Rest In Peace, dear Sommerloch

Wo ist die Sonne? Wo? (Foto: bjg)

Wo ist die Sonne? Wo? (Foto: bjg)

Die Zahl derer, die mit dem Wort „Sommerloch“ überhaupt noch etwas anfangen können, scheint stetig zu sinken. Für alle Unwissenden: Es ist die Zeit, in der alles stillzustehen scheint. Pause von der Schule, von den Nachrichten, von der Politik. Das einzige, was wochenlang passiert: Nichts. Dass diese Zeit nun endgültig passé ist und sich die Semesterferien auch immer mehr in einen Schreibmarathon verwandeln, lässt sich kaum noch verneinen.

Man erinnert sich nur zu gerne an die warme und sonnige Zeit zurück, in der die Nachrichten von Tier-Stories oder Royal-Weddings beherrscht wurden. Oder es einfach noch anständige „An-den-See-gehen“-Temperaturen gab. Hach ja, das Sommerloch. Die Zeit des Jahres, in der wirklich niemand Lust hatte, seinem Job nachzugehen oder sich um wichtige Dinge zu kümmern. Neben einer zu salzigen Portion Pommes mit Mayo im Freibad war letztendlich das größte Problem ob wieder jemand ins Becken gepinkelt hatte oder der Schutzfaktor der Sonnencreme ausreichte. Das klingt erst einmal sehr verklärt und natürlich kann niemand den Lauf der Welt mit einer beliebigen Jahreszeit anhalten. Doch durch die immer mehr zunehmende Eilmeldungsflut auf den Mobiltelefonen lässt sich so etwas wie ein Sommerloch kaum noch erreichen. Die Nachrichten verlieren an emotionalem Wert, weil es so viele geworden sind, dass man kaum noch entscheiden vermag, was nun tatsächlich wichtig ist oder „Eil“-Wert hat.

Nun schaltet man entweder alle elektronischen Mitbringsel aus, lässt nichts und niemanden an sich ran und lenkt Gespräche in nachrichtenarme Richtungen. Oder man kündigt allem, was „schlechte Nachrichten“ verbreitet das Abo und läuft Gefahr, Wichtiges zu verpassen. Doch um das Entgiften des eigenen Digitalwesens geht es hier gar nicht, sondern um das Wissen, dass die Welt, virtuell und analog, ein schwieriger Ort ist. Neben Hetzkommentaren, brennenden Häusern und inhaltslosen Parolen in Funk und Fernsehen fällt abschalten einfach schwer. Denn Fakt ist auch, dass ein Sommerloch nur in der eigenen Wahrnehmung existiert. Hinzu kommt ja auch noch der Druck, so schnell wie möglich das Studium zu beenden. Stichwort utopische Regelstudienzeit und Nachweise für Ämter.

So kann es schon mal vorkommen, dass Studierende in den Semesterferien hinter Büchern und Laptops versteckt in der Bibliothek sitzen. Wehleidig werden Seiten geblättert und in die Tastaturen gehauen – aber für wen der ganze Stress? Pauschalisierend lässt sich das natürlich nicht beantworten, denn jede*r Studierende hat andere Beweggründe. Oft sind es die Eltern, Creditpoints oder Nachweise für das BaFög-Amt, oft möglicherweise aber auch die eigene überspannte Motivation. Wenn es soweit geht, dass man in der Bibliothek über den Büchern einschläft, aus denen man Seiten kopiert hat, um sie später im Ordner des ewigen Vergessens abzuheften, dann läuft irgendetwas falsch. Die Frage ist am Ende, wie weit man sich von der Uni unter Druck setzen lässt und wann man sagen kann: „Okay, Moment. Vielleicht sollte ich doch lieber zu Hause schlafen.“ Denn im Endeffekt nickt man dort, weil man Angst hat, den ach so komfortablen Platz mit Steckdose zu verlieren.

Wäre also das Einführen des persönlichen Sommerlochs eine Art Rebellion? Trotz der Abwesenheit des gelben Punktes am Himmel? Es ist kein Abschalten und sich dem Nachrichtenfluss verweigern per se, sondern ein temporäres Loslassen. Das ist natürlich nicht einfach, aber mindestens genau so wichtig wie das alltägliche Diskutieren und Hinterfragen. Manchmal braucht man eine Pause und das ist völlig in Ordnung. Selbst wenn es in der Form eines vermeintlichen Sommerloch-Artikels geschieht.