Youtube’s sexistisches Erfolgsmodell

Youtuberin Bianca Heinicke (rechts) vertreibt eine eigene Produktlinie bei dm. (Foto: Wikimedia Commons 0.0)

Youtuberin Bianca Heinicke (rechts) vertreibt eine eigene Produktlinie bei dm. (Foto: Wikimedia Commons 0.0)

Wer hätte das gedacht: Durch einen überragend recherchierten Artikel wurde nun aufgedeckt, dass die deutsche Youtube-Szene sexistischer ist als so mancher Mittelklasse-Comedian aus Berlin. Frauen zeigen in ihren Videos also wie man richtig kocht und sich hübsch macht, Männer hingegen dürfen witzig sein oder am Computer die neuesten Gaming-Hits ausprobieren. Dass das aber nicht das einzige Problem der millionenschweren Szene ist, vergessen die Meisten.

Schminktutorials für Mädchen und „Let’s Play“-Videos für Jungs – hach, die Welt ist so schön einfach! Nicht. Über die Sozialen Medien erreichen die selbst erkorenen Youtube-Sternchen ein Millionenpublikum, vorwiegend Teenies, die gerade in die Pubertät gekommen sind. Aufruf- und Abonnent*innenzahlen von denen mancher Fernsehsender, der sich im selben niveautiefen Metier bewegt, nur träumen kann. Aber vermutlich würden besagte TV-Anstalten nicht einmal so weit gehen und ein „Youtuberinnen-Titten-Memory“ entwerfen. Ja, richtig gelesen. Ein Karten-Aufdeck-Spiel, bei dem jeweils zwei gleiche Bildchen der Oberweite von weiblichen YouTube-Stars zusammengelegt werden müssen. Und dabei sah sich diese Web-Video-Szene als Gegenpol zu den veralteten Fernseh- oder Printmedien. Nun haben sich aber Formate entwickelt, die so unfassbar oft angesehen und angeklickt werden, dass es nur noch gruselt.

Neben besagtem Memory wurde weiterer extraklassiger Content entwickelt, der sich unter anderem damit beschäftigt, „worauf Frauen bei Männern stehen“ oder was es zu bedeuten hat, wenn „Mädchen einen Meter Haut zeigen“ und somit dann „Schlampen“ seien, so der O-Ton der Ex-Monrose-Sängerin Senna. Weiterhin spricht sie von Sex mit den Worten „Du darfst dem Typen nicht direkt deinen Cookie geben! Sonst ist er zu schnell satt“ – eine Aussage, die man gerne in den Ordner mit dem Titel „gescheiterte Metaphern“ abheften und für immer vergessen wollen würde.

Den Youtuber*innen Seximus als einziges Problem vorzuwerfen, wäre ein bisschen zu wenig. Tatsächlich spielen ihre Manager*innen und die Positionierung von Werbung eine ebenso wichtige und perfide Rolle. Beispielsweise warben einige Video-Sternchen damit, unter dem Hashtag #wireinander von einem professionellen Kamerateam unterstützt zu werden. De facto sollte diese Aktion aber einzig und allein dazu dienen, neue Mitglieder für die Techniker Krankenkasse zu werben. Erstmal kein Skandal, das einzig Verwunderliche daran ist nur, dass diese Werbung eben nicht als solche ausgeschrieben wurde. Und wer sich dann diesen Werbespot anschaut? Ach, gerade mal anderthalb Millionen Menschen.

Taschengeld adieu!

Damit nicht genug. Selbst politisch positioniert sich ein Youtuber und macht offen Werbung für die AfD. Wer denkt, dass solche Videos nicht so viele Leute erreichen, der sollte sich vor Augen führen, dass der Kanal des Werbung betreibenden „Dner“ mehr Abonnent*innen hat als acht der größten deutschen Tageszeitungen zusammen (in Zahlen: 1,7 Millionen).
Der echte Goldesel steht aber im Keller der Youtuber*innen, die mit ihren eigenen oder Produkten von namenhaften Firmen werben. So wurden Deals ausgehandelt, dass beispielsweise bei einer verkauften Uhr 10 Prozent der Einkünfte an die Manager*innen und ihre Künstler*innen gehen. Natürlich geht das auch mit anderen Accessoires oder Pflegeprodukten. Da kommt einiges an Geld zusammen. Die Zuschauenden werden damit gelockt, unbedingt das Video bis zum Ende zu schauen, da es eine tolle Verlosung gibt. Somit merken die Meisten vermutlich gar nicht, wie viel Schleichwerbung sie ertragen. Das ganze Ersparte wandert in die Taschen von vermeintlichen Internet-Stars und ihren Manager*innen, weil sie ja bekanntlich sehr lässig sind. Und wer möchte nicht so trendy und angesagt sein und über eine Millionen Abonnent*innen haben?