Kulturbonzen-Minifestival

Die Frontfrau von Peaches heizt die Stimmung in der Halle mit interaktiven Spielen ein.  (Fotos: BRIT)

Die Frontfrau von Peaches heizt die Stimmung in der Halle mit interaktiven Spielen ein. (Fotos: BRIT)

Die Ruhrtriennale, das interdisziplinäre Festival für Musik, Tanz, Theater und Installation, wird nach dem Erfolg 2015 erneut um eine Facette erweitert: Die Ritournelle. Vergangenen Samstag feierten viertausend Besucher*innen ausgiebig auf dem charmant-historischen Industriegelände der Jahrhunderthalle in Bochum zu Club-Underground und Pop Gesten. Das Line-Up war mit Peaches, Moderat und Co fernab des Mainstreams angesiedelt, die Eintritts- und Getränkepreise hingegen weniger. Außerdem führten kuriose Jugend-Performances und das Motto der Veranstaltung ebenfalls zu Verwirrung.

Um 16 Uhr öffneten die zwei Eingangsbereiche endlich ihre Pforten und die Besucher*innen wurden von dem in der lokalen Clubszene bekannten Gesicht Ahmet Sisman an der Wasserturm-Stage mit elektronischer Tanzmusik in Empfang genommen. Bereits im vergangenen Jahr übernahm der musikalische Kurator den Veranstaltungsauftakt und installierte den aus Essen stammenden Goethebunker-Floor auf dem Gelände.

Neben diesem boten die Mainstage und die Turbinenhalle ebenfalls bis tief in die Nacht ein aufeinander abgestimmtes Musikprogramm. In den kurzen Pausen von den extravaganten Schredder-Beats konnte an den abwechslungsreichen, nicht gerade günstigen Gastronomie-Buden, mit Rotebeete-Burgern für sieben, Crêpes für vier bis hin zu Pommes für drei Euro verweilt werden. Insgesamt fünf Theken übernahmen die Getränkeversorgung und hielten Bier (0,3l) für drei, Wodka Lemon für sieben und Limo für drei Euro bereit. Das Resümee zum Thema Verpflegung: Geschmacksvarianzen erfüllt! Das Manko: Die bereits stolzen Eintrittspreise von 45 oder ermäßigten 23 Euro setzten sich bei der Beköstigung fort. Eine Preislage, die man eher von Massenfestivals wie beispielsweise Parookaville oder Nature One gewohnt ist und wenig mit dem Kultur-Motto „Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit“, der diesjährigen Ruhrtriennale zu tun hatte. Schließlich wolle man die Werte der Aufklärung, laut Intendant Johan Simons, kritisch beleuchten und „dieses Fest der Umarmung“ auf zunehmende Solidarität ausrichten. So verkündet Simons in seiner Heftansprache: „Unsere Solidarität mit anderen endet oft dort, wo es für uns selbst unbequem wird.“ Eher unbequem wäre es wohl auch für die profitorientierten Veranstalter*innen geworden, ein Publikum abseits von Kulturbonzen oder Studierenden zu involvieren.

Machtgebiet: Teentalitarismus

Besonders dubios wurde es dann auf dem Vorplatz der Jahrhunderthalle, auf dem Teentalitarismus, eine Gruppe von knapp 40 Jungendlichen, eine veranstaltungsunabhängige Area errichtet hatten. Trotz der allgemeinen Altersbeschränkung von 18 Jahren durften die Teilnehmer*innen hier bis 20 Uhr anwesend sein. Was auf den ersten Blick ganz lustig anzusehen und daher auf positive Resonanz bei den Besucher*innen stieß, erschien auf den zweiten wie ein autoritäres Machtspiel. Die Polizei, zwei Mädchen im Militäroutfit, gewährten Neueinsteiger*innen willkürlich den Gruppenzugang über ein Visum. Während der Spiele kontrollierten sie außerdem, ob spezielle Regeln wie beispielsweise konstantes Lächeln von den Mitgliedern befolgt wurden. Bei Nichteinhaltung dieser folgten Sanktionen wie öffentliche Bloßstellungen via Megaphon oder Social Media und gelegentlich kam auch die im Trailer platzierte Pole Dance Stange zum Einsatz.

Direkt daneben befand sich das Kunstdorf „The Good, the Bad and the Ugly“, das aus körpergroßen, spuckenden Drahtgesichtern, einem begehbaren und mit Couches ausgestatteten Mastdarm und sporadisch zu Werkstätten umfunktionierten Containern bestand. Für die Kulturbanaus*innen im Publikum half dann das Programmheft weiter: In allen Fällen handle es sich um Großinstallationen von dem in Rotterdam liegendem Künstler*innenkollektiv Atelier van Lieshout.

Musikalische Gegenwartsdiagnose

An der Wasserturm-Stage wird zu feinsten Electro-Beats ausgiebig getanzt.

An der Wasserturm-Stage wird zu feinsten Electro-Beats ausgiebig getanzt.

Eingebettet in diesen verrückt-chaotischen Ort war das Refektorium, in dem Jens Balzer ab 20 Uhr einen Teil aus seinem Buch „Pop. Ein Panorama der Gegenwart“ vorlas. Von Helene Fischer über queeren Pop, der Männlichkeitskultur des Hip-Hops bis hin zum Minimal-Technorausch im Berliner Berghain: Für den Journalisten reagiert keine Kunstform so direkt auf die Verfasstheit unserer Zeit wie die Musik. Im rasenden Tempo würde diese hinsichtlich der zunehmenden Digitalisierung und unbegrenzten Möglichkeiten mitziehen.

Richtig in Fahrt kamen die Besucher*innen an diesem Festivaltag allerdings erst ab 22 Uhr vor der Mainstage im Gebäude der Jahrhunderthalle. Peaches, die kanadische Electroclash-Sängerin und Produzentin gilt als sogenannte Elder Stateswoman und begeisterte ihr Publikum mit postfeministischen Texten und skurrilen Bühnenperformances. Während die Frontfrau auf Crowdsurfing setzte, wurde sie von ihren als Vagina verkleideten Tänzer*innen tatkräftig unterstützt. Die Menge kreischt Hits wie Lovertits oder Kick It laut mit.

Abgelöst wurde Peaches dann gegen Mitternacht von Moderat, dem Headliner des Abends. Das Gemeinschaftsprojekt von Sascha Ring (Apparat), Gernot Bronsert und Sebastian Szary (Modelsektor) fuschte musikalisch etwas und ist sowohl im Techno-Club als auch in den internationalen Charts zu Hause. Das anfangs temporäre Projekt machte seinen Ruf als Electro-Supergroup an diesem Abend dann amtlich und brachte die Ritournellebesucher*innen erhöht in Wallungen.

Nachtschwärmer*innen wurde auf der ehemaligen Gaskraftzentrale überraschenderweise bis 5 Uhr feinster Trash-Electro und Deephouse geboten. Obwohl die Musiker*innen anfänglich nur für 3.40 Uhr angesetzt waren, hielten Tanzbegeisterte die Security davon ab den Stecker zu ziehen. Ben UFO versetzte seine Zuhörer*innen am Ende des Abend nochmals in Ekstase. Die Location als auch das Line-up blieben an diesem Abend konstant speziell und konnten sich sehen lassen. Das Drumherum war allerdings ungelungen.