Vorhang zu für Germanistik-Theater?

Es muss nicht immer Shakespeare sein: Die Theatergruppe des Pudels Kern (Zitat aus Faust) hat sich 12 Jahre lang wichtigen Werken der deutschen Literatur gewidmet. Fiel nun der letzte Vorhang? (Foto: Gerne)

Es muss nicht immer Shakespeare sein: Die Theatergruppe des Pudels Kern (Zitat aus Faust) hat sich 12 Jahre lang wichtigen Werken der deutschen Literatur gewidmet. Fiel nun der letzte Vorhang? (Foto: Gerne)

„Das Theater ist der Ort des Lebens, der Kreativität, der Entdeckungen“ –  hiermit wirbt die Theatergruppe „Des Pudels Kern“ des Germanistik-Instituts an der Universität Duisburg-Essen. Unter der Leitung von Regisseur Christian Scholze wurde zuletzt „Der Prozess“ von Kafka inszeniert. Doch jetzt steht die Theatergruppe vor dem Aus. Der Grund: Der Lehrauftrag des langjährigen Regisseurs der Gruppe ist von der Uni nicht verlängert worden.

Christian Scholze arbeitet hauptberuflich am Westfälischen Landestheater in Castrop-Rauxel als Dramaturg und Regisseur. Seit 2004 leitet er auch die Theatergruppe der Germanistik Des Pudels Kern: „Anlass war der Wunsch von Herrn Professor Kammler an seinem Lehrstuhl eine Theatergruppe zu etablieren, die unter professioneller Leitung steht“, so Christian Scholze. In seinem Seminar betonte Scholze zu Beginn jedes Semesters immer, dass der Aufwand dafür die Anforderungen in anderen Seminaren übersteigt – ein Grund, weshalb einige Studierende frühzeitig im Semester die Gruppe wieder verließen. Diejenigen, die bis zur Aufführung dabei blieben, investierten viel Zeit: „Die Entwicklung einer Produktion bedeutet gerade in den Wochen vor der Premiere fast tägliches Proben. Da geben die Studierenden allein in den letzten drei Wochen vor den Vorstellungen locker mehr Zeit als in anderen Seminaren im ganzen Semester. Sie tun das mit extrem viel Herz“, so Scholze.

Nach 12 Jahren soll das engagierte  Projekt nun enden. „Ich selbst bedaure diese Entwicklung sehr, da wir Herrn Scholze und der Gruppe Des Pudels Kern viele gelungene Aufführungen verdanken“, so  Clemens Kammler, Direktor des Instituts für Germanistik, auf Anfrage der akduell. Von der voraussichtlichen Auflösung der Gruppe erfuhr Christian Scholze zwei Tage nach der letzten Aufführung .

Zu wenig Interessent*innen?

Als Grund für die Beendigung des Arbeitsverhältnisses mit Scholze nennt Kammler neue und strengere Kriterien bei der Vergabe von Lehraufträgen. Im letzten Semester hätten sich nur vier Studierende für das Seminar angemeldet, weshalb es vom Fach nicht mehr genehmigt werden könne: „Ich selbst habe Herrn Scholze schon Anfang des Jahres auf das Problem aufmerksam gemacht, als mir von Seiten der Geschäftsführung unseres Faches mitgeteilt wurde, dass eine Lehrveranstaltung mit so wenigen Teilnehmern  auf Dauer nicht mehr finanziert werden könne“, so Kammler. Scholze bestätigt das gegenüber der akduell, betont jedoch, dass er dem Geschäftsführenden Direktor des Instituts für Germanistik noch im Mai Vorschläge gemacht habe, wie wieder mehr Studierende für die Theatergruppe gewonnen werden könnten. Diese hätten natürlich erst im kommenden Wintersemester umgesetzt werden können: „Dass jetzt der Schlussstrich kommt, ist schon überraschend und deprimierend“, meint der Regisseur Christian Scholze. Kammler hingegen beschreibt, dass bereits die Verlängerung des Lehrauftrages in diesem Semester ein Entgegenkommen gewesen sei: „Wir haben den Lehrauftrag dann noch einmal verlängert, in der Hoffnung, dass sich die Situation ändert, aber es ist leider bei der geringen Nachfrage geblieben.“

Entgegen der niedrigen offiziellen Teilnehmer*innenzahlen erzählt Eva Wodtke, die seit zehn Jahren Mitglied der Theatergruppe ist, dass sich ungefähr zehn Personen jedes Semester an den verschiedenen Produktionen beteiligen. Die Anzahl würde jedoch auch externe Personen einschließen, die nicht eingeschrieben sind und sich daher auch nicht über das LSF anmelden könnten. „Das ist das Fatale: Wenn man sich nur auf diese Statistiken konzentriert, um Ansatzpunkte zu finden, Gelder zu kürzen“, kritisiert Wodtke. Auch Scholze hat sich dafür eingesetzt, dass die Studierenden, die sich für Theater begeistern können, weiterhin die Möglichkeit bekommen an eigenen Produktionen innerhalb des Institutes mitzuwirken und hat kein Verständnis für die Entscheidung gegen das Theaterseminar: „Kunst und Kultur kann nicht anhand von Zahlen und Statistiken bewertet werden“, findet er.

Kooperation mit Flüchtlings­initiative

Neben den Ehemaligen, die an den Produktionen mitwirken und eben nicht offiziell angemeldet sind, gab es im letzten Semester auch eine Kooperation mit der Diakonie. Im Rahmen dieser Zusammenarbeit haben Geflüchtete aus Eritrea und Syrien bei der Theatergruppe mitgemacht. Für die Gruppe junger Geflüchtete war das eine Möglichkeit sozialen Anschluss zu finden, berichtet Scholze und es war eine Bereicherung für die gesamte Gruppe: „Für die Teilnehmenden bot sich die Chance Eindrücke zu sammeln, wie die Integration von Flüchtlingen zu bewältigen ist“, so Scholze weiter. „Einige haben auch bei den Vorstellungen aktiv auf der Bühne mitgespielt. Es war toll zu sehen, wie sie sich entwickelt haben und ihre Situation für ein paar Stunden vergessen konnten. Darüber hinaus hatten wir auch oft viele Erasmusstudierende in unserer Gruppe zu Gast“, ergänzt Eva.

Die abschließenden Vorstellungen am Ende des Semesters waren meist gut besucht: „Wir haben nie vor einem leeren Saal spielen müssen und wurden auch für Projekte außerhalb der Universität angefragt, wie zum Beispiel für Vorführungen von abiturrelevanten Stücken in Schulen wie Kabale und Liebe von Schiller“, sagt Eva. Für sie geht mit dem Ende der Theatergruppe nicht nur eine großartige Gemeinschaft verloren, sondern vor allem „ein Ort an dem man sich ausprobieren kann, wo man die Möglichkeit hat, vielleicht neue Seiten an sich zu entdecken.“

Ob und wie es mit der Theatergruppe der Germanistik weiter gehen kann ist unklar. Ein Gesprächsangebot von Clemens Kammler an Christian Scholze hat es inzwischen gegeben, jedoch schürt das nur wenig Hoffnung für die Mitglieder von Des Pudels Kern: „Professor Kammler hat uns all die Jahre durch den Lehrauftrag erst die Existenz gesichert, andererseits verweist er in allen Mails darauf, dass er nur bedingt zuständig ist. Das ist etwas schwer einzuschätzen. Das Gespräch kann erst Ende August stattfinden, wenn ich das richtig sehe, sind dann die Lehraufträge für das nächste Semester vergeben“ so Scholze. Mit dem Wegfall der Theatergruppe wird ein kulturelles Angebot der Universität eliminiert, das Studierenden nicht nur theoretisch, sondern praktisch Einblick in wichtige literarische Werke gab. Christian Scholze ist der Überzeugung, dass „jede Universität nicht nur ein Interesse daran haben sollte, eine Theatergruppe zu haben, sondern eigentlich eine Verpflichtung dazu hat, als Teil des Bildungsauftrags.“ Mit zwei englischsprachigen Theatergruppen an den Campi bleibt den Studierenden in Duisburg und Essen zwar Shakespeare – schön wäre es jedoch auch weiterhin Schiller, Goethe oder Kafka auf den Bühnen der Uni sehen zu können.