„Das brannte der Stadt unter den Nägeln“

Logo des Festivals

Logo des Festivals

Zum dritten Mal findet das Dortmunder Roma Kulturfestival Djelem Djelem statt. akduell-Redakteurin Lorenza Kaib sprach mit Berthold Meyer, Intendant des Theater im Depot Dortmund, über die organisatorische Arbeit hinter dem vom Kulturbüro und Land NRW geförderten Festival und die bisherige Entwicklung seit 2014.

ak[due]ll: Wie wird das Festival angenommen, kommen auch Besucher*innen außerhalb Dortmunds oder des Ruhrgebiets?
Berthold Meyer: Statistisch mit Zahlen hinterlegt kann ich das jetzt nicht sagen. In Dortmund entstehen gerade erst langsam die Strukturen einer Selbstorganisation. In Köln und Düsseldorf waren sie schon wesentlich weiter, darauf konnten wir zurückgreifen und dadurch kamen auch immer nicht nur teilnehmende Künstler sondern auch Besucher aus Köln, dem restlichen Rheinland und dem Ruhrgebiet. Der für mich faszinierendste Moment war, als wir nach dem Familienfest am Nordmarkt als Abschluss einen Film über eine polnische Romadichterin, Bronisława Wajs, gezeigt haben, die hier nicht sonderlich bekannt ist. Er wurde am Sonntag um 19 Uhr gezeigt, ein 135 Minuten langer Film, polnisch mit deutschen Untertiteln. Wir rechneten also nicht unbedingt damit, ein ausverkauftes Haus zu haben – am Ende mussten wir sogar Leute wegschicken, das Kino im Depot war komplett ausverkauft. Und ich weiß, dass da auch sehr Viele aus Köln, Duisburg, Essen und Düsseldorf gekommen sind.

ak[due]ll: Wie ist das Verhältnis zwischen politischen und künstlerischen Festivalbeiträgen?
Meyer: Ich glaube, das ist gar nicht nötig, es zu beziffern. Es ist genuin, dieser Gedanke, dass es politisch ist. Und dass es  in die Stadt hineinwirkt und inzwischen, wie wir aus verschiedensten Feedbacks heraus erfahren, auch über die Stadt hinaus wirkt. Das ist dem Thema einfach immanent. Das brannte der Stadt unter den Nägeln und das ist einfach ein politisches Thema, sobald man es in der Öffentlichkeit hat. Ansonsten sind die sozialen und die künstlerischen Aspekte – wo sie nicht sowieso verwoben sind – doch zumindest gleichberechtigt gewesen in diesem Festival. Das ist für meine Begriffe auch das Besondere und Wichtige.

ak[due]ll: Das Theater im Depot ist seit Anfang an mit dabei. Wie kam es zu der Zusammenarbeit?
Meyer: Das war mehr oder weniger eine Zufallsbegegnung und Glück, was dazu geführt hat. Es gab hier ein Treffen, wo sich einige soziale „Player“ der Nordstadt und einige andere Vertreter von Nordstadtinstitutionen mit einem Kollegen von mir, dem Marek Kot, getroffen haben. Da war unter anderem auch der Streetworker der AWO, Mirza Demirovic, dabei und es wurde die erste kleine Idee geboren: Man könnte doch mal etwas positiv Besetztes, etwas Kulturelles, mit den Neuzugewanderten aus Bulgarien und Rumänien hier in der Nordstadt machen, vor allem den romastämmigen. Das war vor drei Jahren, als es verstärkt Zuzug von dort gab und dieser auch in der öffentlichen Diskussion eine sehr große Rolle spielte — und wie wir wissen, leider nicht allzu positiv.  Die AWO war von Anfang an dabei als wichtiger sozialer Partner für uns und nach einer weiteren mehr oder weniger Zufallsbegegnung zwischen Ricarda Erdmann von der AWO und dem Kulturdezernenten Jörg Stüdemann kam es zum Kontakt mit der Stadt Dortmund. Dann hatten wir das Theater im Depot als Kulturort, die AWO als wichtigen sozialen Träger, der in der Nordstadt die Verbindung in die Community rein hat, die Stadt – die ja auch immer ein Türöffner ist – und ganz wichtig: die Selbstorganisationen und Romaverbände wie Terno Drom,  Carmen e.V. und Junge Roma Aktiv. Dadurch blieben dann viele Förderer „hängen“ und durch ihre kleineren und größeren Beiträge – Geld, aber auch ideelle Beiträge – wurde das erst klein angedachte Festival immer größer und konnte 2014 im September stattfinden. Es konnte die Nachhaltigkeit hergestellt werden, sodass wir es dieses Jahr zum dritten Mal machen können.

ak[due]ll: Sind Sie als Theaters vor allem in die Organisation des Festival eingebunden oder auch in die inhaltliche Konzeption?
Meyer: Beides. Das ist durchaus so, dass wir von Anfang an geguckt haben, dass alle Partner nicht nur organisatorisch sondern auch inhaltlich ihre Stärken mit einbringen. Es ist nicht nur ein Kulturfestival — und Kultur ist, wie wir wissen, viel mehr als nur Kunst — für die wir, nicht alleine aber doch federführend, zuständig waren. Als Theater wollten wir natürlich einen Theaterbeitrag haben, wir haben aber auch von Anfang an mit den Partnern einen Schwerpunkt auf Musik gesetzt. Filme waren auch von Anfang an mit dabei. Aber genauso wichtig ist der soziale Aspekt. Deshalb gibt es die Fachtagung, Diskussionsveranstaltungen und den Partner Planerladen, wo Ali Sirin (Jugendforum Nordstadt) mit eingebunden ist und die Auslandsgesellschaft NRW ebenso. Wir hatten immer eine Mischung aus Kunst und sozialen Beiträgen. Und für die Kunst waren wir teilweise als Ort, teilweise auch inhaltlich mitverantwortlich

ak[due]ll: Haben Sie das Gefühl, dass sich durch Djelem Djelem auch über die Festivaldauer hinaus etwas verändert?
Meyer: Ja, definitiv. Ich habe ja schon gesagt, dass sich in Dortmund inzwischen ein wenig tut, was die Selbstorganisation und Selfempowerment der Roma angeht. Das war vor dem Festival sehr wenig bis gar nicht vorhanden. Da hat sich etwas getan — durch die Öffentlichkeit, durch das Zusammenbringen verschiedener Leute, mit dem Festival als Ort und Möglichkeit dafür, die Aufmerksamkeit, die auf das Thema gelenkt wurde. Das hat auch Partner wie unsere Förderer, die Stadttöchter EWG, die SW und die DOgewo, die für Wohnen zuständig sind, ins Boot geholt.

ak[due]ll: Was ist Ihr persönlicher Festivalliebling?
Meyer: Eine gemeine Frage — bei so vielen Veranstaltungen ist das schwierig zu beantworten. Wir haben den starken Aspekt der Musik und das beginnt mit dem Konzert der Balkan Brass Band Fanfare Ciocârlia am 28. August. Das ist ein Highlight. Ich als Theatervertreter muss natürlich immer das Theater auch in den Vordergrund schieben: Es gibt ein Gastspiel des KO Theaters aus Köln von Davor Spisic, selbst Angehöriger der Roma. Das Herz von Anfang an, finde ich, ist das Familienfest am Nordmarkt. Wir haben es immer geschafft, dass zu den Veranstaltungen auch Menschen aus der Dortmunder Roma Community kommen. Aber der Nordmarkt ist der Ort, an dem viele sowieso ansässig sind, hier wohnen. Das ist der Treffpunkt für alle: die Community und Alteingesessene. Da schlägt das Herz des Festivals und das Motto der Begegnung wird dort am augenfälligsten. Ein Demozug für Vielfalt gibt es auch am selben Tag.

ak[due]ll: Gibt es bereits Pläne für 2017?
Meyer: Nach dem Festival ist vor dem Festival. Das heißt, jetzt sind wir gerade noch in der direkten Endphase der Planung des Festivals 2016. Aber natürlich wollen wir und ich glaube, es wollen auch alle großen Förderer der Stadt, weitermachen. Und wir schauen auch, dass wir uns peu à peu weiter verbreitern. Wir wollen auch aus den anderen Städten heraus über die Willensbekundung hinaus etwas entwickeln und es auch hinbekommen, das Ganze in anderen Städten zu etablieren oder zumindest Kooperationen zu starten.