexuelle Belästigung‘ am Arbeitsplatz“, beschreibt Ade. Die Regisseurin kritisiert jedoch die häufige Nachfrage, ob der Charakter von Ines zu kalt sei. Sie glaubt, dass wenn Ines eine männliche Figur wäre, diese Frage nicht aufkommen würde. Trotzdem wolle Maren Ade mit der Person Ines nicht bewusst auf Sexismus im Arbeitsalltag hinweisen: „Ich habe mich definitiv nicht hingesetzt und gedacht ‚ich mach da jetzt was besonders Kritisches über Sexismus in der Businesswelt.‘ Ich wollte es einfach nur realistisch zeigen und mitschwingen lassen.“

Inspiration aus der eigenen Familie

Anders war das bei dem Thema des Familienkonflikts, den Maren Ade schon länger in einem Film aufgreifen wollte. Sie hat das Gefühl, dass innerhalb einer Familie alle eine bestimmte Rolle über die Zeit einnehmen und besonders die Vaterfigur in Toni Erdmann sei für sie Anlass gewesen, das Drehbuch zu schreiben, erzählt Ade in der Lichtburg. Auch in ihrer Familie gäbe es einen Hang dazu schwierige Dinge mit Humor zu lösen. Ihrem eigenen Vater hat sie selbst mal Scherzartikel-Zähne geschenkt, die er über die Jahre öfter zum Einsatz gebracht hat. Bei der Figur Toni Erdmann wurde jedoch nicht nur an der äußeren Erscheinung lange gefeilt, indem hundert verschiedene Perücken ausprobiert wurden. Maren Ade legte viel Wert darauf, dass man hinter dem erfundenen Toni Erdmann immer noch den Menschen Winfried erkennt: „Die Schwierigkeit war, dass [Peter Simonischek] versteckt, dass er ein Schauspieler ist. Winfried soll ja ein echter Mensch sein, der etwas spielt. Es ist schwer, als guter Schauspieler einen schlechten Schauspieler zu spielen“, so Ade. Mit der Mimik und der Unbeholfenheit mit der Simonischek Toni Erdmann auf die Leinwand  bringt, sorgt diese Figur nicht nur für lautes Gelächter im Kinosaal, sondern auch für Resümees wie: „Dieser Film hat mich durchgeschüttelt“ von einem Lichtburg-Besucher.

Wer braucht schon ein Genre?

In welches Filmgenre Toni Erdmann einzuordnen ist, da sind sich die Regisseurin, Schauspieler*innen und Kritiker*innen nicht einig. Denn obwohl der Humor, der teilweise slapstickartige Züge annimmt, überwiegt, sind beide Protagonist*innen in vielerlei Hinsicht bedauernswert und vermitteln den Zuschauer*innen auch ernste, gesellschaftskritische Inhalte – ohne dogmatisch zu wirken. Aber warum sollte man diesen Film überhaupt krampfhaft mit einer Bezeichnung wie Tragikomödie klassifizieren? Das findet auch Peter Simonischek: „Es ist nicht nötig, die Schublade zu finden, in die der Film reingehört.“ Und Sandra Hüller ergänzt: „Ich finde es nicht so wichtig, was das für ein Genre ist. Es ist ein Film, der funktioniert und dem man seine Länge nicht anmerkt.“ Toni Erdmann überzeugt mit ungeahntem Witz, einer erfrischenden Erzählstrategie und wandelbaren Schauspieler*innen und kann daher ein guter Film genannt werden – und ist das nicht Einordnung genug?