Verschiedene Gesichter des Terrors

Die Münchener*innen trauern um die neun Opfer der Gewalttat. (Foto: Px4u by Team Cu29/flickr.com/CC BY-NC 2.0)

Die Münchener*innen trauern um die neun Opfer der Gewalttat. (Foto: Px4u by Team Cu29/flickr.com/CC BY-NC 2.0)

Würzburg, München, Ansbach – die schweren Gewalttaten der vergangenen Woche werden zwar zumeist in einer Reihe genannt, dennoch werden sie unterschiedlich bewertet. Während die Anschläge in Würzburg und Ansbach als islamistisch eingestuft wurden und daher als Terror angesehen werden, entspricht die Tat in München einem Amoklauf. Der Grund: Das Motiv dahinter sei unpolitisch gewesen. Ermittlungen hingegen belegen jüngst eine rechtsradikale Einstellung des 18-jährigen Müncheners David Ali S., der gezielt Menschen mit Migrationshintergrund zu seinen Opfern machte.

Die einzigen Gemeinsamkeiten, die die mutmaßlichen Täter laut aktuellen Stellungnahmen von Polizei und Politiker*innen verbinden: Sie sind männlich und schlugen einzeln zu. Aus psychologischer Sicht werden sie daher als sogenannte „lone wolfs“ (aus dem Englischen ins Deutsche übersetzt als einsame Wölfe) bezeichnet, die sich von ihrem Umfeld und den Sicherheitsbehörden unbemerkt radikalisiert haben. Ob sie durch Dritte im Hintergrund Unterstützung erhielten und in welchem Ausmaß diese stattfand, ist zurzeit noch Untersuchungsgegenstand.

Weitere Parallelen könnten lediglich zwischen dem traurigen Vorfall in Würzburg und Ansbach festgestellt werden, da beide von der Terrormiliz „Islamischer Staat“ für sich beansprucht wurden. Ein 17-jähriger Geflüchteter hatte am 25. Juli in einem Regionalzug vier Menschen mit einer Axt und einem Messer attackiert. Auf der Flucht wurde der Täter von Polizist*innen erschossen. Laut neusten Informationen der Nachrichtenagentur dpa habe der Jugendliche unmittelbar vor seiner Tat eine Person im Nahen Osten kontaktiert. Da der Verlauf verschlüsselt gewesen sei, könnten die zuständigen Ermittler*innenkreise noch keine genaueren Angaben zur Kontaktperson äußern. Laut Bayerns Innenminister Joachim Herrmann gibt es dahingehend Übereinstimmungen mit dem 27-jährigen syrischen Selbstmordattentäter in Ansbach. Dieser erhielt bis kurz vor seinem ausgeübten Bomben-Anschlag auf einem Musikfestival, bei dem 14 Menschen verletzt wurden, ebenfalls Anweisungen aus dem Nahen Osten. „Es habe offensichtlich einen unmittelbaren Kontakt mit jemandem gegeben, der maßgeblich auf dieses Geschehen Einfluss genommen hat“, äußerte Herrmann dazu öffentlich.

Rechter Terror?

Der 18-jährige David Ali S. hatte in München neun Menschen vor dem Olympia-Einkaufszentrum erschossen, nahm sich schließlich selbst das Leben und wird trotz widersprüchlichen Indizien weiterhin als Amokläufer gehandelt. Eine Bezeichnung, die in diesem Fall irreführend ist, da der Täter, wie es der Begriff suggeriert, weder blindwütig in einem psychischen Ausnahmezustand handelte, noch plötzlich oder willkürlich Personen angriff. Jedes seiner neun Todesopfer hatten einen Migrationshintergrund, unter denen sich vier Türkischstämmige und drei Kosovo-Albaner*innen befanden. Innenminister Herrmann bestätigte zudem Medienberichte, nach denen David Ali S. eine rechte Weltansicht hatte. Er habe Adolf Hitler verehrt und es als sein persönliches, besonderes Schicksal empfunden auch am 20. April geboren zu sein. Ebenfalls stolz soll er auf seine deutsch-iranische Identität gewesen sein, die er nach der nationalsozialistischen Ideologie als arisch auslegte. Seinen Fremdenhass gegenüber türkisch- und arabisch-stämmigen Menschen könne, nach Berichten der Münchner Abendzeitung zufolge durch Chat-Kommentare in Online-Spielen wie „Scheiß Deutschland wird überfüllt mit Muslimen“ unbestritten belegt werden. Zudem habe der Jugendliche laut aktuellen Ermittlungen mit der AfD sympathisiert und den norwegischen, rechtsradikalen Massenmörder Anders Breivik angehimmelt. Der Münchener Polizeipräsident Hubertus Andrä bestätigt den Zusammenhang zwischen dem fünften Jahrestag der Breivik-Anschläge und dem Gewaltdelikt in München dem Bayrischen Rundfunk gegenüber: „Diese Verbindung liegt auf der Hand.“ Das Vorbild des vermeintlichen Amokläufers, Anders Behring Breivik hatte ebenfalls am 22. Juli 2011 aus rechten und islamfeindlichen Motiven in Oslo und auf der Insel Utøya 77 Menschen getötet.

Videoaufzeichnung belegt Fremdenfeindlichkeit

Ein Video, das von einem Augenzeugen kurz nach den Schüssen gefilmt wurde offenbart ebenfalls die rechtsradikale Einstellung des 18-Jährigen. „Scheiß Türken“ schreit er von einem Parkdeck, woraufhin dieser von einem weiteren Augenzeugen ebenfalls rassistisch beleidigt wird. Kurz darauf erschießt er sich in der Nähe des Tatorts. David Ali S., ein Rassist, der selbst rassistischer Diskriminierung ausgesetzt war – eine paradoxe Situation, die bezeichnend für sein Leben gewesen sein soll. Ein näherer Bekannter beschrieb ihn in einem Interview mit Spiegel-TV als einsamen Außenseiter, der auf seine für ihn feindlich wahrgenommene Umwelt nicht selten aggressiv reagierte.

Trotz der rechten Einstellung von David Ali S. gehen die Ermittler*innen weiterhin von einem unpolitischen Motiv aus. Um diese Entscheidung mit Beweisen zu untermauern ziehen diese ein von ihm hinterlassenes Schriftstück heran, in dem er sich vor allem über seinen schulischen Alltag, sein regionales Umfeld und seine psychische Erkrankung auslässt. Auch wenn sich die mutmaßliche Ursache seiner Tat darauf zurückführen lässt, so bleibt die gezielte Auswahl seiner Opfer offen im Raum stehen und dadurch unerklärt. Spielt sein Menschenhass, insbesondere gegenüber Personen mit türkischen oder arabischen Wurzeln keinerlei Rolle? Kritiker*innen werfen der Justiz und Politik daher die gezielte Vertuschung der rechten Gesinnung des Täters vor.  Was zunächst aus mangelnden Informationen resultierte und aus pragmatischen Gründen auf einen Amoklauf hätte schließen lassen können, entspreche inzwischen lediglich einer Irreführung der Öffentlichkeit. Um zukünftig eine angemessene Präventionsarbeit leisten zu können, sei es daher dringend erforderlich durch die richtige Einordnung der Gewalttat, die Bevölkerung dahingehend zu sensibilisieren, äußerte das Migazin.

In der Trauerrede am vergangenen Sonntag im Münchner Dom wendet sich vor allem der Bundespräsident Joachim Gauck an die Hinterbliebenen der neun Opfer und betont die Schwierigkeit, die Gewalttaten voneinander zu trennen. „Wir können nur noch schwer auseinander halten, ob eine Tat im Namen einer Religion oder einer Ideologie begangen wurde, aus Fanatismus, Nationalismus oder Rassismus“, so Gauck. Auf eine Differenzierung müsse und sollte man sich allerdings unbedingt einlassen.