Bildreihe Ruhrpott

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Im Trailer zu sehen: Zum schrägen Eck. Eine Kultkneipe im Ruhrgebiet und Lieblingsort der Mülheimer Film-Neueinsteiger. (Foto: BRIT)

Drehschluss: Die Mülheimer Filmemacher Alexander Waldhelm, Stefan Glagla und Michael Mölders können sich ab sofort an die zeitaufwendige Nachbearbeitung des Materials machen. Das Projekt „Pottkinder – Ein Heimatfilm“ ist nach sechs Wochen Dreharbeit und fast zwei Jahren Vorbereitung endlich im Kasten. Das Ziel der Kino-Neueinsteiger: Eine Geschichte zum Lachen und Weinen, die sich irgendwo zwischen Dortmund und Duisburg bewegt, die diesen „ganz speziellen Charme“ und weitaus mehr als Trinkhallen, Fußball, Maloche und viel schwarzen Ruß zu bieten hat.

Die ganzen Sommerferien hat das langjährig befreundete Trio bei Hitze, Wind und Wetter am Set verbracht. Bedingt durch die große Anzahl von freiwilligen Unterstützer*innen musste schließlich das Sommerloch herhalten. Neben Alexander Waldhelm, der Regie führte und das Drehbuch schrieb, dem Kameramann Stefan Glagla und dem Musikbeauftragten und Hauptdarsteller Michael Mölders waren außerdem einige prominente Gesichter aus dem Ruhrgebiet vor Ort. An den letzten drei Tagen traten unter anderen der Bochumer Komiker Hennes Bender, Ladykracher-Kabarettistin Gerburg Jahnke und Sportmoderator Manni Breuckmann vor die Linse. Jetzt heißt es für die nächsten Monate: Sortieren, cutten, vertonen. Etwa 42 Tage Filmmaterial sollen schließlich zu einer kleinen Geschichte aus dem Pott mit guten und schlechten Zeiten werden, damit die geplante Premiere dann im Frühjahr in der Mülheimer Freilichtbühne stattfinden kann.

 Von der Idee zum Film

„Ich wollte schon immer mal ein Drehbuch schreiben“, so der Journalist und Filmliebhaber Waldhelm. Dieser Wunsch ist ihm dann eine lange Zeit im Hinterkopf geblieben, bevor er ihn verwirklichte: „Ich habe mir häufig Notizen über lustige Szenen gemacht, die man verfilmen könnte und sie zunächst gesammelt.“ Beruflich musste er für längere Zeit von Mülheim nach Düsseldorf fahren, da er in der Öffentlichkeitsarbeit für Elektromobilität im Wirtschaftsministerium tätig war. Während der An-und Abreise mit dem Zug hätte er sich ständig über die verlorene Zeit geärgert und wollte diese produktiver nutzen: „ Also habe ich angefangen, die kleinen Mitschriften zusammen zu schreiben.“ Ein halbes Jahr später berichtete der Journalist dem Fotografen Glagla dann von dem fertigen Werk. Dieser hegte schon länger Interesse an einer Spielfilm-Produktion und bot ihm deshalb augenblicklich seine Hilfe an. Das dritte Glied im Bunde ist Michael Mölders, der als  Waldhelms ehemaliger Bandkollege und Tonstudiobesitzer letztlich die Verantwortung für die Musik erhielt. Außerdem inspirierte er seinen alten Freund und übernahm eine der Hauptfiguren: „Die Rolle des Sohnes ist meinem gleichnamigen Freund sozusagen wie auf den Leib geschrieben.“

Portrait einer Ruhrpottfamilie

Der Student Michael ist also das Kind von Jörg und Inge: Zusammen sind sie die Klüsens. Als jahrelange Angestellter im Schreibwarenhandel und Alleinverdiener gehört Jörg mit seiner Familie zum bürgerlichen Durchschnitt. Seine Frau passt sich dem leider nicht seltenen Schicksal, dem klassischen, konservativen Rollenverständnis dieser Weltanschauung an und hängt ihren Job bei der Geburt ihres Sohnes direkt und für immer an den Nagel. „Als Michael, Mitte Zwanzig dann lange aus dem Haus ist, gerät sie zunehmend in die Situation der Depression“, so Waldhelm.  Neben dem eher Komisch-Lustigen sollte ein ernsterer Handlungsstrang thematisiert werden. „Angesichts der vier Millionen Betroffenen in Deutschland habe ich mich für die Depressionserkrankung entschieden“, so der Autor. Ihm sei dabei besonders wichtig aufzuzeigen, dass es sich um eine Krankheit und nicht um einen schlechten Tag oder eine Laune handle. „Die Menschen gehen zum Zahnarzt, weil sie Schmerzen haben und bei dieser Krankheit müssen sie es genauso, aber scheuen sich“, ergänzt er. Ein Zustand der sich auch im Film wiederspiegelt, denn Inge versucht es, so lange wie möglich zu verschweigen. Um die Realität abzubilden, konsultierte Waldhelm fachliche Meinungen aus seinem Bekanntenkreis. Befreundete Psycholog*innen stellten nicht nur das passende Motiv, die Praxis, zur Verfügung, sie checkten auch die  entsprechende Szenen noch mal inhaltlich gegen. „Wir wollen dadurch unbedingt vermeiden, dass sich Betroffene diskriminiert fühlen“, so Waldhelm.

Kamera-Aussicht

Neben der ärztlichen Einrichtung in Oberhausen sind viele weitere bekannte Revier-Kulissen zusehen. Auch die in der Nähe liegende Feuerwehr kam zum Einsatz. „Wir mussten uns da für eine besondere Szene einen Bus leihen“, so Waldhelm. Ein weiterer unverkennbarer Ort und das erste was man sieht, wenn man den östlichen Bahnhofseingang in Mülheim verlässt: Die drei  Wohntürme am Hans-Böckler-Platz. In einer der Stadtvillen wurde eine verwüstete Küche zum Filmset für eine entscheidende Schlüsselszene. Das persönliche Standort-Highlight für den Regisseur befand sich allerdings nicht im dreizehnten Stock: „Wir haben auf einer Poolanlage der Turnerschaft-Saarn gedreht. Das war eine wahnsinnige Herausforderung, da mal Wolken mal Sonnenlicht da war, für sich betrachtet ist das kein Problem. Wenn das aber im Sekundentakt wechselt, ist das eine Herausforderung!“ Die Besonderheit an diesem Ort allerdings weniger das flexible Bühnenbild sondern viel mehr der Profi. „Henry Meyer vom Theater Oberhausen spielt einen Pooltrainer. Ein wirklich fantastischer Auftritt“, verrät der Pott-Fan.