Aufruhr im Schilderwald

Das neue Schild reiht sich gefällig ins Straßenbild ein (Foto: Konzeptkünstler*in)

Das neue Schild reiht sich gefällig ins Straßenbild ein (Foto: Konzeptkünstler*in)

Wenn ihr in den letzten Tagen im Essener Süden unterwegs wart, dürftet ihr einem erfrischend ehrlichen Statement über den Weg gelaufen sein: „Diese Ampel kann auch mehrere Stunden rot sein. Bitte um Ihre Geduld“. Das Schild – trotz höflicher Sie-Form – entspricht keineswegs der StVO und entsprang auch nicht der Feder der Straßenverkehrsbehörde. Lorenza Kaib sprach mit der für den Schild(bürger)streich verantwortlichen kreativen Person, die im folgenden der Anonymität und Einfachheit halber „Konzeptkünstler*in“ genannt wird.

Lorenza Kaib: Was war dein Antrieb, die Straßenverkehrsordnung ein bisschen durcheinander zu bringen?
Konzeptkünstler*in: Es handelte sich eigentlich um ein konzept-künstlerisches Experiment in dem ich versuchen wollte, den Menschen, die an einer Ampel warten, diese Zeit bewusst zu machen. Wie die WAZ schon recherchierte, sind die Ampeltaktungen manchmal ziemlich absurd und man selbst hat es ja auch schon erleben dürfen, dass man ewig an einer roten Ampel steht. Zu beobachten war, wie ungehalten die Menschen wurden, andauernd die Uhr zückten und rechts links blickend nach einer Lücke im Verkehr suchten, um doch bei rot zu gehen.

Lorenza Kaib: Was hältst du von adbusting, wie es beispielsweise Dies Irae betreibt, oder Aktionen von Barbara – waren das Inspirationsquellen für dich?
Konzeptkünstler*in: Naja, von den beiden Streetart-Künstler*innen gibt es einige Arbeiten, die ich eher als sehr platt empfinde. Andere Arbeiten haben wiederum einen gewissen Witz, weil etwas Wahrhaftes daran ist. Inspirieren lassen hab ich mich darran aber tatsächlich nicht. Ich wusste nur, dass ich in irgendeiner Form in den Alltag und die Situation, in denen die Menschen warten, eingreifen muss und dass man sich auch ein wenig an der Arbeit reiben sollte. Lustigerweise gab es ein offizielles Schild mit ähnlichem Aufdruck vor dem Gotthardtunnel, als dieser nur einspurig befahrbar war. Dort musste man früher warten, bis der nur in eine Richtung befahrbare Tunnel wieder frei wurde. Das konnte dauern.

Lorenza Kaib: Wie bist du vorgegangen?
Konzeptkünstler*in: Als erstes mussten die Maße, Material und die Schrift der Schilder passen. Auch die Proportionen waren wichtig. Denn entscheidend war, dass die Schilder so echt wie möglich daherkommen. Man sollte im ersten Moment — und besonders von der anderen Straßenseite — nicht an der Autorität der Schilder zweifeln. Der Rest war Handarbeit und die Suche nach passenden Ampeln.

Lorenza Kaib: Hast du den Coup allein gemacht oder waren Kompliz*innen mit dabei
Konzeptkünstler*in: Ganz alleine geht sowas natürlich nicht.

Lorenza Kaib: Freust du dich über die bisherige Resonanz der Aktion? Es scheint ja so, als hätte sie die Stadt dazu bewegt, die Ampeltaktungen zu überprüfen und zu ändern.
Konzeptkünstler*in: Ich finde es sehr lustig, in welche Richtung sich diese Installation entwickelt hat und ich freue mich natürlich auch, dass die Aktion ein solches Stadtgespräch geworden ist. Wäre doch super, wenn die Folge wäre, dass Fußgänger*innen im Straßenverkehr mehr Berücksichtigung fänden. Wie schon gesagt, mein Intention war es aber nicht.

Lorenza Kaib: Was du gemacht hast, ist nicht legal. Machst du dir Sorgen wegen möglicher strafrechtlicher Verfolgung?
Konzeptkünstler*in: Ja, dass es nicht legal ist, Schilder irgendwo aufzuhängen, war mir klar und entsprechend vorsichtig musste es geplant werden. Ich hoffe einfach mal, dass es nicht schief gehen wird.

Lorenza Kaib: Was ist deiner Meinung nach wichtig für so einen Schild-Coup?
Konzeptkünstler*in: Sich vorher erkundigen, was das für Folgen es haben kann und sich natürlich nicht erwischen lassen. Dann ist es auch klug, nur Sachen zu verändern oder auf Schilder zu schreiben, die irgendwie Sinn ergeben und nicht bloß ein langweiliger und platter Spruch sind. Sonst lohnt es sich auch nicht, wenn man dann doch erwischt wird. Dann ist es nämlich nur ärgerlich.

Lorenza Kaib: Planst du weitere solcher Aktionen?
Konzeptkünstler*in: Könnte schon sein, das es da noch die ein oder andere Aktion geben wird. Haltet die Augen offen!